19. April 2020 / 12:40 Uhr

Existenzängste in der Formel 1: Corona-Krise stellt Zukunft der Rennserie infrage

Existenzängste in der Formel 1: Corona-Krise stellt Zukunft der Rennserie infrage

Karin Sturm
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Corona-Krise stellt die Formel 1 vor eine schwierige Aufgabe.
Die Corona-Krise stellt die Formel 1 vor eine schwierige Aufgabe. © APA
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Die Corona-Krise sorgt bei ersten Formel-1-Teams für Existenzängste. Das Fundament der Rennserie ist gefährdet . Die Bosse wollen reagieren.

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Laut haben es in der Formel 1 bisher noch wenige gesagt, aber allen ist bewusst, was zumindest McLaren-Teamchef Andreas Seidl jetzt schon einmal deutlich aussprach: Die Corona-Krise könnte vier Teams ihre Existenz kosten – und damit die Zukunft der gesamten Serie infrage stellen. Vor allem dann, wenn tatsächlich der absolute Worst Case eintreten sollte und 2020 überhaupt nicht mehr gefahren werden kann, also sämtliche Einnahmen wegbrechen sollten.

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Bereits mehrere Formel-1-Teams haben einen Teil ihrer Belegschaft beurlaubt: Nachdem McLaren den Anfang gemacht hatte, zogen fast alle anderen nach. Für Seidl war "die Notwendigkeit, die Belegschaft in Kurzarbeit zu schicken, das Härteste, was ich in 20 Jahren Motorsport je tun musste". Aber auch die einzige Möglichkeit, um zu verhindern, dass McLaren am Ende auch zu denen gehört, die um ihre Existenz bangen müssen.

Für diese Formel-1-Teams könnte es kritisch werden

Kritisch werden könnte es für Renault, wo die Formel 1 selbst ohne Corona ja schon länger konzernintern auf dem Prüfstand steht, außerdem auch für die Kleinen: Für Alfa Romeo, das immer noch in erster Linie von Geldern der schwedischen Tetra-Pak-Familie um Finn Rausing lebt, für Haas, wo Besitzer Gene Haas schon mehrmals die Frage nach dem Sinn des Engagements bei Chancenlosigkeit mangels finanzieller Gerechtigkeit stellte, und bei Williams, wo man seit Jahren am Existenzminimum herumkrebst.

Kommentare von Ex-Bossen lösen verärgertes Kopfschütteln aus

Wenn jetzt die Sponsoren nicht zahlen, weil es keine Rennen gibt, und auch die TV-Einnahmen wegfallen, dann wird die Situation mehr als dramatisch. Schlaue Sprüche von Ex-Formel-1-Machthabern wie Bernie Ecclestone oder Max Mosley, die sich mit Kommentaren, man solle doch die ganze Saison einfach absagen, wieder in die Schlagzeilen bringen wollen, lösen daher in der Branche vor allem verärgertes Kopfschütteln aus.

Rechteinhaber Liberty Media versucht verzweifelt, mit immer neuen Notplänen zu retten, was noch zu retten ist. Liberty ist selbst betroffen: In der Formel-1-Zentrale in London wurde ein Teil der Belegschaft freigestellt. Etwa die Hälfte der Mitarbeiter der F1-Organisation musste die Büros verlassen. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, hat sich die Führungsetage dazu entschieden, auf 20 Prozent des Gehalts zu verzichten. F1-Boss Chase Carey hat sogar angekündigt, seine Bezüge noch weiter zu reduzieren. Carey weiß genau: Um zumindest die Fernsehgelder kassieren zu können, müssen 15 Rennen gefahren werden.

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Sebastian Vettel über Formel-1-Neustart: "Schwierige Entscheidung"

Notfalls auch als Geisterrennen, ohne Publikum. Dafür wäre man dann eventuell auch bereit, auf Antrittsgelder zu verzichten, die gerade bei den Europa-Grands-Prix sowieso nicht so hoch sind wie bei vielen Überseerennen. Auch Doppelpacks wurden schon angedacht, zwei Rennen hintereinander an zwei Wochenenden auf der gleichen Strecke, um weniger Reiseprobleme zu bekommen, die ja sowieso das größte Hindernis für den Grand-Prix-Zirkus sind.

Selbst mit Minimalbesetzung wären es immer noch über 1000 Leute, die an die jeweilige Strecke gebracht, dabei aus Sicherheitsgründen immer wieder getestet werden müssten. Letzter Stand der Gedankenspiele: Ein Start ohne Publikum in Österreich Anfang Juli, danach zwei Rennen unter den gleichen Bedingungen in Silverstone. Ob das in der Praxis wirklich machbar ist, weiß niemand.

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Auch unter den Fahrern habe man recht ausführlich darüber diskutiert, wie es denn weitergehen solle, sagt Sebastian Vettel – per Videokonferenz aus seinem Schweizer Zuhause: "Es ist eine sehr schwierige Entscheidung, einerseits muss man die wirtschaftlichen Aspekte des gesamten Sports im Auge haben, dann gibt es die Verantwortung für die Leute im Fahrerlager, in den Fabriken und am wichtigsten natürlich auch die für die Gesundheit der Fans. Unser Sport findet zwar draußen statt, aber trotzdem kommen da normalerweise natürlich sehr viele Leute zusammen. Es gibt, wie gesagt, einige Optionen, mit Fans, ohne Fans. Einerseits fährt niemand gern vor leeren Tribünen, solche Geisterrennen wären sicherlich ein komisches Gefühl, aber wenn es andererseits die einzige Chance ist, deutlich früher anzufangen?"

Natürlich wünsche sich jeder, "so schnell wie möglich zur Normalität zurückkehren zu können, nicht nur um der Formel 1 willen, sondern insgesamt – aber im Moment ist das beste Rezept wohl einfach Geduld. Auch wenn es wehtut – aber das geht ja vielen in vielen Bereichen derzeit so. Die ultimative Antwort habe ich auch nicht."

Senkung der Budgetobergrenze für Rettung der kleinen Teams?

Auch keine für die finanziellen Probleme und die Diskussionen um eine weitere Senkung der Budgetobergrenze, die helfen soll: "Die momentane Situation hat natürlich einen großen wirtschaftlichen Einfluss auf die Teams, spätestens für nächstes Jahr. Deswegen gibt es da ja jetzt sehr viele Gespräche", sagte Vettel. "Es war mit den neuen Regeln das Ziel, die Teams wieder dichter zusammenzubringen. Wenn dieser Trend jetzt durch die Umstände verstärkt würde und die Rennen dadurch spannender würden, da wäre das sicher gut."

Fakt sei jedoch, dass die kleinen Teams eher in ihrer Existenz bedroht sind als die großen. Letzter Stand der Dinge nach einer Videokonferenz zwischen Teamchefs, Carey und Fia-Präsident Jean Todt: Von den bis jetzt geplanten 175 Millionen Dollar soll es nun wohl für 2021 auf 135 und für 2022 auf 120 Millionen Dollar heruntergehen. Letztlich auch für das Überleben der ganzen Rennserie.