03. Februar 2021 / 18:28 Uhr

Wolfsburgerinnen Rauch und Huth im Doppelinterview: „Das sind surreale Ablösesummen“

Wolfsburgerinnen Rauch und Huth im Doppelinterview: „Das sind surreale Ablösesummen“

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
 WOLFSBURG, GERMANY, JUN 28: Felicitas Rauch and Svenja Huth pose with the trophy after the team s championship victory during the Womens Bundesliga football match between VfL Wolfsburg and Bayer 04 Leverkusen. Daniela Porcelli/SPP VfL Wolfsburg v Bayer 04 Leverkusen PUBLICATIONxNOTxINxBRA
Felicitas Rauch (l.) feierte mit dem VfL Wolfsburg ihren ersten Meistertitel, Svenja Huth ihren zweiten, sie hatte mit dem 1. FFC Frankfurt 2009 schon den Titel geholt. © imago images/Sports Press Photo
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Die Fußball-Nationalspielerinnen des VfL Wolfsburg sprechen über Marktwerte im Frauenfußball, Konkurrenz aus dem Ausland und das Duell mit ihrem Ex-Verein Turbine Potsdam.

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Svenja Huths Hund Jamie bellt, als der Paketbote zu Beginn des Video-Interviews klingelt, Felicitas Rauch quittiert es mit einem Lachen. Gut gelaunt stellten sich die beiden Spielerinnen des VfL Wolfsburg den Fragen vor dem Duell mit ihrem langjährigen Verein Turbine Potsdam am Freitag (19.15 Uhr/Eurosport).

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Wie häufig waren Sie beide nach Ihrem Abschied vor eineinhalb Jahren noch in Potsdam?

Felicitas Rauch: Vor Corona war ich noch regelmäßig da, da mein Bruder dort und mein Vater in Berlin lebt. Da mache ich immer einen Abstecher nach Potsdam. Sveni und ich waren auch immer gerne bei Chi Keng, Sushi to go. (beide lachen)

Svenja Huth: Ich habe zu einigen Leuten noch Kontakt, vor allem zu Physiotherapeutin Jessica Viehweger. Der Kader hat schon ein ziemlich neues Gesicht bekommen.


Wie hat sich der Verein seither entwickelt?

Huth: Ich glaube, im Verein selbst hat sich in den eineinhalb nicht so viel Wesentliches verändert. Er ist ein Ausbildungsverein, das meine ich auch gar nicht negativ. Es gibt immer wieder Spielerinnen, mit denen man vor der Saison vielleicht gar nicht gerechnet hat, die aber bei Abgängen von Führungsspielerinnen wieder reinwachsen.

Rauch: Der Aspekt des Ausbildungsvereins ist sehr interessant. Wenn man sieht, wenn man national und international schaut, wie viele Spielerinnen schon einmal in Potsdam gespielt haben und sich dann in anderen Topmannschaften etablieren konnten.

Welche Bedeutung hat die Zeit bei Turbine Potsdam für Ihre eigene Karriere?

Rauch: Ich konnte mich von einer jungen Schülerin hin zur Bundesliga-Spielerin entwickeln und habe immer eine tolle Unterstützung erhalten, das ist natürlich schön, das bei einem Verein zu erleben. Und die Zeit unter Bernd Schröder hat einen sehr stark geprägt und einen mental sehr stark gemacht.

Huth: Eine sehr große. Rückblickend war der Wechsel 2015 von Frankfurt nach Potsdam genau der richtige Schritt, weil man mir das Vertrauen entgegengebracht hat und ich habe mich dort zu der Spielerin entwickelt, die ich heute bin. Ich hatte auf, aber auch neben dem Platz sehr viel Verantwortung.

Svenja Huth (o.l.) und Felicitas Rauch (u.) im SPORTBUZZER-Interview mit Stephan Henke von der Märkischen Allgemeinen Zeitung.
Svenja Huth (o.l.) und Felicitas Rauch (u.) im SPORTBUZZER-Interview mit Stephan Henke von der Märkischen Allgemeinen Zeitung. © SPORTBUZZER

Das Hinspiel haben Sie mit Wolfsburg 5:0 gewonnen, wird es am Freitag ähnlich deutlich?

Rauch: Wir müssen nach der Pause erst einmal sehen, wo wir stehen. Wir hatten drei Testspiele (zwei Siege gegen Frankfurt, ein Remis gegen SGS Essen, d. Red.), Potsdam keine. Wir werden aber sicher nicht den Fehler machen, Turbine zu unterschätzen.

Was trauen Sie Turbine diese Saison zu?

Rauch: Wenn man eine relativ junge Mannschaft hat, leidet manchmal die Konstanz. Aber Potsdam hat gute Führungsspielerinnen und ich glaube, dass Potsdam mit Frankfurt und Hoffenheim um den dritten Platz spielt. Und da wird es darauf ankommen, wer am konstantesten spielt.

