04. September 2020 / 08:30 Uhr

Fjortoft über RB Leipzigs Upamecano: "Macht manchmal zu viel für einen Verteidiger"

Fjortoft über RB Leipzigs Upamecano: "Macht manchmal zu viel für einen Verteidiger"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Getty Images
Jan Aage Fjortoft begleitet den deutschen Fußball auch als TV-Kommentator. © Getty Images
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Bei Eintracht Frankfurt war er Publikumsliebling, stürmte aber auch in Österreich, England und natürlich seiner Heimat Norwegen. Inzwischen begleitet Jan Aage Fjortoft den Fußball unter anderem als TV-Kommentator. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er über die Entwicklung von RB Leipzig, Landsmann Erling Haaland und seine Erinnerungen an den viel zu früh verstorbenen Jörg Berger.

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Leipzig. Er hat 1999 den berühmtesten und wichtigsten Übersteiger des letzten viertel Fußball-Jahrhunderts ins Gras des Frankfurter Waldstadions gezaubert, nach der Profilaufbahn und über 620 Pflichtspielen in vier Ländern als Inhaber einer Kommunikations-Agentur und TV-Experte Karriere gemacht. Er ist ähnlich unterhaltsam wie Jürgen Klopp, 53, und der einzige Mensch auf Erden, der seinem norwegischen Landsmann Erling Haaland, 20, ganze Sätze entreißt. Der Fußball-Liebhaber Jan Aage Fjortoft, 53, über die 1999er Lastminute-Rettung unter Jörg Berger (verstarb 2010), furchtlose TV-Auftritte, eine talentierte norwegische Fußball-Generation (zu der auch RB-Günstling Alexander Sørloth, 24, zählt), Timo Werner in Chelsea und die Bayern auf dem Thron Europas.

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Herr Fjortoft, Sie haben vorm Bayern-Finale gegen Paris im Sky-Studio gesagt, dass es „so“ nicht reicht. Mit "so" war das Halbfinale gegen Lyon gemeint. Gehört Todesmut zu den norwegischen Eigenschaften?

Ich habe den Vorteil, dass ich in Deutschland weder Trainer noch Sportdirektor werden will. Also kann ich sagen, was ich denke.

Sie haben sich auch schon mit Gottvater Uli Hoeneß angelegt.

Ich liebe Uli Hoeneß. Er hat Bayern gemacht, ist einmalig. Konstruktive Kritik muss trotzdem erlaubt sein. Und Uli Hoeneß mag Leute mit Meinungen.

Haben die Bayern verdient die Champions League gewonnen oder muss man Gott und Manuel Neuer danken?

Ich freue mich immer, wenn der Beste gewinnt. Und das waren die Bayern. Dass Manuel Neuer ab und zu einen Unhaltbaren hält, gehört zur Qualität der Bayern. Die haben alles, was man braucht, jagen den Ball über den gesamten Platz, sind sehr, sehr fit, können aus allen möglichen Situationen Chancen und Tore machen. Ganz wichtig ist der Teamspirit.

Womit wir bei Hansi Flick wären.

Er ist ein ruhiger unaufgeregter Typ, erinnert mich ein bisschen an Jörg Berger.

Ihr Trainer beim Klassenerhalt-Wunder anno 1999 mit Eintracht Frankfurt. Ihr 5:1 gegen Kaiserslautern bedeutete den Klassenerhalt.

Jetzt sprechen Sie mich bestimmt auf den Übersteiger vorm 5:1 an. Ja, sah merkwürdig aus, ich war eigentlich zu nah am Keeper. Egal, der Ball war drin und ich werde über 20 Jahre danach noch daraus angesprochen. Patrik Andersson hat die Bayern 2001 in letzter Sekunde zum Titel geschossen, aber ein Tor zum Klassenerhalt ist wichtiger. Für den Verein, eine ganz Region.

Trainer Jörg Berger (r.) und Torschütze Jan Aage Fjortoft sehr emotional zum Ende der Bundesliga-Saison 1998/99.
Trainer Jörg Berger (r.) und Torschütze Jan Aage Fjortoft sehr emotional zum Ende der Bundesliga-Saison 1998/99. © dpa

Jörg Berger ...

... war seiner Zeit voraus, suchte das Gespräch zu fünf, sechs Führungsspielern, hat uns stark gemacht. Und wir haben das auf die Mannschaft übertragen. Das Miteinander zwischen uns und Jörg war ungewöhnlich. Die damaligen Trainer haben gesagt, was gemacht wird und man hat keine Fragen gestellt und es getan. Jörg war anders. Ein toller Trainer und wunderbarer Mensch, der schon viel erlebt hatte, Ruhe und Selbstvertrauen ausstrahlte. Irgendwann glaubten wir wirklich, dass wir die Liga halten können.

Hatten Sie nach der gemeinsamen Zeit in Frankfurt noch Kontakt?

