18. Dezember 2022 / 12:45 Uhr

"FIFA Mafia"-Rufe und Wut auf Gianni Infantino: Marokko-Märchen bei der WM endet im Frust

"FIFA Mafia"-Rufe und Wut auf Gianni Infantino: Marokko-Märchen bei der WM endet im Frust

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Marokko verlor nach dem Halbfinale auch das Spiel um Platz drei. Im Nachgang war der Ärger groß.
Marokko verlor nach dem Halbfinale auch das Spiel um Platz drei. Im Nachgang war der Ärger groß. © Getty (Montage)
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Es war die erfolgreichste Weltmeisterschaft, die je eine afrikanische Mannschaft gespielt hat. Nach der Niederlage Marokkos im Spiel um Platz drei waren alle dennoch sauer – bis auf einer.

Die erfolgreichste WM der Geschichte für ein afrikanisches Team endete in lautstarkem Ärger. Und es traf auch Gianni Infantino. Nachdem die aufgebrachten marokkanischen Profis auf dem Rasen des Chalifa International Stadions Schiedsrichter Abdulrahman Al Jassim bedrängt hatten, bekam der FIFA-Präsident den Frust über die Niederlage im Spiel um Platz 3 im Kabinengang ab.

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"Es ist nichts passiert. Ich war wütend nach der Auseinandersetzung", sagte Starspieler Achraf Hakimi, den Berichten zufolge einer der Lautesten. "Also bin ich zu ihm gegangen und habe mich für die Worte entschuldigt, die ich zu ihm gesagt hatte." Dem marokkanischen Sender Arryadia TV zufolge fügte der 24-Jährige zudem an: "Infantino ist mein Freund und ich respektiere ihn sehr. Nichts ist passiert." Infantino war auf dem Weg, die Bronzemedaillen an Kroatien zu übergeben, tausende Marokko-Fans empfingen den Weltverbandschef mit lauten Rufen: "FIFA Mafia!"

Der Ärger nach dem 1:2 im Spiel um Platz drei passte nicht so recht in die wundersame WM-Geschichte der Nordafrikaner. Nach der ersten Aufregung legte sich der Zorn möglicherweise auch, weil sich der König meldete. "Wir gratulieren Ihnen zu dieser beispiellosen historischen Leistung", teilte Mohammed VI. in einem Schreiben am Samstagabend mit. Der König lobte die Disziplin und Professionalität der Mannschaft, die den afrikanischen und arabischen Fußball bestens repräsentiert habe. Das Land sei dankbar und stolz.

Wiederholte Schiedsrichter-Kritik aus Marokko

Bereits nach dem verlorenen Halbfinale gegen Frankreich (0:2) hatte sich der Verband Marokkos mit einem Schreiben über die Leistung von Schiedsrichter Cesar Arturo Ramos Palazuelos beschwert. Die Ansetzung des eher unerfahrenen Katarers Al Jassim für die Partie um Bronze kann als unglücklich angesehen werden. Elfmeterpfiffe blieben aus.

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Der Einzige, der in diesem Tumult die Ruhe behielt, war Marokkos Trainer Walid Regragui. Er gab dem Schiedsrichter fair die Hand. Zum einen waren zumindest diese beiden strittigen Entscheidungen vertretbar. Zum anderen ist Regragui das so erfolgreiche und so häufig gefeierte Bild seines Teams bei dieser WM sehr wichtig. Es sollte nach dem letzten von sieben Spielen in Katar keinen Kratzer mehr erhalten.

"Wenn wir ein Spiel verlieren, sind wir immer enttäuscht. Wenn man manchmal etwas überreagiert nach einem Spiel, dann kann das passieren", sagte der 47-Jährige. "Meine Spieler sind sehr ehrgeizig, es war kein fehlender Respekt.“ Gleichwohl: Den Schiedsrichter nach dem Spiel so zu bedrängen, das sei "nicht der marokkanische Weg".

Ihre einzigen Niederlagen bei dieser WM kassierten die Marokkaner ausgerechnet in den beiden letzten Spielen. Als es um die Endspiel-Teilnahme und dann am Samstag um die Bronzemedaille ging. Beiden Teams war diese Medaille sehr wichtig. Für vergleichsweise kleinere Fußball-Nationen wie Kroatien und Marokko hat sie eine deutlich größere Bedeutung als für Engländer, Brasilianer oder Niederländer, die bei den beiden vorangegangenen WM-Turnieren an diesem kleinen Finale beteiligt waren.

Bei Marokko-Trainer Regragui überwiegt der Stolz

Zweimal brachten Josko Gvardiol (7.) und Mislav Orsic (42.) die Kroaten in Führung. Nur einmal kamen die Marokkaner durch Achraf Dari (9.) zurück. Am Ende des Turniers war es für sie von allem zu viel: zu viele Spiele, zu viele Ausfälle wichtiger Spieler, "zu viel Müdigkeit", wie Regragui sagte. Der erst seit August amtierende Trainer war sich aber trotzdem sicher: "Wenn wir morgen aufwachen, werden wir realisieren, was wir bei dieser WM Großartiges erreicht haben", sagte Regragui. "Wenn man mir vor der WM gesagt hätte: Marokko gehört zu den besten vier Teams der Welt - das hätte ich weit von mir gewiesen."

Dem in Frankreich geborenen Ex-Profi ging es bei diesem Turnier von Beginn an darum, mehr als nur Trainer Marokkos zu sein. Er wollte immer auch ein Beispiel dafür geben, dass der gesamte afrikanische Fußball mehr kann und weiter ist, als das in anderen Teilen der Welt häufig gesehen wird. Nur sprach Regragui dabei vor drei Wochen noch vom Überstehen der Vorrunde - und mittlerweile von einem ganz anderen Ziel.

"Wir haben gezeigt: In Afrika arbeiten wir hart und entwickeln uns. Ich bin sicher, dass eines Tages ein Team aus Afrika die WM gewinnen wird", sagte er. "Andere afrikanische Teams werden unserem Beispiel folgen wollen. Und wir werden 2026 mehr Erfahrung haben. Wir kommen weiter und weiter, Schritt für Schritt. Sogar in unserem Land hat man nicht an uns geglaubt. Aber wir haben das Gegenteil bewiesen." Am Ende seiner Pressekonferenz stand Regragui auf und bedankte sich bei allen im Raum. Bei den Journalisten, bei den Mitarbeitern. Er schimpfte nicht wie seine Spieler nach dem Abpfiff. Sein Satz zum Abschied von dieser WM war: "Lang lebe Afrika!"

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