20. Februar 2021 / 08:00 Uhr

FIA-Frauenchefin Michèle Mouton: "Motorsport ist keine Frage der Stärke"

FIA-Frauenchefin Michèle Mouton: "Motorsport ist keine Frage der Stärke"

Bianca Garloff
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Michèle Mouton spricht im Interview unter anderem über die Chancen für Frauen im Motorsport.
Michèle Mouton spricht im Interview unter anderem über die Chancen für Frauen im Motorsport. © Getty Images (Montage)
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Michèle Mouton setzt sich als Präsidentin der Kommission "Frauen im Motorsport" für mehr weibliche Fahrerinnen in Rennserien ein. Mit Maya Weug, die ins Juniorteam von Ferrari aufgestiegen ist, hat die Französin bereits einen Erfolg vorzuweisen. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Mouton über das "Girls on Track"-Programm und wann mit der nächsten Frau in der Formel 1 zu rechnen ist.

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Frauen als Pilotinnen in der Formel 1 sind noch immer die Ausnahme. Die ehemalige französische Rallyepilotin Michèle Mouton fungiert beim Automobil-Weltverband FIA als Präsidentin der Kommission "Frauen im Motorsport". Im SPORTBUZZER-Interview spricht sie über Wege, Frauen in den Motorsport zu bringen und ihre Erfahrungen mit männlichen Kollegen auf der Strecke.

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SPORTBUZZER: Frau Mouton, Sie haben die erste Frau zu Ferrari gebracht: Maya Weug aus dem "Girls on Track"-Programm heraus ins Ferrari-Juniorteam, in dem auch Mick Schumacher gefördert wird. Wie stolz sind Sie darauf?

Michèle Mouton (69): Es ist ein spezielles Programm und ein historischer, emotionaler Moment! Es ist ein sehr neues und innovatives Programm – ins Leben gerufen von der FIA-Kommission für Frauen im Motorsport. Und natürlich werden wir Mayas Fortschritte mit großem Interesse verfolgen. Dass wir Ferrari als Partner an Bord haben, stimmt mich zuversichtlich, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Was haben Sie gedacht, als Sie Ihre Mädchen im Ferrari-Overall gesehen haben?


Das war speziell. Ferrari ist die Referenz. Und die erste Frau im roten Rennanzug zu sehen, bedeutet viel. Wir müssen den Mädchen schon im jungen Alter gute Chancen ermöglichen. Es ist leider sehr oft so, dass hoffnungsvolle weibliche Talente mit dem Rennfahren aufhören, wenn sie 14 oder 15 Jahre alt sind. Weil sie keine Zukunft sehen. Die Ferrari Drivers Academy an Bord zu haben, aus der bereits aktuelle Stars wie Charles Leclerc hervorgegangen sind, ist ein Zeichen der Hoffnung für alle jungen Mädchen im Motorsport.

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Warum gibt es diesen Bruch im Alter von 14, 15 Jahren?

In diesem Alter sind junge Mädchen erwachsener als Jungen, und wenn sie keine weiblichen Vorbilder haben, sehen sie in dem Sport einfach keine Zukunft. Sie fragen sich, warum sie weitermachen sollten.

Sie selbst haben bewiesen, dass Frauen genauso schnell sein können wie Männer. Warum ist das im Motorsport möglich?

Motorsport ist in der Tat eine der wenigen Sportarten, wo Männer und Frauen gegeneinander antreten können und es auch tun. Darin ist der Rennsport einzigartig und wir sollten stolz darauf sein. Männer und Frauen haben unterschiedliche Fähigkeiten mentaler und physischer Natur. Wir haben im Rennsport ganz unterschiedliche Disziplinen. Rallye und Offroad erfordern ganz andere Fertigkeiten als Rundenstreckensport und Formel 1. Ich zum Beispiel mochte es nie, auf einer Rennstrecke Kreise zu drehen und immer an denselben Stellen zu bremsen oder zu lenken. Ich habe die Schule der Improvisation, das Rallyefahren, ganz klar bevorzugt. Aber weil wir in allen Disziplinen mehr vom Werkzeug, dem Auto, abhängig sind als von der Muskelkraft, können wir gegen die Männer antreten. Motorsport ist keine Frage der Stärke.

