23. Mai 2019 / 06:00 Uhr

Felix Magath exklusiv über den Titel mit Wolfsburg, sein "Quälix"-Image und fehlende Ambitionen

Felix Magath exklusiv über den Titel mit Wolfsburg, sein "Quälix"-Image und fehlende Ambitionen

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Der Meister-Trainer Felix Magath im exklusiven SPORTBUZZER-Interview.
Der Meister-Trainer Felix Magath im exklusiven SPORTBUZZER-Interview. © imago sportfotodienst
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Er ist der Meistermacher des VfL Wolfsburg: Am 23. Mai 2009 wurde Felix Magath sensationell mit dem VfL Wolfsburg Deutscher Meister Auf den Tag genau zehn Jahre danach hat Magath mit dem SPORTBUZZER über die Bedeutung von Konditionstraining, fehlende Ambitionen bei anderen Klubs und über neue Berufe im Fußball gesprochen.

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Es war einer der überraschendsten Meistertitel in der Geschichte der Bundesliga. An diesem Donnerstag jährt sich der Gewinn der Schale für den VfL Wolfsburg zum zehnten Mal. Felix Magath, der die Niedersachsen 2009 zur Meisterschaft führte, erinnert sich an die Wolfsburger Glanzzeit im exklusiven SPORTBUZZER-Interview

SPORTBUZZER: Herr Magath, Sie haben im Januar 2009 im Trainingslager in Südspanien dem Mannschaftsrat erklärt, dass Sie Meister werden wollen. Da waren Sie mit dem VfL Wolfsburg gerade Neunter in der Bundesliga. Haben Sie selbst daran geglaubt?

Felix Magath (65): Natürlich nicht.

Aber Sie haben es für möglich gehalten?

Ich kann ja nicht in die Zukunft sehen. Aber ich habe in meiner Zeit als Spieler und Trainer gelernt, dass die meisten Menschen sich selbst begrenzen. Und das ist falsch. Es gibt nur wenige Menschen, die Ziele anstreben, die weit weg scheinen – und die sie dann auch erreichen. Manche schaffen es aufgrund einer besonderen Motivation, manche auch aus Not oder Angst. Nur: Setzen muss man sich die Ziele, auch wenn sie unrealistisch scheinen.

34 Spieltage 2008/09 zum Durchklicken: Der VfL-Weg zum Titel

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Felix Magath: "Dass ich immer nur auf Konditionsarbeit und das Quälix-Image reduziert werde, ist natürlich Unsinn"

Aber wenn Sie so ein Ziel ausgeben, müssen Sie doch zumindest die Fantasie haben, dass es erreichbar ist.

Ich habe gesagt, wir können Meister werden. Ich habe es nicht als Ziel ausgegeben.

Aber dann die Medizinbälle rausgeholt, damit es klappt?

Das ist auch so ein Thema. Dass ich immer nur auf Konditionsarbeit und das Quälix-Image reduziert werde, ist natürlich Unsinn. Es ging ja nie darum, die Spieler einfach nur fit zu machen. Es ging darum, sie besser zu machen und vor allem ging es darum, sie gesund zu halten. Wir hatten – und das war ein Verdienst von Werner Leuthard – in der Rückrunde der Meistersaison beim VfL kaum Verletzte, obwohl wir hart trainiert haben. In den wichtigen Spielen fiel keiner aus, das war ein ganz großer Faktor.

SPORTBUZZER-Wolfsburg-Chef Andreas Pahlmann im Gespräch mit Felix Magath.
SPORTBUZZER-Wolfsburg-Chef Andreas Pahlmann im Gespräch mit Felix Magath. © SPORTBUZZER

Magath: Neue Posten wie Kaderplaner "richtig lustig"

Aber das allein ist ja keine Erklärung dafür, dass die Rückrunde so viel besser war als die Hinrunde – wie übrigens auch schon in der Saison davor.

Es haben ja immer nur die wenigsten einsehen wollen – das war in Wolfsburg so und anderswo auch –, dass es seine Zeit braucht. Als ich 2007 anfing waren nur noch zwölf Spieler da...

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...aber genug Geld, Neue nach Ihren Vorstellungen zu holen.

Das war ein Vorteil, gerade für mich, natürlich. Ich wusste, was ich als Trainer will, und hatte als Manager die Möglichkeit, das ohne Reibungsverlust umzusetzen. Wenn Sie im Verein einen Trainer und einen Manager oder einen Trainer und einen Sportvorstand haben, haben Sie immer schon einmal mindestens zwei Meinungen.

Mittlerweile oft noch mehr.

Ja, heute gibt es ja auch Kaderplaner und was weiß ich nicht alles für Posten, das ist ja richtig lustig. Aber je mehr Meinungen man hat, desto mehr verwässert sich die Idee von dem Fußball, den man eigentlich spielen lassen will.

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Als wir dazu aufgerufen haben, uns Bilder rund um die Meisterschaft des VfL Wolfsburg zu schicken, waren wir schon sehr zuversichtlich – wir ahnten, dass uns das eine oder andere schöne Bild mit Erinnerungen an den Mai 2009 erreichen würde. Am Ende hat uns die Resonanz dann aber doch überrascht - hier ist eine Auswahl zum Durchklicken. Zur Galerie
Als wir dazu aufgerufen haben, uns Bilder rund um die Meisterschaft des VfL Wolfsburg zu schicken, waren wir schon sehr zuversichtlich – wir ahnten, dass uns das eine oder andere schöne Bild mit Erinnerungen an den Mai 2009 erreichen würde. Am Ende hat uns die Resonanz dann aber doch überrascht - hier ist eine Auswahl zum Durchklicken. ©

Stürmer müssen weniger laufen? "Das ist alles Erzählerei"

Waren die Konditionseinheiten in gewissem Maße auch ein Ausleseprozess? Wer kann – körperlich und mental –, und wer kann nicht?

