13. Oktober 2021 / 12:01 Uhr

"Es braucht die Leute im Hintergrund, auch wenn man mal auf den Deckel kriegt"

"Es braucht die Leute im Hintergrund, auch wenn man mal auf den Deckel kriegt"

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Axel Witthuhn, Mitglied im FLB-Jugendausschuss, kümmert sich um die Fußballjugend - und um das RB-Maskottchen.
Axel Witthuhn, Mitglied im FLB-Jugendausschuss, kümmert sich um die Fußballjugend - und um das RB-Maskottchen. © Privat
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Ehrenamtliche wie Madlen Schmidt und Axel Witthuhn organisieren den Fußball an der Basis – wie rund weitere 1,7 Millionen Menschen deutschlandweit in mehr als 24.000 Vereinen. Was treibt sie an? 

Dieser Artikel ist Teil des Amateurfußball-Bündnisses #GABFAF. Mehr Infos auf gabfaf.de

Madlen Schmidt muss gleich zu Beginn des Gesprächs ein Geständnis ablegen. Nein, mit Fußball habe sie viele Jahre ihres Lebens überhaupt nichts zu tun gehabt. Also wirklich nicht. Weder in ihrer brandenburgischen Heimat noch in der Wahlstadt ihres Studiums, Hannover, oder ihrem späteren Arbeitsort Berlin. „Oh, Mann“, sagt sie, „da rennen halt elf Leute auf jeder Seite dem Ball hinterher.“ Mehr Gedanken hat sie sich lange nicht gemacht über die für viele Menschen schönste Nebensache der Welt. „Ich hatte nichts mit Fußball am Hut“, sagt die 40 Jährige. „Bis die Kids kamen.“

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Inzwischen ist Schmidt, gebürtige Belzigerin, sogar Staffelleiterin und sorgt dafür, dass der Spielbetrieb in der F-Jugend-Fairplay-Liga (1. Kreisklasse und Kreisliga) des Havellands störungsfrei über die Bühne geht. Vor Kurzem hat sie am Pilotprojekt „Staffelleiter Zertifikat“ teilgenommen, um sich fortzubilden. Dies nebenbei, entgeltfrei, ehrenamtlich; neben ihrem Job als Selbstständige.

Kam durch ihre Kinder zum Fußball: Staffelleiterin Madlen Schmidt.
Kam durch ihre Kinder zum Fußball: Staffelleiterin Madlen Schmidt. © Getty // Privat

Schmidt ist eine von rund 1,7 Millionen Personen in Deutschland, die sich ehrenamtlich und freiwillig in mehr als 24 000 Fußballvereinen engagieren: die den Sport an der Basis organisieren, Zeit und Nerven opfern, um ... – ja, warum eigentlich? Was treibt Menschen an, den in den oberen Zirkeln oft korrupten und verrufenen Ballzirkus zu unterstützen? Was motiviert sie, die bürokratischen Sachfragen zu klären, obwohl ihnen kaum jemand Beifall klatscht?

Fußballerkarriere vorbei, Leidenschaft für Sport geblieben

Bei Axel Witthuhn liegt der Fall klar. „Ich spiele Fußball seit ich sechs Jahre alt bin“, sagt der gebürtige Berliner, der inzwischen in Stahnsdorf lebt, seine Kinder in der Jugend trainierte und bei den Alten Herren von Grün-Weiß Großbeeren noch selbst mitspielte – „als Zehner“. Inzwischen ist er 47 Jahre alt, die Fußballkarriere vorbei, die Leidenschaft für den Sport aber geblieben.

Witthuhn hat sich dem Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB) angeschlossen und wirkt noch immer im Verbandsjugendausschuss mit. Vor allem verantwortet er das Projekt „Twin-Modus“ für E- und D-Jugendliche, das den Kindern mehr reelle Fußballzeit ermöglichen soll. „Kleinere Felder, mehr Kontakte, mehr Spielzeit“, wirbt Witthuhn für das neue Modell. So sollen den Vereinen weniger Kinder auf dem Weg Richtung C-, B- und A-Jugend verloren gehen.

Die Kleinfeld-Koordination erfordere es – gerade wegen der recht neuen Spielform –, dass er viel mit den Vereinen kommuniziere, erklärt Witthuhn. Präsentationen halten, Spiele anschauen, Videokonferenzen durchführen, Spielpläne erstellen, all das gehört zu seinen Aufgaben, und manchmal, wenn es eben gar nicht anders geht, „muss ich auch den Vereinen nachtelefonieren“. Hauptberuflich organisiert er das Marketing für ein Berliner Autohaus.


