23. Mai 2019 / 12:30 Uhr

Felix Magath über die Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg: "Grafite war mein wichtigster Spieler"

Felix Magath über die Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg: "Grafite war mein wichtigster Spieler"

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Felix Magath spricht über die Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg.
Felix Magath spricht über die Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg.
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Zehn Jahre nach der Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg sprach AZ/WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann mit Wolfsburgs Meistertrainer Felix Magath. Hier gibt's die XXL-Version des Interviews - in drei Teilen. Im ersten Teil  geht's um das Quälix-Image, seinen Lieblingspieler - und um zwei Italiener, die nicht seine Idee waren.

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Herr Magath, Sie haben im Januar 2009 im Winter-Trainingslager in Südspanien dem Mannschaftsrat erklärt, dass Sie Meister werden wollen. Da waren Sie mit dem VfL Wolfsburg gerade Neunter in der Bundesliga. Haben Sie selbst daran geglaubt?

Natürlich nicht. Das wäre ja auch vermessen gewesen.

Aber Sie haben es für möglich gehalten?

Ich kann ja nicht in die Zukunft sehen. Aber ich habe in meiner Zeit als Spieler und Trainer gelernt, dass die meisten Menschen sich selbst begrenzen. Und das ist falsch. Es gibt nur wenige Menschen, die Ziele anstreben, die weit weg scheinen – und die sie dann auch erreichen. Manche schaffen es aufgrund einer besonderen Motivation, manche auch aus Not oder Angst. Nur: Setzen muss man sich die Ziele, auch wenn sie unrealistisch scheinen.

"Als ich 2007 anfing waren nur noch zwölf Spieler da"

Aber wenn Sie so ein Ziel ausgeben, müssen Sie doch zumindest die Fantasie haben, dass es erreichbar ist.

Ich habe damals gesagt, wir können Meister werden. Ich habe es nicht als Ziel ausgegeben.

Aber dann die Medizinbälle rausgeholt, damit es klappt?

Das ist auch so ein Thema. Dass ich immer nur auf Konditionsarbeit und das Quälix-Image reduziert werde, ist natürlich Unsinn. Es ging ja nie darum, die Spieler einfach nur fit zu machen. Es ging darum, sie besser zu machen und vor allem ging es darum, sie gesund zu halten. Wir hatten – und das war ein Verdienst von Werner Leuthard – in der Rückrunde der Meistersaison beim VfL kaum Verletzte, obwohl wir hart trainiert haben. In den wichtigen Spielen fiel keiner aus, das war ein ganz großer Faktor.

Andreas Pahlmann im Gespräch mit Felix Magath
Andreas Pahlmann im Gespräch mit Felix Magath ©
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Aber das allein ist ja keine Erklärung dafür, dass die Rückrunde so viel besser war als die Hinrunde – wie übrigens auch schon in der Saison davor.

Es haben ja immer nur die wenigsten einsehen wollen – das war in Wolfsburg so und anderswo auch –, dass es seine Zeit braucht. Als ich 2007 anfing waren nur noch zwölf Spieler da...

...aber genug Geld, Neue nach Ihren Vorstellungen zu holen.

Das war ein Vorteil, gerade für mich, natürlich. Ich wusste, was ich als Trainer will, und hatte als Manager die Möglichkeit, das ohne Reibungsverlust umzusetzen. Wenn Sie im Verein einen Trainer und einen Manager oder einen Trainer und einen Sportvorstand haben, haben Sie immer schon einmal mindestens zwei Meinungen.  

Mittlerweile oft noch mehr.

Ja, heute gibt es ja auch Kaderplaner und was weiß ich nicht alles für Posten, das ist ja richtig lustig. Aber je mehr Meinungen man hat, desto mehr verwässert sich die Idee von dem Fußball, den man eigentlich spielen lassen will.

Wie war Ihre Idee, als Sie 2007 in Wolfsburg anfingen?

Ich wollte über die Flügel spielen. Dazu brauchte ich Außenverteidiger, die offensiv marschieren können, und Stürmer, die groß sind. Gefunden haben wir dann Riether, Schäfer, Dzeko, Grafite.

