01. Juli 2020 / 06:12 Uhr

Fluch und Segen für den FC Schalke 04: Die Ära von Clemens Tönnies bei S04 im Rückblick

Fluch und Segen für den FC Schalke 04: Die Ära von Clemens Tönnies bei S04 im Rückblick

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Ära von Clemens Tönnies bei Schalke 04 ist vorbei.
Die Ära von Clemens Tönnies bei Schalke 04 ist vorbei. © imago images/Montage
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Die lange Ära von Clemens Tönnies beim FC Schalke ist zu Ende. Die Krise in seinem Fleischunternehmen beschleunigte den Abgang als Aufsichtsratschef beim Revierklub. Seine königsblaue Zeit im Rückblick.

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Die Beziehung zwischen Clemens Tönnies und dem FC Schalke 04 beginnt im Jahr 1994. Wenige Monate zuvor, Anfang Februar, war sein Bruder Bernd, mit dem er das Tönnies-Unternehmen leitete, mithilfe des früheren FDP-Politikers Jürgen Möllemann ins Präsidentenamt des traditionsreichen Revierklubs gehievt worden. Bernd Tönnies folgte seinerzeit Klinikbesitzer und "Sonnenkönig" Günter Eichberg, der den Bundesliga-Verein fast in den Ruin getrieben hatte. Bernd Tönnies konnte das Amt jedoch nur knapp fünf Monate lang ausüben. Er starb am 1. Juli 1994 in Münster.

Noch auf dem Sterbebett hatte Bernd seinen um wenige Jahre jüngeren Bruder Clemens gebeten: "Kümmere dich um Schalke!". Für Clemens Tönnies war das Versprechen zunächst eine Verpflichtung. Schnell wurde daraus aber eine Herzensangelegenheit. Im selben Jahr wurde er in den Aufsichtsrat gewählt. 2001 löste er Möllemann als Vorsitzender des Gremiums ab. Er war bis 2022 gewählt.

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Neben der Leitung seines Fleischimperiums wurde Schalke für den 64-Jährigen zur zweiten Lebensaufgabe. Seine guten Kontakte in höchste Kreise von Wirtschaft und Politik machte er sich als Sportfunktionär zunutze. Ohne die guten Beziehungen von Tönnies zu Kremlchef Wladimir Putin und Altkanzler Gerhard Schröder wäre der vielfach kritisierte Gazprom-Coup kaum möglich gewesen. Der Energie Riese aus Russland ist noch immer Haupt- und Trikotsponsor der Schalker.

Die Achterbahnfahrt mit Tönnies

Dank seiner hemdsärmeligen Art war Tönnies viele Jahre bei den Anhängern beliebt – solange der sportliche Erfolg da war. Wie in seinem Firmenimperium dachte er auch auf Schalke stets in großen Dimensionen. Als er einst Meistermacher Felix Magath lockte, feierten ihn die Fans. Als nach der Vizemeisterschaft der Erfolg ausblieb und Magath mehr Kompetenzen forderte, endete diese Beziehung im Desaster.

Weil längst blau-weißes Blut in seinen Adern floss, wurden Tönnies manch rhetorische Entgleisungen und ungeschickte Auftritte verziehen. Dass er dem notorisch klammen Club in kritischen Zeiten mal mit einem Millionen-Überbrückungskredit aus der Patsche half, ist ein offenes Geheimnis. Doch stets erhielt Tönnies sein Geld wieder zurück.

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Doch immer wieder flackerte im direkten Schalker Umfeld Kritik an Tönnies auf. Viele nahmen dem gelernten Metzger seine federführende Rolle bei der Entmachtung der beliebten und damals bereits an Alzheimer erkrankten Vereinsikone Rudi Assauer übel. Gleichwohl war an Tönnies' Macht nie nachhaltig zu rütteln. Zu groß war sein Einfluss und seine Finanzkraft. Oppositionelle scheiterten mehrfach beim Versuch, ihn bei Mitgliederversammlungen vom Thron zu stoßen.

Doch im Vorjahr begann die Stimmung endgültig zu kippen. Seine Äußerungen in Paderborn zur deutschen Entwicklungspolitik sorgten bundesweit für Entrüstung. "Der Bundesentwicklungsminister soll stattdessen Kraftwerke in Afrika finanzieren, der spendiert dann jedes Jahr 20 große Kraftwerke nach Afrika. Dann hören die (Afrikaner) auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, wenn wir die nämlich elektrifizieren, Kinder zu produzieren" – so lautete das Zitat des Anstoßes im August 2019, das die ohnehin sensible Rassismus-Debatte befeuerte.

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Die Kritik an Tönnies gipfelte in Fan-Demonstrationen

Zwar entschuldigte sich Tönnies öffentlich. Doch es hagelte Kritik bis hin zu Rücktrittsforderungen. Weitreichende Folgen für Tönnies im Verein hatten die als rassistisch eingestuften Äußerungen jedoch nicht. Zwar beschäftigte sich der Ehrenrat mit dem Fall, stufte aber den Rassismusvorwurf als "unbegründet" ein. Wegen eines Verstoßes gegen das in Klubsatzung und Leitbild verankerte Diskriminierungsverbot ließ Tönnies sein Amt als Aufsichtsratschef lediglich drei Monate ruhen.

Die neuesten Entwicklungen in seinem Fleisch-Unternehmen mit mehr als 1500 bestätigten Corona-Infektionen schadeten Tönnies' Ansehen und Reputation weit über die Schalke-Welt hinaus. Nun machten die Schalke-Fans mit gut abgesprochenen Aktionen wie am vergangenen Samstag mobil, weil der Bundesligist in der Außendarstellung zuletzt ein katastrophales Bild abgab. "Schalke ist kein Schlachthof! Gegen die Zerlegung unseres Vereins", lautete das Motto der Fanaktion am Vereinsgelände Berger Feld.