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Fußballerisch sozialisiert worden ist Witthuhn beim VfL Schöneberg, der sich später in 1. FC Schöneberg umbenannte. Und weil auch Pierre Littbarski, der quirlige Dribbler und Weltmeister von 1990, in Schöneberg das Fußballspielen lernte, feuerte Witthuhn als Kind Littis 1. FC Köln an. Inzwischen fährt er am liebsten zu Spielen von RB Leipzig. Schon seit Zweitligazeiten gefällt ihm der Spielstil der Brausekicker, „weil ich Fan von gutem und attraktivem Fußball bin“. Und Hertha? „Auf keinen Fall!“, sagt Witthuhn lachend, „auch wenn ich mich freue, wenn Hertha gewinnt.“

Pilotprojekt "Zertifizierung Staffelleiter"

Axel Witthuhn ist gerne Ehrenamtler. „Ich habe nach einer anderen Aufgabe gesucht, die Affinität zum Fußball war ja noch da“, erklärt er. „Ich wirke gerne mit und habe ein Faible für Jugendfußball.“ Wie Madlen Schmidt hat auch Witthuhn deshalb am Pilotprojekt „Zertifizierung Staffelleiter“ teilgenommen, er fand es eine gute Sache. Denn wer sich für andere im Hintergrund einsetzt , muss auch wissen, wie das geht. „Es braucht die Leute im Hintergrund, auch wenn man mal auf den Deckel kriegt“, sagt Witthuhn.

Rund ein Jahr lang hat er mit acht weiteren Mitstreitern gebüffelt. Sie arbeiteten sich durch die Module Fachkompetenz, Medienkompetenz und Sozialkompetenz, lernten eine Menge über Computerprogramme und vieles mehr. Am 18. September wurden die Zertifikate in Luckenwalde verliehen, auch Madlen Schmidt erhielt eines. „Das war eine gute Sache“, erzählt sie.

Madlen Schmidt war schon immer sportlich. 100-Meter-Lauf, Hochsprung, Weitsprung, Kugelstoßen, auch Handball und Geräteturnen hat sie mal ausprobiert. Was Frau eben so ausprobiert in jungen Jahren. Nur Fußball habe sie halt nie gespielt. Das blieb den Kindern vorbehalten, die ihrer Mutter den Weg zum Fußballplatz geebnet haben – und letztlich in die Funktionärsstuben.

Der Sohn, inzwischen 12-jährig, geboren in Hannover, hat schon einige Vereine ausprobiert, Hannover 96, Berliner SC, Hertha 03 Zehlendorf, Berlin United – aktuell wirbelt er beim RSV Eintracht im offensiven Mittelfeld, erst kürzlich schloss er zudem seine Ausbildung zum Unparteiischen ab. Den Schiedsrichterinnen-Schein hat Schmidts 16-jährige Tochter auch schon in der Tasche, sie pfeift noch für Beelitz, will bald aber zu ihrem Heimatverein FSV Brück wechseln. „Von klein auf waren wir immer auf den Plätzen unterwegs“, erzählt Madlen Schmidt, unter der Woche und am Wochenende sowieso. Fußball, Fußball, Fußball. Nur donnerstags nehme sie sich für andere Dinge Zeit, das sei aktuell der einzige Tag, an dem der Fußball im Hause Schmidt pausiert.

Madlen Schmidt: "Das Zusammenspiel, der Zusammenhalt, die Motivation; das ist das Schöne am Fußball."

Wer so viel herumkommt, lernt auch Leute kennen, will sich einbringen. „Das Zusammenspiel, der Zusammenhalt, die Motivation; das ist das Schöne am Fußball“, sagt Schmidt. „Dass man ein Team ist, aufeinander aufpasst.“ In Berlin war die Brückerin Mitbegründerin des Vereins Berlin United und übernahm viele Aufgaben. „Ich habe dort alles gemacht: die Betreuung der ersten Mannschaft, die Kasse, die Verwaltung der Mitglieder.“ All die administrativen Aufgaben eben, die essenziell sind für einen reibungslosen Spielbetrieb.

Seit Januar 2020 ist sie, wenn man so will, für die andere Seite tätig. Aus der Vereinskümmerin ist eine Verbandsmitarbeiterin geworden. Bei einem Hallenturnier des Sohnes sei sie angesprochen worden, ob sie nicht mal Lust habe, in die Spielplanung einzusteigen. „Klar, warum nicht“, habe sie geantwortet, erzählt Schmidt. Eine kurze Bewerbung habe sie schreiben müssen, dann ging’s im Januar 2020 los – und doch nicht. „Wegen Corona konnte ich nichts machen, es gab ja nicht mal Trainingsspiele, das war ärgerlich.“ Jetzt aber läuft der Spielbetrieb wieder – und Madlen Schmidt, Axel Witthuhn sowie viele andere gute Seelen des Fußballs auf Hochtouren.