19. November 2020 / 14:59 Uhr

Feuer und Sparflamme: Jubiläum bei Stahl Brandenburg

Feuer und Sparflamme: Jubiläum bei Stahl Brandenburg

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
Der FC Stahl Brandenburg spielt heute in der siebten Liga.
Der FC Stahl Brandenburg spielt heute in der siebten Liga. © Marcus Alert
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Der heutige Landesligist feiert 70 Jahre Fußball am Quenz. Es war eine Zeit von Erfolgen in hohen Ligen, aber auch Enttäuschungen. Für die Zukunft hat der FC Stahl viele Pläne.

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Der Countdown läuft. Seit Kurzem ticken auf der Facebookseite des FC Stahl Brandenburg täglich die Ziffern herunter, am Donnerstag ist die 1 zu sehen. Am Freitag, 20. November, dem Tag 0, steht dann ein Jubiläum an. „70 Jahre Fußball am Quenz“, sagt Friedhelm Ostendorf. Er ist der Präsident des FC Stahl, einem Verein, der selbst erst 22 Jahre alt ist. „Aber wir gehen eben auf eine Tradition zurück, die am 20. November 1950 ihren Ursprung hat.“

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Aus BSG wurde BSV und dann FC

Da wurde die Betriebssportgemeinschaft (BSG) Stahl Brandenburg gegründet, die mit zeitweise mehr als 2000 Mitgliedern zu den größten ihrer Art in der DDR gehörte. Die deutsche Wiedervereinigung führte zum Umbruch. Einige Sektionen wurden aufgelöst, andere formierten sich als eigenständige Vereine neu.

Chemie Premnitz und Stahl Brandenburg trennen sich 2:2.

Die Hausherren kamen in der zehnten Minute der Nachspielzeit zum 2:2-Ausgleich: Zur Galerie
Die Hausherren kamen in der zehnten Minute der Nachspielzeit zum 2:2-Ausgleich: © Christoph Laak

Die SG Stahl Brandenburg bietet beispielsweise Rugby, Billard, Flossenschwimmen, Bowling und Behindertensport ein zu Hause. Die großen Aushängeschilder der BSG, Fußball und Handball, machten ihrerseits zunächst als BSV Stahl Brandenburg weiter. Die Handballer hatten nach vier Jahren in der höchsten Liga der DDR sogar 1991/92 eine Saison in der 1. Bundesliga gespielt. Doch durch den Weggang vieler Leistungsträger im Zuge der Wende war das Team nicht mehr konkurrenzfähig, sodass Stahl mit nur einem Sieg und einem Remis bis heute Letzter der ewigen Tabelle der Handball-Bundesliga ist.

"Eine Chance für Aussortierte"

Doch mit der Marke Stahl Brandenburg werden vor allem die Fußballer aus dem Gebiet am nahe gelegenen Quenzsee assoziiert. Eine Ikone früherer Tage ist Eberhard Janotta. „Stahl – Feuer!“, der Schlachtruf der Fans, sorgt bei ihm noch heute für Gänsehaut. „Sportlich und menschlich war das die intensivste und schönste Zeit meiner Karriere“, erinnert sich der 58-Jährige.

Eberhard Janotta aus Leegebruch ist eine Legende von Stahl Brandenburg.
Eberhard Janotta aus Leegebruch ist eine Legende von Stahl Brandenburg. © Robert Roeske

Er kickte von 1984, als die Mannschaft in die DDR-Oberliga aufgestiegen war, bis zum Abstieg aus der 2. Bundesliga 1992 für Stahl. War Top-Torjäger und der einzige Spieler der Brandenburger, der ein A-Länderspiel für die DDR-Auswahl bestritt. „Stahl hatte vielen, die woanders aussortiert worden waren, eine Chance gegeben. Wir wollten zeigen, dass wir das verdient hatten“, sagt der Mann, der in seinem Heimatort Leegebruch (Oberhavel) lebt, dort als Kindergarten-Hausmeister arbeitet und den ansässigen Kreisoberligisten trainiert. Macher im Hintergrund der BSG war der Chef ihres Trägerbetriebs, das jetzige FC-Ehrenmitglied Hans-Joachim Lauck.

