23. November 2017 / 15:17 Uhr

„Fieberwahn“: Autor Christoph Ruf über Fußball und Kommerz

„Fieberwahn“: Autor Christoph Ruf über Fußball und Kommerz

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Christoph Ruf liest im 05-Fanraum aus seinem Buch „Fieberwahn – Wie der Fußball seine Basis verkauft“.
Christoph Ruf liest im 05-Fanraum aus seinem Buch „Fieberwahn – Wie der Fußball seine Basis verkauft“. © Pförtner
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„Fieberwahn – wie der Fußball seine Basis verkauft“, heißt das neue Buch von Christoph Ruf, das er im 05-Fanraum in Göttingen vorgestellt hat. Neben dem Blick hinter die glitzernde Fassade der Fußballwelt blieb Zeit für Diskussionen. Der Einladung der Supporters Crew 05 waren am Mittwoch viele Zuhörer gefolgt.

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Im 05-Fanraum finden immer wieder Lesungen, Diskussionen und Ausstellungen statt. Der renommierte Sportjournalist Christoph Ruf gastierte bereits zum dritten Mal in Göttingen, um über die Entwicklungen des Fußballs zu berichten. Es brodele an der Basis, erzählt er: „Fans fühlen sich entmündigt und schikaniert, die Proteste gegen Kommerzialisierung und Kollektivstrafen nehmen an Vehemenz zu.“

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Zwar entwickele sich der Fußball seit jeher immer stärker zu einem Event, doch habe dies nur noch wenig mit der Fankultur in den Amateurklassen zu tun. Mit dem großen Fernsehvertrag kam es vor zwei Jahren in England zu einem erneuten Schnitt, der über eine Milliarde Euro auf den Markt spülte. Auch in Deutschland gab es erst kürzlich entsprechende Neuregelungen: „Inzwischen haben wir eine große Diskrepanz zwischen den Branchenriesen und den kleinen Traditionsvereinen. Die unteren Ligen bekommen von den vielen Geldern gerade einmal zwei Prozent ab“, verweist Ruf auf die Probleme des Sports.

Christoph Ruf liest im 05-Fanraum in Göttingen aus seinem Buch "Fieberwahn"

Philipp Rösener, Vorstandsmitglied der Supporters Crew 05 und gewählter Beirat des Göttinger Klubs, freut sich über solche Diskussionen: „Unser Anspruch ist es, gesellschaftliche Bezüge herzustellen und die Fankultur zu bewahren. Mit Christoph Ruf haben wir einen Autor gewonnen, der sich selbst für den Amateurfußball interessiert und das Fußballgeschäft auf allen Ebenen kritisch hinterfragt.“



Auch das Fußballmagazin Kicker habe sich vor einiger Zeit an den Riss zwischen Basis und Profifußball herangetraut und zahlreiche Leserbriefe erhalten, unterstreicht Ruf. „Die Basis in den unteren Ligen macht die Jugendarbeit und sorgt für Integration. Dafür gibt es vom DFB allerdings kaum Anerkennung und maximal eine Plakette.“

Der glitzernde Profifußball hat mit seinem Drang zur Globalisierung auch Auswirkungen auf den Amateurbereich. Seit einigen Jahren gehen die Zuschauerzahlen in den Kreisligen zurück – auch, weil die sonntäglichen Partien in Konkurrenz zu den immer neuen Anstoßzeiten der Profiligen stehen. Seit Kurzem spielt in der Regionalliga sogar die chinesische U-20-Nationalmannschaft ohne jegliche sportliche Qualifikation. Ein Unding für viele Fans: „Der Amateurbereich wird für die wirtschaftlichen Interessen des DFB missbraucht, und die Verbände halten die Füße still.“

Im Anschluss an Rufs Ausführungen wird diskutiert: „Im Amateurfußball ist es anders als in der medialen Glitzerwelt. Viele Vereine haben heute schon Probleme, ihre Gremien zu füllen und den Spielbetrieb zu gewährleisten“, erzählt Rösener. Eine Tatsache, die in den Verbänden zu wenig Beachtung finde. Das Vertrauen in den Apparat gehe so verloren.

Diskussionen wie diese werden später in kleinen Gruppen bei einem kühlen Getränk fortgeführt. Christoph Ruf freut sich über den Abend und die vielen Gespräche: „Göttingen hat eine lebendige, kreative und engagierte Fanszene, die überregional bekannt ist. Nicht zuletzt seit dem Erhalt des Julius-Hirsch-Preises, mit dem der DFB öffentliche Maßnahmen gegen Antisemitismus und Rassismus auszeichnet, ist auch die Supporters Crew 05 ein Begriff“, sagt er.

Von Tobias Schreiber