War der Wechsel vor eineinhalb Jahren die richtige Entscheidung?

Huth: Wir sind direkt im ersten Jahr Meister und Pokalsieger geworden und standen im Champions-League-Finale. Der Meistertitel spricht für Konstanz, wir haben auch gegen kleinere Gegner keine Punkte liegen lassen. Und wir sind hier sehr schnell super integriert worden.

Rauch: Man konnte schon in Potsdam wahnsinnig viel lernen, ich bin dort in die Nationalmannschaft gekommen. Aber nach zehn Jahren war es an der Zeit, eine neue Herausforderung zu suchen, wo man sich neu beweisen muss.

Sie hatten schon nach einem halben Jahr den Vertrag direkt um zwei Jahre bis 2023 verlängert, das ist ungewöhnlich, dass so eine Entscheidung so früh fällt.

Rauch: Ich bin jemand, der Vertrauen braucht, der sich wohlfühlen muss und das stimmt für mich hier einfach. Deshalb sehe ich mich hier auch in den nächsten Jahren.

Was ist der größte Unterschied zwischen den beiden Vereinen?

Huth: Sicherlich das noch professionellere Umfeld. Die Infrastruktur in Potsdam ist ja da, aber gerade was die Trainingsbedingungen betrifft, gibt es große Unterschiede.

Rauch: In einem Winter, in dem plötzlich 20 Zentimeter Schnee liegen, haben wir einen beheizten Trainingsplatz, der einen grünen Rasen hat und in echt gutem Zustand ist – da möchte man auch etwas mit Topleistungen zurückgeben.

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Die sind notwendig, um Tabellenführer Bayern, der fünf Punkte Vorsprung hat, noch einzuholen. Was macht Sie zuversichtlich, dass das klappt?

Rauch: Ich denke, Bayern hatte auch schon im Jahr davor eine sehr gute Mannschaft mit vielen Nationalspielerinnen, die aber nie die Konstanz von uns auf den Rasen gebracht hat. Im ersten halben Jahr haben sie das jetzt geschafft. Wir müssen unsere Punkte holen und dranbleiben und im direkten Vergleich das Spiel gewinnen.

Das Internetportal „Soccerdonna“ hat den Marktwert von Fußballerinnen ermittelt. Frau Huth, Sie sind demnach 150 000 Euro wert, Frau Rauch, Sie 125 000 Euro. Was halten Sie davon?

Rauch: Ich stell mir die Frage, auf welcher Basis das beruht. Aber prinzipiell ist es schön, dass damit angefangen wird. Vor fünf, sechs, sieben Jahren war ja noch überhaupt nicht daran zu denken, Geld für eine Spielerin auszugeben, da sieht man auch so ein bisschen den Wandel der Zeit.

Huth: Beim Männerfußball haben die Verträge ja meist auch eine längere Laufzeit, da wird teilweise ja auch mit den Transfereinnahmen geplant. Vielleicht entwickelt sich das auch im Frauenfußball in diese Richtung.

Rauch: Früher gab es eine Handvoll Topclubs, da ist dann eine Ada Hegerberg (Weltfußballerin 2018, d. Red.) einfach so von Turbine zu Lyon gegangen. Jetzt hat man eine viel größere Bandbreite an Vereinen, die sich mit den besten Spielerinnen spicken wollen.

Huth: Das spricht auch für mehr Professionalität, die sich im Frauenfußball entwickelt. Viele Lizenzvereine machen eine Frauenfußballabteilung auf, gerade in England oder Spanien, die auch etwas entwickeln wollen.

Sie sehen die Entwicklung also durchaus positiv?

Rauch: Grundsätzlich ja, es darf halt den Rahmen nicht sprengen, so wie bei den Männern, das sind teilweise so surreale Ablösesummen.

Tut diese Konkurrenz aus dem Ausland der Bundesliga gut?

Huth: Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass alle Lizenzvereine auch eine Frauenfußball-Abteilung haben – und die auch aufbauen wollen. Es hört sich doch vom Namen viel besser an, wenn es ein Derby zwischen Schalke und Dortmund gibt, als wenn Meppen gegen Sand spielt. Nichts gegen die Vereine, aber die Lizenzvereine können ihren Frauenteams viel größere Möglichkeiten bieten. Was möglich ist, wenn es gewollt ist, sieht man in Bayern oder bei uns. Wenn das passiert, dann ist die Bundesliga künftig auch wieder eine Top-Adresse für ausländische Spielerinnen.

Sie befürworten also so einen Schritt wie den des 1. FFC Frankfurt, der sich vor der Saison bei Eintracht Frankfurt eingegliedert hat?

Huth: Natürlich ist es schade für solche Vereine, dass diese traditionellen Frauenfußballvereine nicht mehr so konkurrenzfähig sind. Aber wenn man sich weiterentwickeln will, ist dieser Schritt unumgänglich.