27. April 2021 / 18:11 Uhr

Fischers irre Karriere: Von den Boatengs über Old Trafford in die Gifhorner Kreisklasse

Fischers irre Karriere: Von den Boatengs über Old Trafford in die Gifhorner Kreisklasse

Maik Schulze
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Spannende Karriere: Die Wege des Bergfelders Lars Fischer kreuzten sich auch mit denen von Jerome Boateng (kl. Bild o.) und Stefan Beinlich (kl. Bild u.).
Spannende Karriere: Die Wege des Bergfelders Lars Fischer kreuzten sich auch mit denen von Jerome Boateng (kl. Bild o.) und Stefan Beinlich (kl. Bild u.). © Michael Franke/Privat
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Spannende Fußball-Karrieren führen nicht nur in der Bundesliga, sie können einen auch nach Bergfeld bringen. Hier wohnt und spielt Lars Fischer, der einst mit den Boateng-Brüdern in Berlin feierte und eine Saison in England kickte.  Sein Fußball-Herz gehört heute dem TSV Fortuna - beim Dorfklub packt er mit an und hilft nicht nur mit seinem Erfahrungsschatz.

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Die Boatengs im Freundeskreis, eine Saison in England im Lebenslauf: Die Fußball-Karriere von Lars Fischer hat ihn zwar nicht in die Bundesliga geführt - und doch steckt sie voller spannender Geschichten und großer Namen. Schon längst hat der 43-Jährige seine Heimat beim TSV Fortuna Bergfeld gefunden. Mit Beginn der Pandemie hat er sich aus dem Team in der 1. Kreisklasse nun in die Altherren verabschiedet, bastelt parallel bei seinem Klub aber auch an der Basis mit.

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Es beginnt in der Uckermark

Es ist eine Karriere, die in Ostdeutschland in den letzten Jahren der Vorwendezeit beginnt. Der kleine Lars läuft in der Uckermark für die BSG Lok/Armaturen Prenzlau (später FSV Rot-Weiß) auf, schießt sich bei einem Hallenturnier zur Torjäger-Krone - obwohl auch die Talente des BFC Dynamo Berlin am Start sind. Eine bleibende Erinnerung. "Weil ich damals die Nummer 6 auf dem Trikot hatte, trage ich sie noch heute", verrät Fischer. Jetzt war spätestens klar: Talent hat er.

Mehr heimischer Sport

Der Weg in die Sportschulen des BFC Dynamo und von Hansa Rostock standen ihm offen. Er aber blieb in Prenzlau. "Schule und Kindheit waren mir wichtiger", sagt Fischer. Dass er in seinem Heimatort blieb, war aber auch nicht die schlechteste Entscheidung. Prenzlau spielte zu seiner Jugend in der zweitklassigen DDR-Liga. "Ich konnte quasi täglich im Trainingszentrum trainieren." Mit 17 wurde er im Team als Defensivkraft direkt Stammspieler, landete später beim FV Motor Eberswalde in der Oberliga Nord-Ost.

Illustre Runde mit den Boatengs und Hoeneß

Ein Wechsel, der ihn sogar in die Kreise eines späteren Weltmeisters brachte. "In Eberswalde hatten wir einige Spieler im Kader, die eine Hertha-Vergangenheit hatten. Und so ist dann ein neuer Freundeskreis entstanden", erinnert sich Fischer. Mit Weltmeister Jerome Boateng, dessen Halbruder Kevin-Prince, aber auch dem heutigen Hoffenheim-Coach Sebastian Hoeneß, Tomasz Kuszczak (der 2009 in der Champions Leage das Tor von Manchester United gegen den VfL hütete) und den späteren Wolfsburgern Alexander Madlung sowie Ashkan Dejagah "haben wir uns abends in Berlin öfter getroffen. Da waren ein paar Experten dabei, die im Nachgang ihren Weg gemacht haben", schmunzelt Fischer beim Blick auf die illustre Runde.

"Ich bin an meine Grenze gegangen"

Warum es für ihn, der auf dem Platz späteren Bundesliga-Größen wie Marco Rehmer oder auch Stefan Beinlich gegenüberstand und seinen torgefährlichen Cousin Enrico Neitzel (späterer Zweitliga-Spieler in Erfurt und Rostock) in direkten Duellen abkochte, nicht zum ganz großen Wurf reichte? Fischer, der auch für den TSV 1814 Friedland und den Lüneburger SK die Schuhe schnürte, ist da Realist: "Ich bin an meine Grenze gegangen, habe auf dem Maximum gespielt, das für mich drin war." Wehmut schwingt da nicht mit. Muss auch nicht. Denn wovon viele Profis träumen, gelang ihm im Anschluss an seine Zeit in Eberswalde im Jahr 2003.

Fischer wechselte auf die Insel - sein fußballbegeisterter Arbeitgeber stellte den Kontakt her - spielte eine Saison für den Warrington Town FC in England. Fünftklassig war der Klub, der Aufwand erstklassig. "Wir waren neben dem Ligabetrieb in fünf Pokalwettbewerben am Start. Da habe ich am eigenen Leib erfahren, was es heißt englische Wochen zu haben", sagt Fischer. Ein Pokalspiel brachte ihn dann ganz nah ans theatre of dreams, dem Theater der Träume. "Wir haben in Sichtweite des Old Traffords in Manchester gespielt - allein das war schon beeindruckend."

Der Liebe wegen Richtung Wolfsburg

Zurück in Deutschland führte ihn sein Weg zunächst wieder nach Prenzlau, dann ging es der Liebe wegen nach Beendigung des Studiums nach Wolfsburg. Fischer fand bei VW Arbeit und bald darauf mit seiner heutigen Ehefrau Lina ein Zuhause in Bergfeld. Dort leben beide mit ihren Kindern Kimi (8) und Pia (5). Nach einer mehrjährigen Fußballpause kehrte die Lust bei Fischer wieder zurück. "Ich wollte mich als Standby-Spieler beim TSV zur Verfügung stellen." Doch einer wie er, ein Traumtransfer für einen Dorfklub, kam mit dieser Rolle nicht davon. "Am Ende meiner ersten Saison habe ich die meiste Einsatzzeit gehabt", schmunzelt Fischer. Viele weitere Spiele für die Fortuna-Herren, die heute in de 1. Kreisklasse beheimatet sind, kamen dazu, erst Anfang 2020 mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie wechselte er 42-jährig ins Altherren-Team. Mit einem guten Gewissen. "Mit Pascal Kahlert kam ein neuer Trainer, der eine neue Truppe aufgebaut hat. Die Qualität und Quantität ist gut."

Jetzt trainiert er auch die Jugend

So bleibt ihm mehr Zeit für seine anderen TSV-Jobs. Fischer ist im Vorstand und Förderverein aktiv, hat sich jüngst um neue Trikots, Tore und eine Anzeigetafel für seinen Verein gekümmert. "Ich will hier das Potenzial wecken", sagt der 43-Jährige, der das auch in der F-Jugend als Trainer der JSG Bergfeld/Parsau/Tülau macht. Hier spielt auch Kimi.

Lernen kann Fischer junior von seinem Vater, der bei seinem Abschied aus Prenzlau von der Lokalpresse nicht nur aus optischen Gründen mit Frankreichs Weltmeister Zinedine Zidane verglichen wurde, viel, wie ein Blick auf dessen Vita zeigt. Zum Beispiel: Ein spannendes Fußballer-Leben muss zur Erfüllung nicht immer in die Bundesliga führen. Es kann einen auch nach Bergfeld bringen.