Absolut. Um die Stärke einer Gruppe zu erkennen, muss ich doch wissen, wer ihr schwächstes Glied ist. Heute höre ich immer, dass Stürmer weniger laufen müssen, dass der eine Mannschaftsteil darum Kondition anders trainieren muss als der andere. Das ist alles Erzählerei. Ich brauchte zu allererst doch ein gewisses Grundniveau. Und wenn ich erfolgreich sein will, muss das höher sein als bei anderen.

Sie haben angedeutet, dass Sie mit Ihrem Image als „Quälix“ hadern – dabei wird das harte Training gerade von Ihren Spielern auch immer wieder als Hauptgrund für den Erfolg genannt.

Natürlich waren wir auch deshalb erfolgreich. Dass ich aber darauf reduziert werde, ist lächerlich. Und dass Konditionsarbeit wichtig ist, ist ja nichts Neues. Ich gehe das Thema nur auf meine Art an. Andere Trainer wissen vielleicht nicht, was der menschliche Körper leisten kann, weil sie immer nur mit ihrem iPad ausrechnen, wie viele Meter in der Sekunde der Spieler schaffen kann, während ich das vorlebe und aus meiner aktiven Zeit aus jedem Leistungsbereich – von der zweittiefsten Spielklasse bis zum WM-Finale – persönliche Erfahrungen mitbringe.

Das war die Magath-Idee beim VfL Wolfsburg

Wie war Ihre Idee, als Sie 2007 in Wolfsburg anfingen?

Ich wollte über die Flügel spielen. Dazu brauchte ich Außenverteidiger, die offensiv marschieren können, und Stürmer, die groß sind. Gefunden haben wir dann Riether, Schäfer, Dzeko, Grafite.

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Wie sind Sie denn auf Spieler wie Dzeko gekommen?

Über die Fakten. Kaum älter als 20, groß, kommender Nationalspieler und ehrgeizig, sonst wäre er nicht von Bosnien in die tschechische Liga gewechselt. Dass er als Spieler aus dem ehemaligen Jugoslawien technisch gut ist, davon konnte man ausgehen.

Als Sie Dzeko hatten, kam Gra­fite dazu. Den kannte in Deutschland keiner ...

Wie das so ist: Man kennt die Branche, sagt, was man braucht, und schaut, was angeboten wird. Dzeko war schon da, eher ein Techniker – da brauchte ich noch einen für Kraft und Dynamik.

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Felix Magath: Deshalb war Grafite der wichtigste Spieler

Im Sommer vor der Meistersaison hatten Sie das Gerüst der Meistermannschaft zusammen.

Ja, aber ich hatte noch eine Riesenbaustelle: Marcelinho. Der war noch da, als wir Zvjezdan Misimovic verpflichtet hatten. Um mit der Mannschaft einen Schritt nach vorn zu machen, brauchte ich einen wie „Zwetschge“ auf der Zehn, keinen, der wie Marcelinho den Abschluss sucht. Ich brauchte einen, der andere in Szene setzt. Erst als sein Wechsel nach Rio perfekt war, hatten wir klare Verhältnisse.

Gab es in dem Kader einen Spieler, von dem Sie sagen, er war besonders entscheidend?

Ja. Grafite. Er war mein wichtigster Spieler.

Wegen seiner Tore?

Auch. Er war ein paar Tage bei uns, da hat er sich in einem Testspiel verletzt. Der Knöchel war dick, die Ärzte schlossen einen Einsatz am Samstag in Cottbus aus. Am Freitag kommt er mit Sporttasche in die Kabine. „Ich will spielen“, hat er gesagt. Und die ganze Zeit hatte er dabei gute Laune. Egal, ob er angeschlagen war oder ob das Training hart war: Er hat nie gemault.

Magath: "Es hat einfach keiner mehr den Anspruch, Meister zu werden"

Ab wann haben Sie denn persönlich an den Titel geglaubt?

Eigentlich nie.

Bitte?

So toll die Mannschaft auch war, es war eigentlich keine, mit der man Meister wird. So richtig geglaubt habe ich es erst, als wir im letzten Spiel gegen Bremen das vierte Tor gemacht hatten.

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Öffentlich haben Sie am 30. Spieltag erstmals über das Ziel Meisterschaft gesprochen. Ein taktisches Manöver?

Ja, klar. Mein Wechsel zu Schalke drohte alles in den Hintergrund zu drängen. Da wollte ich einen Gegenimpuls setzen. Ich weiß nicht, ob wir ohne diesen Impuls Meister geworden wären.

Wieso sind seit der VfL-Meisterschaft nur noch Bayern und Dortmund Meister geworden?

Weil der VfL mich nicht noch einmal zurückgeholt hat (lacht). Nein, im Ernst: Es hat einfach keiner mehr den Anspruch, Meister zu werden. Das gilt nicht nur für den VfL Wolfsburg, das gilt für alle. Als ich in England und China gearbeitet habe und die Bundesliga mit etwas Abstand verfolgen konnte, hatte ich immer stärker das Gefühl: Alle sind zufrieden, wenn sie in der Liga mitspielen dürfen. Oder sagen sich sogar, wie jetzt Hannover: Dann steigen wir eben ab und dann wieder auf. Mir fehlen Vereine, die was erreichen wollen. Die Liga richtet sich im Mittelmaß ein. Wenn einer einen Pass über zehn Meter spielt, wird er schon abgefeiert.

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