Wie haben Sie die gefunden? Anfang Mai stand ja noch gar nicht fest, dass Sie zum VfL kommen, da wurde die Zeit eng.

Und wie. Als mich VW-Chef Martin Winterkorn fragte, war ich ja gerade bei meinem Vater in der Karibik. Ich bin also über New York und London nach Braunschweig geflogen, habe mich mit dem Aufsichtsrat getroffen und entschieden, dass ich das mache, dann bin ich über Frankfurt und Madrid zurück nach Puerto Rico und habe erst einmal telefoniert. Ich kannte ja die Wolfsburger Scouts noch gar nicht, ich musste auf meine Kontakte zurückgreifen. Also habe ich Bernd Hollerbach angerufen und ihn gebeten, sich in Bosnien doch bitte mal das erste Länderspiel eines gewissen Edin Dzeko anzuschauen.

Wie waren Sie denn auf den gekommen?

Über die Fakten. Kaum älter als 20, groß, kommender Nationalspieler und offenbar ehrgeizig, sonst wäre er nicht schon von Bosnien in die tschechische Liga gewechselt. Dass er als Spieler aus dem ehemaligen Jugoslawien technisch gut ist, davon konnte man ausgehen. Und wir wussten ja, dass wir Spieler finden mussten, die... nun, wie soll ich es sagen, ohne dass jemand in Wolfsburg beleidigt ist...

...Spieler, die bereit waren, in eine Stadt wie Wolfsburg zu kommen?

Jetzt haben Sie es gesagt. Aber es stimmt schon. Es mussten Spieler sein, die noch nicht so riesig erfolgreich waren und die nicht schon erste Kontakte zu anderen Klubs hatten.

Gab es damals Spieler, die sie gern gehabt hätten, aber nicht bekommen haben, weil der Standort nicht attraktiv genug war?

Das kann ich wirklich nicht sagen, weil wir immer zuallererst geguckt haben, ob der Spieler bereit wäre, zum VfL zu kommen. Nur mit denen haben wir uns dann ernsthafter beschäftigt, die anderen haben wir gleich wieder vergessen.

34 Spieltage 2008/09 zum Durchklicken: Der VfL-Weg zum Titel

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Haben Sie Dzeko vor der Verpflichtung überhaupt selbst spielen sehen?

Nein, dafür war keine Zeit. Die englischen und spanischen Klubs haben damals ja auch schon das Scouting intensiver betrieben als die Bundesligisten. Wir mussten einfach schneller sein. Schlechte Spieler kannst du jahrelang beobachten, aber die guten, die sind schnell weg, da kann ich nicht noch vier Scouts hinschicken oder aufs nächste Länderspiel warten.

Als Sie Dzeko hatten, kam Grafite dazu. Den kannte in Deutschland keiner...

...ich auch nicht.

Dann hat ihn jemand empfohlen?

Wie das so ist: Man kennt die Branche, telefoniert und sagt, was man braucht und schaut dann, was angeboten wird. Dzeko war ja schon da, eher ein Techniker – da brauchte ich noch einen für Kraft und Dynamik.

Aber bis die beiden zusammenpassten, dauerte es etwas.

Natürlich, die beiden und auch alle anderen spielen ja nicht von jetzt auf gleich wie aus einem Guss. Das dauert, das will manchmal nur keiner einsehen. Ich kann mich noch an Schlagzeilen erinnern wie „Wenn der VfL dieses Spiel verliert, dann hat er die schlechteste Hinrunde seiner Bundesliga-Geschichte gespielt“, womöglich war die ja von Ihnen.

Wenn‘s faktisch richtig war, kann das gut sein.

Ist aber sehr ungeduldig.

"Barzagli und Zaccardo waren nicht meine Idee"

Während der Hinrunde im Jahr vor der Meisterschaft haben Sie Geduld angemahnt und gebetsmühlenartig wiederholt, dass die Rückrunde besser wird – und hatten Recht, am letzten Spieltag sprang der VfL noch auf einen UEFA-Cup-Platz. War das auch wichtig für Ihre Glaubwürdigkeit?