Mouton: "War immer sehr stolz, gemeinsam mit und gegen Männer fahren zu dürfen"

Zum schnellen Autofahren gehört aber auch Mut. Sind Frauen genauso mutig wie Männer?

Was bedeutet Mut? Sechs oder acht Kinder großzuziehen ist mutig. Den Mount Everest zu besteigen ist mutig. Inmitten des Ozeans zu segeln ist mutig. Aber man braucht keinen Mut, um die 24 Stunden von Le Mans zu fahren oder einige die Rallye Monte Carlo. Man braucht lediglich das Können und muss lieben, was man tut.

Das haben Sie als Rallyepilotin getan. Wie war es, als einzige Frau gegen die Männer anzutreten?

Nichts Besonderes. Ich habe es geliebt, im Wettbewerb gegen andere am Start zu stehen. Dabei habe ich nicht daran gedacht, ob ich eine Frau bin oder ein Mann.

Trotzdem waren Sie eine Ausnahme, besonders in den 80er-Jahren. Haben Sie sich je diskriminiert gefühlt?

Warum diskriminiert? Ich war damals sehr stolz, gemeinsam mit und gegen Männer fahren zu dürfen. Ich habe nie versucht, die Männer zu schlagen, weil sie Männer sind. Aber ich wollte ihr Level erreichen. Das Level der Besten. Das war schwer genug. Also hat es mich stolz gemacht, wenn ich mit der Spitze des Rallyesports mithalten konnte. Und ich war immer willkommen.

"Bald" nächste weibliche Rennfahrerin in der Formel 1

Sie haben damals gegen den deutschen Rallyesuperstar Walter Röhrl gekämpft. Im deutschen Fernsehen hat er einst bekannt, dass die Niederlage gegen Sie demütigender sei als gegen einen Mann.

Das habe ich auch immer so gesagt: Ein Mann wird es nie mögen, von einer Frau geschlagen zu werden. Trotzdem habe ich nie eine besondere Rivalität gespürt. Walter war ein besserer Fahrer als ich, trotzdem konnte ich ihn manchmal schlagen. Er hatte nie etwas gegen mich persönlich und war immer ein guter Freund.

Wann sehen wir die nächste Frau in der Formel 1?

Bald. Die Einstellung hat sich geändert und ich glaube, dass mehr und mehr Leute gern Frauen in der Formel 1 sehen würden. Deshalb müssen wir die Basis des Motorsports für Mädchen öffnen. Dafür haben wir das Programm „Girls on track“ implementiert, um talentierte Mädchen mit professioneller Hilfe auf dem Weg nach oben zu begleiten. An der Spitze der Pyramide sind wir nun in der Lage, Frauen in die höchsten Kategorien des Motorsports zu bringen. Wir haben zum Beispiel gleich zwei Frauenteams in der Sportwagen-WM. Das ist historisch. Sechs Frauen in der Sportwagen-WM! Bei den Indy 500 fahren Simona de Silvestro und Katherine Legge.

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Deutschlands schnellste Rennfahrerin Sophia Flörsch hat sich gegen die W-Series positioniert, in der nur Frauen fahren. Wie stehen Sie zu der Serie?

Einerseits fördert die W-Series natürlich Frauen. Sie gibt Mädchen die Möglichkeit, kostenlos Rennen zu fahren. Das ist sehr wichtig. Aber: Frauen kämpfen hier nur gegen Frauen. Unsere Philosophie ist allerdings ein gemischter Sport. Wir wollen die weltbesten Fahrerinnen unterstützen und mehr Frauen in die Lage bringen, gegen Männer anzutreten – eben um zu zeigen, dass sie die gleichen Fähigkeiten haben wie Jungs.

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Motorsport hilft dir, dich selbst kennenzulernen und deine Grenzen. Er setzt so viel Adrenalin wie kaum eine andere Sportart frei.