29. Mai 2019 / 09:07 Uhr

Brennpunkt-Klub kämpft für Integration: "Das Bild von Fortuna ist auch das Bild von Deutschland"

Brennpunkt-Klub kämpft für Integration: "Das Bild von Fortuna ist auch das Bild von Deutschland"

Jan Jüttner
Biniam Hadera kam vor fast 40 Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Heute ist er Trainer und Sportlicher Leiter beim TSV Fortuna Sachsenross in Hannover.
Biniam Hadera kam vor fast 40 Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Heute ist er Trainer und Sportlicher Leiter beim TSV Fortuna Sachsenross in Hannover. © Petrow
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In einem Stadtteil Hannovers mit vielen sozialen Problemen setzt sich der TSV Fortuna Sachsenross erfolgreich für den Nachwuchs ein. Aber es fehlt an vernünftiger Ausstattung und guten Spielmöglichkeiten.

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„Schön ist es nicht, aber wir haben uns dran gewöhnt“, sagt Schatzmeister Dierk Schreiber. Er untertreibt damit ein wenig. Denn die Dusche in der Kabine des Amateurklubs TSV Fortuna Sachsenross in Hannover hat keine Decke. Nach einem Wasserschaden konnte der Klub das Problem nicht beheben, das gesamte Dach war gleich an mehreren Stellen undicht. Nach Gesprächen mit dem Verpächter, der Stadt Hannover, hat die Sanierung in diesem Jahr begonnen. Immerhin ein kleiner Lichtblick. Denn der Fortuna ergeht es wie so vielen Amateurklubs in Deutschland: Das Geld reicht vorne und hinten nicht.

#GABFAF zu Besuch beim Integrationsklub Fortuna Sachsenross

Viele Kinder aus schwierigen Verhältnissen

Einer, der die Fortuna lebt, ist Biniam Hadera. 1980 kam er als Flüchtling aus Eritrea nach Hannover. „Wir sind ein Arbeiterverein“, sagt der Trainer der ersten Fußball-Männermannschaft. Zusammen mit Schatzmeister Schreiber und dem Technischen Leiter Thomas Hofmeister steht er vor dem Klubhaus und schaut über die Anlage. Auf dem Rasenplatz jagen Kinder in Messi- und Ronaldo-Trikots den Bällen hinterher. Der Klub liegt in einem sogenannten sozialen Brennpunkt. Über 60 Prozent der Klubmitglieder haben einen Migrationshintergrund, viele Kinder kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen.

Schreiber und seine Vereinskameraden wollen vor allem Kindern eine Perspektive bieten. „Fortuna war schon in dem Bereich tätig, bevor es überhaupt den Begriff ‚Integration‘ gab. Wir sind einfach multikulti“, sagt Hadera. Trotz der vielen unterschiedlichen Nationalitäten kommt es nur selten zu Konflikten. „Es passt einfach. Das Bild von Fortuna ist gleichzeitig auch das Bild von Deutschland.“

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Jedes zweite Kind kann den Beitrag nicht zahlen

Von den gut 250 Kindern im Verein kann nur rund die Hälfte den Monatsbeitrag von 14 Euro aufbringen. Deshalb streckt der Verein selbst das Geld vor, später gibt es dann einen Teil von der Stadt zurück. Jedes Kind wird jährlich mit lediglich 120 Euro unterstützt. „Wir zahlen dann noch drauf, aber wollen niemanden wegschicken“, erklärt Schreiber.

„Es fehlt an allen Ecken und Enden. Unser Ascheplatz ist eine Katastrophe“, beklagt er. Das Granulat ist über die Jahre fast vollständig abgetragen worden. Dabei könnte eine Sanierung dem gesamten Stadtteil guttun. „Die Kinder sollen lieber zu uns kommen und weg von der Straße“, wünscht sich Hadera.

Fotos vom #GABFAF-Besuch bei Fortuna Sachsenross Hannover:

Dierk Schreiber zeigt die marode Decke in der Dusche. Zur Galerie
Dierk Schreiber zeigt die marode Decke in der Dusche. ©
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Kritik an Verbandsstrafen

Schreiber gibt auch den Fußballverbänden Schuld an der Situation. „Überall werden uns Steine in den Weg gelegt. Für nicht eingetragene Ergebnisse oder fehlende Unterlagen müssen wir Strafe zahlen. Doch unter den Umständen hier ist es nicht einfach.

Zudem wurde der Klub in der Vergangenheit häufig Opfer von Diebstahl. „Aus den Garagen haben sie Gartengeräte im Wert von 4000 Euro geklaut“, erzählt der Schatzmeister.

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Auch einen Hund hat der Klub: Loona ist der Vereins-Mops.
Auch einen Hund hat der Klub: Loona ist der Vereins-Mops. © Florian Petrow

An Nachwuchs fehlt es nicht

Und trotz der wenig attraktiven Platzverhältnisse wollen viele Kinder bei Fortuna anfangen. 16 Teams hat der Klub, besonders an jungen Spielern mangelt es nicht. Damit in Zukunft noch mehr Kinder betreut werden können, hofft der Verein auf Unterstützung der Stadt. Geplant sind Kooperationen mit Grundschulen. „Die meisten Kinder hier wachsen damit auf, dass sie nichts bekommen. Ich verstehe nicht, wieso man nicht hier an der Basis anfängt“, schimpft Hadera, der selbst im Stadtteil Sahlkamp aufgewachsen ist.

Wunsch für DFB-Präsidentenwahl: "Ein ehrlicher Mensch"

Im Hinblick auf die Wahl des DFB-Präsidenten im September haben die drei Männer nur wenig Hoffnung auf Besserung. „Es wäre ein Fortschritt, wenn da mal ein ehrlicher Mensch an die Spitze kommt“, stellt Schreiber fest. Hadera ergänzt: „Wir bilden aus und machen die eigentliche Arbeit für die großen Klubs. Das wird von denen da oben zu oft vergessen.“ Trotzdem: Dieser Klub lässt sich einfach nicht unterkriegen.

Und welche Probleme hat Euer Klub? Sag es uns über das Kontaktformular auf gabfaf.de.

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Das "Grundgesetz" der Initiative: Im Manifest könnt Ihr nachlesen, wofür #GABFAF sich einsetzt. Direkt hier in der Galerie! © #GABFAF

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