Ja, absolut. Wir sind dann ja Fünfter geworden, was der Mannschaft natürlich auch Selbstbewusstsein gegeben hat. Und wenn so etwas passiert und man als Trainer sagen kann „Ich hatte Recht“, dann glauben einem die Spieler auch, wenn man ein halbes Jahr später als Neunter sagt, dass man Meister werden kann.

Im Sommer vor der Meistersaison hatten Sie das Gerüst der Meistermannschaft schon zusammen.

Ja, aber ich hatte auch noch eine Riesenbaustelle im Kader: Marcelinho. Der war ja noch da, als wir Zvjezdan Misimovic schon verpflichtet hatten. Um mit der Mannschaft einen Schritt nach vorn zu machen, brauchte ich einen wie Zwetschge auf der Zehn. Ich brauchte keinen, der wie Marcelinho selbst den Abschluss sucht, ich brauchte einen, der andere in Szene setzt. Aber ich konnte Marcelinho schlecht draußen lassen, dazu war er als Figur zu wichtig. Er hatte ja auch Tolles geleistet für den VfL und war in meiner ersten Wolfsburg-Saison mein Kapitän. Erst als Mitte August sein Wechsel nach Rio perfekt war, hatten wir klare Verhältnisse.

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Als wir dazu aufgerufen haben, uns Bilder rund um die Meisterschaft des VfL Wolfsburg zu schicken, waren wir schon sehr zuversichtlich – wir ahnten, dass uns das eine oder andere schöne Bild mit Erinnerungen an den Mai 2009 erreichen würde. Am Ende hat uns die Resonanz dann aber doch überrascht - hier ist eine Auswahl zum Durchklicken. Zur Galerie
Als wir dazu aufgerufen haben, uns Bilder rund um die Meisterschaft des VfL Wolfsburg zu schicken, waren wir schon sehr zuversichtlich – wir ahnten, dass uns das eine oder andere schöne Bild mit Erinnerungen an den Mai 2009 erreichen würde. Am Ende hat uns die Resonanz dann aber doch überrascht - hier ist eine Auswahl zum Durchklicken. ©

Vorher waren noch zwei italienische Weltmeister gekommen.

Ja, aber die beiden waren nicht meine Idee.

Sondern?

Ich saß mit Bernd Osterloh zusammen, dem VW-Betriebsrats-Chef. Und er sagte zu mir: „Mensch, Herr Magath, wir haben so viele italienische Mitarbeiter hier in Wolfsburg, da wäre es doch eine prima Sache, wenn Italiener für den VfL spielen.“ Ich hab‘ halb im Scherz gesagt: „Herr Osterloh, wenn Sie das wollen, dann mach ich das.“ Und so hat er mich auf die Idee gebracht. Wir hatten schnell Cristiano Zaccardo und Andrea Barzagli im Auge, bei Barzagli dauerte es etwas länger, bis das perfekt war, er war ja auch der teurere von den beiden. Sie kamen dann zusammen im Trainingslager in der Schweiz an und haben erst einmal nicht schlecht gestaunt.

Warum?

Naja, die waren in Italien anderes Training gewohnt. Bei mir wurde auch mal ohne Ball trainiert, das kannten sie nicht.

Heute trainieren viele Kollegen komplett mit Ball, auch Ausdauer. Fußballer sind ja keine Leichtathleten.

Ach, hören Sie doch auf. Konditionseinheiten in der Vorbereitung sind wichtig. Nicht nur, weil man dadurch mehr und besser laufen kann, sondern auch für den Kopf. Der Spieler lernt, den Punkt, an dem es eigentlich nicht mehr geht, zu überwinden. Als ich Profi wurde, war meine erste Trainingseinheit 1974 in Saarbrücken unter Slobodan Cendic ein Waldlauf, bei dem ich zwischendurch abbiegen und mich übergeben musste. Und weil man als junger Spieler keine Schwäche zeigen will, bin ich anschließend weitergelaufen und habe gemerkt: Das geht ja tatsächlich. So etwas prägt.

