03. Juni 2020 / 13:01 Uhr

Fischerwiese und Großkampfbahn: Chemnitzer Kicker bevorzugen "kuschlige" Arena

Fischerwiese und Großkampfbahn: Chemnitzer Kicker bevorzugen "kuschlige" Arena

Frank Müller und Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
Natürlich erstrahlt das neue Chemnitzer Stadion in der Farbe des CFC - himmelblau.
Natürlich erstrahlt das neue Chemnitzer Stadion in der Farbe des CFC - himmelblau. © imago images / Uwe Meinhold
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Die Himmelblauen spielen nicht im größten Stadion von Chemnitz, trainieren aber dort. Ihre Heimstatt im Ligenbetrieb ist brandneu, der Ort allerdings geschichtsträchtig.

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Leipzig/Chemnitz. Obwohl das größte Chemnitzer Stadion im Süden der Stadt steht, setzte sich das im Nordosten der Stadt liegende Stadion an der Gellertstraße als Spielort des Chemnitzer FC, vormals FC Karl-Marx-Stadt, durch. Das erstaunt insofern, da es im Sportforum – dem Areal des einstigen Ernst-Thälmann-Stadions alias Südkampfbahn oder Großkampfbahn – weit mehr Platz für einen Neubau gegeben hätte, zumal die CFC-Fußballer eben deshalb auch nach wie vor dort trainieren.

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Bei großem Zuschauerandrang wie bei allen Europapokal-Heimspielen wichen die Himmelblauen auch oft ins Sportforum aus, da dort in besten FCK-Zeiten mehr als 45.000 Besucher Platz fanden. Die Platzweihe erfolgte 1928 mit dem 4:2 des Chemnitzer BC gegen den Hamburger SV. Am 18. September 1938 waren auf der damaligen Südkampfbahn (auch „Großkampfbahn“) sogar über 60.000 zugegen, als Deutschland ein Länderspiel gegen Polen 4:1 gewann.

Das Sportforum hieß früher Südkampfbahn, Großkampfbahn und Ernst-Thälmann-Stadion.
Das Sportforum hieß früher Südkampfbahn, Großkampfbahn und Ernst-Thälmann-Stadion. © imago images / Archiv

Die DDR-Auswahl trug neun Länderspiele in diesem Stadion aus. Unter anderem spielten die Karl-Marx-Städter im Frühjahr 1967 3:2 gegen den späteren Vizemeister 1. FC Lok Leipzig. Das letzte EC-Spiel fand am Vorabend der deutschen Einheit 1990 statt – der CFC verlor durch Tore von Thomas Helmer und Michael Rummenigge gegen Borussia Dortmund 0:2. Niederlagen gab es zuvor auch gegen den RSC Anderlecht (1:3) und Juventus Turin (0:1), Heimsiege gegen Boavista Porto (1:0) und den FC Sion (4:1).

Fußballer kicken zunächst auf der "Fischerwiese"

Eine ganz besondere Atmosphäre herrschte bei bestem Wetter am 9. und 10. Juli 1982 im Ernst-Thälmann-Stadion, als die US-Amerikaner zum Leichtathletik-Länderkampf gegen die DDR antraten. Vor 36.000 Zuschauern egalisierte Marlies Göhr in 10,88 Sekunden ihren 100-Meter-Weltrekord, US-Boy Calvin Smith rannte mit etwas zu viel Rückenwind unglaubliche 9,91 Sekunden. Die Zeit konnte nicht als Weltrekord anerkannt werden. Die DDR-Frauen gewannen haushoch (105:52), die Männer unterlagen den Amerikanern 102,5:120,5.

Das Dr.-Kurt-Fischer-Stadion, wie es von 1950 bis 1990 hieß (im Volksmund die „Fischerwiese“), bot den Kickern als reines Fußballstadion bei normaler Zuschauerzahl die bessere, weil „kuscheligere“ Atmosphäre. Begonnen wurde der Bau am 31. Juli 1933 auf einem Reitplatz, als der Polizei SV Chemnitz, der zuvor eine nahe Radrennbahn „bespielte“, ein eigenes Stadion brauchte.

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Am 13. Mai 1934 weihte der PSV seinen neuen Spielort mit einem 5:1 gegen die SpVgg Fürth vor 25.000 Fans ein. Wenige Tage später wurde gleich noch der FC – alias Real – Madrid 5:2 abgebügelt, was nicht einmal der berühmte und, wie überliefert, ziemlich frustrierte Torwart Ricardo Zamora verhindern konnte. Der erfolgsverwöhnte Keeper wollte nach der Pause zunächst gar nicht wieder aus der Kabine.

Neubau ab 2014

Nach dem Krieg wurde das Stadion Heimstatt für Chemnitz-Nord, Fewa, Chemie, SC Motor und schließlich FC Karl-Marx-Stadt, der in seiner einzigen Meisterschaftssaison am 5. November 1966 den damaligen Serien-DDR-Meister Vorwärts Berlin 3:2 bezwang. Die dabei erreichte Zahl von 28.000 ist bis heute hier Zuschauerrekord, der wegen der neuen Kapazität nun auch nicht mehr überboten werden kann.

Zwar erhielt das Geviert mit leicht abgerundeten Ecken noch zu DDR-Zeiten und danach bis 1999 einige Modernisierungen (1989 Tribünendach, Betonstufen, später Rasenheizung und Flutlicht), doch das Fassungsvermögen lag ab etwa den 1970-er Jahren offiziell bei nur noch knapp 20.000, später gar nur bei 12.500 Zuschauern.

Das Stadion an der Gellertstraße während der Buarbeiten 2014.
Das Stadion an der Gellertstraße während der Buarbeiten 2014. © LVZ-Archiv

Nach erheblichem Anlauf der Stadt Chemnitz ließ diese zwischen 2014 und 2016 auf dem alten Gelände schließlich für rund 27 Millionen Euro eine zeitgemäße Arena errichten, die 15.000 Besucher fasst. Die Plätze sind durchweg überdacht und auch sonst erfüllt der Neubau alle Anforderungen an ein zeitgemäßes Stadion. Am 2. August wurde das Schmuckstück mit einem 0:1 gegen Bundesligist Mönchengladbach eingeweiht. Übrigens vor nicht ganz ausverkauften Rängen, was verdeutlicht, dass die Kapazität für die aktuellen Ansprüche der Chemnitzer absolut genügt. Offiziell heißt es derzeit „Stadion – An der Gellertstraße“. Um bei eventueller Vermarktung des Namens stets den Anhang identitätswahrend beibehalten zu können.