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Ja, immer an unseren Geburtstagen. 2009 hatten wir in Düsseldorf einen sensationellen Abend, haben die alten Geschichten erzählt. Jörg fehlt.

Wie blicken Sie auf Ihre Karriere als Fußballer?

Mit Dankbarkeit. Ich habe in vier Ländern gespielt, überall Tore geschossen, mich immer integriert, bin eingetaucht in Land und Leute. In Österreich war ich halber Österreicher, in England halber Engländer und in Deutschland halber Deutscher.

Zurück zur Champions League. War RB Leipzig im Halbfinale gegen Paris zu devot, ging Julian Nagelsmanns Matchplan in die Turnhose?

Ich schätze Julian Nagelsmann sehr, und er hat sich sicher etwas dabei gedacht, nicht ganz vorne zu pressen. Hinterher ist man immer schlauer. Klar ist aber auch, dass Paris besser besetzt ist und einen richtig guten Tag erwischt hat.

DURCHKLICKEN: Die Bilder zum Halbfinal-Duell mit PSG

Das war ernüchternd: RB Leipzig präsentierte sich im Halbfinale der Champions League gegen Paris Saint-Germain über weite Strecken seltsam gehemmt, passiv und ohne Ideen und verlor auch in dieser Höhe verdient mit 0:3. Zur Galerie
Das war ernüchternd: RB Leipzig präsentierte sich im Halbfinale der Champions League gegen Paris Saint-Germain über weite Strecken seltsam gehemmt, passiv und ohne Ideen und verlor auch in dieser Höhe verdient mit 0:3. ©

Erling Haaland spielt beim BVB, Martin Ödegaard bei Real Madrid. Die aktuelle norwegische Fußball-Generation ist die beste seit langem. Zufrieden, froh und glücklich?

Wir sind ein sehr kleines Land, haben nicht jedes Jahr eine Top-Nationalmannschaft. Die Jungs machen es gut, arbeiten sehr hart, wollen besser werden.

Haaland wird auch Heiland genannt.

Er ist sensationell, wurde in Molde und Salzburg gut entwickelt. Erlings Können ist das eine, die Mentalität das andere. Er ist, wie man in Deutschland sagt, ein Mentalitätsmonster.

Sie haben Haaland fürs norwegische Fernsehen interviewt und dem jungen Mann ein Lächeln plus ganze Sätze entlockt. Sind Sie ein Magier?

Wir sind Landsleute, ich habe mit Erlings Vater Fußball gespielt. Aber so ein bisschen kommt es auch darauf an, was man ihn fragt und wie man ihn fragt. Man kann viel Spaß mit ihm haben.

RB will Alexander Sørloth holen. Kann er Haaland II werden?

Er ist ein anderer Spielertyp als Erling, macht gerne Bälle fest, erinnert mich eher an Patrik Schick. Julian Nagelsmann ist ein Fachmann und wird wissen, weshalb Alexander zu RB passt. Alexander hatte bei Crystal Palace Probleme und hat dann bei Trabzonspor eine sensationelle Saison gespielt. Leipzig macht es insgesamt gut, holt junge schnelle Spieler, die zur Philosophie passen.

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Timo Werner ist zu Chelsea London gewechselt, Kai Havertz kommt ebenfalls dazu. Hat Chelsea das Zeug, Liverpool und Manchester City Konkurrenz zu machen?

Ich freue mich für Timo, er hatte bei mir am Mikrofon in Tottenham mit Liverpool geflirtet und erfüllt sich den Traum von der Premier League in London. Chelsea und Manchester United werden vielleicht etwas näher an die beiden Großen heranrücken, aber Sie dürfen eines nicht vergessen: Liverpool und ManCity haben nicht nur fantastische Spieler, sondern die besten Trainer der Welt. Pep Guardiola und Jürgen Klopp sind jetzt schon Legenden.

United soll ein Auge auf Dayot Upamecano geworfen haben.

Zwei Augen. Upamecano ist ein Juwel, er macht manchmal zu viel für einen Verteidiger.

Der junge Mann ist einstweilen unverkäuflich.

Englische Clubs haben eine andere Herangehensweise als deutsche. Die Engländer denken, dass sich bis zum letzten Tag der Transferperiode noch etwas tut, dass alles ein großes Pokerspiel ist. In Deutschland werden Deadlines gesetzt und eingehalten. RB wird Upamecano nicht weglassen. Jedenfalls nicht in dieser Transferperiode.

Stimmt es, dass Sie das Abschiedsspiel von Ansgar Brinkmann anno 2009 aus wichtigem Grund absagen mussten?

Ansgar und ich haben zusammen in Frankfurt gespielt. Er war wirklich der Weiße Brasilianer, konnte den Übersteiger auch nachts. 2009 konnte ich nicht nach Bielefeld kommen, ich war auf dem Geburtstag vom Enkel von Nelson Mandela. Ansgar hatte Verständnis.