Fiel Barzagli diese Anpassung leichter? Oder warum erwies er sich als der sportlich deutlich Wertvollere der beiden Italiener?

Zaccardo fehlte es an taktischer Disziplin. Und Andrea hatte natürlich enorme Qualität und auch schon mehr Erfahrung.

Für die Zaccardo-Position haben Sie dann ein halbes Jahr vor der Meisterschaft noch Peter Pekarik geholt. Ein kleines, aber wichtiges Schräubchen?

Richtig – und ein klassisches Beispiel dafür, dass es manchmal eine Kleinigkeit braucht, die eine Mannschaftsleistung deutlich besser macht.

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Gab es in dem Meister-Kader einen Spieler, von dem Sie heute sagen, er war besonders entscheidend?

Ja. Grafite. Er war mein wichtigster Spieler.

Wegen seiner Tore?

Auch, aber das meine ich nicht. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte dazu: Er war gerade ein paar Tage bei uns, da hat er sich in einem Testspiel gegen unsere U23 verletzt. Der Knöchel war richtig dick, war auch am Tag danach, einem Donnerstag, nicht abgeschwollen und die Ärzte schlossen einen Einsatz am Samstag in Cottbus aus. Am Freitag kommt er plötzlich mit Sporttasche in die Kabine. Ich frage ihn: „Graffa, was willst du mit der Sporttasche?“ „Ich will spielen“, hat er gesagt. Ich habe ihn groß angeguckt: „Was willst du?“ Ich hatte ihn ja gar nicht auf dem Zettel mit seinem dicken Knöchel. Und die ganze Zeit hatte er dabei gute Laune. Egal, ob er angeschlagen war oder ob das Training hart war: Er hat nie gemault, war nie negativ. Diese Einstellung hat mir enorm gefallen, so einen Spieler hatte ich ansonsten in meiner ganzen Trainer-Karriere nicht – vorher nicht und hinterher nicht. Dabei waren gerade für ihn als großen und schweren Spieler die Lauf-Einheiten immer viel schwieriger als für die kleinen, drahtigen Ausdauer-Typen. Aber egal, wie hart es war – Graffa war der, der gute Laune hatte und verbreitete.

"Dzeko und Grafite - das war ein Konkurrenzkampf"

Und die Mitspieler ansteckte?

Natürlich. Wenn Sie so einen im Kader haben, dann setzt der ja auch Maßstäbe für die anderen, zieht die anderen mit. Graffa hatte nicht nur den Willen, der hatte auch die Siegermentalität – und vor allem hatte er keine Angst, nicht vor Gegenspielern, nicht vor Verletzungen. Dem war das egal, ob wir gegen Cottbus oder gegen Bayern gespielt haben. So ein Vorbild brauchen Sie für die Stimmung in der Mannschaft, das können Sie als Trainer nicht komplett von außen steuern.

Dzeko war der bessere Fußballer, Grafite der wichtigere Typ?

So kann man das sagen, ja.

Nach außen wurde das Verhältnis zwischen den beiden immer als sehr freundschaftlich dargestellt.

Aber intern war das ein heißer Konkurrenzkampf. Dzeko hatte mit Misimovic einen Landsmann an seiner Seite, Grafite mit Josué. Ich habe diese Konstellation nicht bewusst herbeigeführt, aber im Nachhinein war‘s enorm wertvoll, dass beide sozusagen „ihre“ Mittelfeldspieler als Ansprechpartner, Spielpartner und Bezugspersonen hatten. Aber es war definitiv ein Konkurrenzkampf, die wollten schon beide Torschützenkönig werden.

Dzeko sah man auch immer mal wieder schimpfen, wenn Grafite den Ball nicht quergelegt hat...

Edin war jung, ehrgeizig, manchmal auch verbissen und auf jeden Fall der Unruhigere. Graffa war ein anderer Typ, den hat das ganze Drumherum weniger beschäftigt, der wollte einfach nur Tore machen.

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