Eberhard Janotta (M.) jubelt mit seinem Stahl-Team bei einem Spiel 1990. 
Eberhard Janotta (M.) jubelt mit seinem Stahl-Team bei einem Spiel 1990.  © Lothar Benesch

Platz vier war das beste Saisonergebnis in der DDR-Oberliga für Brandenburg. In der Saison 1986/87 durfte die Mannschaft sogar im Uefa-Pokal ran, schaltete in der ersten Runde den nordirischen Vertreter Coleraine FC aus und schied danach gegen Schwedens IFK Göteborg aus. Janotta erzielte das erste von letztlich drei Stahl-Toren im Europapokal. 18. 000 Zuschauer verfolgten damals das Heimspiel im rappelvollen Stahl-Stadion.

Der Brandenburger Uwe Schulz (o.) beim Oberliga-Heimspiel gegen den 1. FC Lok Leipzig 1988.
Der Brandenburger Uwe Schulz (o.) beim Oberliga-Heimspiel gegen den 1. FC Lok Leipzig 1988. © privat

Nach der Wende qualifizierten sich die Havelstädter für die zweigleisige 2. Bundesliga, in der sie sich aber nicht halten konnten. Talente wie Steffen Freund, später Champions-League-Sieger mit Borussia Dortmund und Europameister 1996, Roy Präger und Christian Beeck, die sich Jahre danach beim VfL Wolfsburg beziehungsweise Energie Cottbus in Liga eins etablierten, waren dabei.

Und während im Stahl-Werk die Öfen ausgingen, loderte fortan auch das fußballerische Stahl-Feuer nur auf Sparflamme. Mehrfache Abstiege, Insolvenz 1998 mit anschließender Neugründung als FC Stahl und weitere Abstiege. „Es ist eben für viele Vereine in Brandenburg und im Osten schwierig ohne Finanzkraft“, sagt Janotta. Aktuell ist der FC Stahl nur noch Landesligist, zum Zeitpunkt der Corona-Zwangspause immerhin Tabellenführer der Nordstaffel und doch hinter Oberligist BSC Süd 05 nur die Nummer zwei in der Stadt. „Perspektivisch möchten wir höherklassig spielen und zurück in die Brandenburgliga“, sagt Präsident Ostendorf, der seit September 2018 im Amt ist.

Förderung des Nachwuchses

In seinem Verein, der mehr als 400 Mitglieder zählt, erkennt er eine „sehr gute Entwicklung“. Vor allem im Nachwuchs sei viel vorangegangen, sagt der 54-jährige Vertriebsleiter. Dank des großen Engagements der knapp 40 Trainer wie Lars Bauer, Marco Leffs und Denny Gerlich. Auch das Frauenteam um Coach Oliver Gühne – 2017 Landesmeister – hebt er positiv hervor.

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16 Mannschaften hat der FC Stahl momentan im Spielbetrieb gemeldet. Die Männer können sich dabei – gemessen am Ligalevel – einer außergewöhnlichen Fanunterstützung erfreuen. Ostendorf setzt als Vereinschef auf eine „ehrliche, vertrauensvolle Arbeit“, will vor allem infrastrukturell mit Unterstützung der Stadt Verbesserungen schaffen. Das Stadion am Quenz solle als größte kombinierte Fußball- und Leichtathletikanlage des Bundeslandes (15.500 Zuschauerplätze) intakte Sanitäreinrichtungen bekommen, auch ein Kunstrasenplatz stehe auf der Wunschliste.

Bereits vorangeschritten ist die Neugestaltung des Vereinsheims inklusive Club-Gaststätte „Blau-Weiß“ und Umkleidetrakt. Dort sind die Kabinen inzwischen nicht mehr nummeriert, sondern tragen die Namen verdienter Spieler. Natürlich heißt eine Eberhard Janotta. „Das ist eine tolle Wertschätzung und Ehre“, sagt er. Und wünscht sich künftig viel Feuer für Stahl.