07. Mai 2021 / 07:40 Uhr

Für Leipziger Trainer-Urgestein Klaus Franke spielt das Alter auch mit 80 keine Rolle

Für Leipziger Trainer-Urgestein Klaus Franke spielt das Alter auch mit 80 keine Rolle

Winfried Wächter
Leipziger Volkszeitung
Hält sich durchs Coachen fit: Kulttrainer Klaus Franke.
Hält sich durchs Coachen fit: Kulttrainer Klaus Franke. © Norman Rembarz
Anzeige

Er galt als einer der besten Torhüter der DDR. Beim Finale des Europapokals in Paris war Klaus Franke 1970 in Doppelfunktion unterwegs. Der 59-fache Nationalspieler vermittelt nach wie vor als Coach Taktik, Athletik und Theorie wie kaum ein anderer. am Freitag feiert der Kulttrainer seinen 80. Geburtstag. 

Anzeige

Leipzig. Er wäre wie gewohnt in der Halle gewesen und hätte mit den Torhütern trainiert. Die freuen sich immer, wenn der ältere Herr einmal pro Woche zu ihnen kommt. Meistens holt ihn Cheftrainer Uwe Jungandreas in Leipzig ab und bringt ihn mit nach Dessau zu den Zweitliga-Handballern. „Entscheidend ist, was er vermitteln kann. Das Alter spielt dabei keine Rolle“, sagt Jungandreas über seinen Fahrgast, der Klaus Franke heißt und an diesem Freitag 80 Jahre alt wird.

Anzeige

Größte Partie vor 55 Jahren

Doch Franke war zuletzt nicht in der Anhalt-Arena, in der Mannschaft ging das Corona-Virus um. Er findet es sehr schade, dass das Training ausfällt, weil es natürlich sehr schön sei, wenn sich solch junge Kerle auf ihn freuten. Um zu lernen, wie man sich im Handball-Tor am besten bewegt oder worauf es bei ihrer Athletik besonders ankommt. Davon versteht er eine Menge, schließlich galt der 59-fache Nationalspieler als einer der besten Torhüter der DDR, obwohl er nur 1,78 m groß war. Seine Werte – immerhin sprang er 1,95 m hoch und schaffte mit dem Stab 3,65 m – waren beeindruckend.

Die Handball-Europameister von 1966: Klaus Franke (vorne li.) mit dem DHfK-Team.
Die Handball-Europameister von 1966: Klaus Franke (vorne li.) mit dem DHfK-Team. © Johannes Hänel/Archiv

Sein vielleicht größtes Spiel liegt inzwischen 55 Jahre zurück. Am 22. April 1966 besiegte der SC DHfK in Paris im Finale des Europapokals der Landesmeister, der heutigen Champions League, Honved Budapest mit 16:14. „Es war bestimmt das Spiel mit der nachhaltigsten Erinnerung“, sagt er. Alle Beteiligten von damals sind sich nach wie vor einig: Schorsch, wie sie ihn immer nannten, hat uns gerettet. „Ohne ihn hätten wir nicht gewonnen“, gesteht Kreisläufer Wolf-Dietrich Neiling. Doch durch die Paraden ihres Schlussmanns triumphierte die Mannschaft von Trainer Hans-Gert Stein und ihren Ausnahmespieler Paul Tiedemann. Für Franke begann nach dem Abpfiff der zweite Teil eines langen Abends, der Anwurf war erst 22 Uhr erfolgt.

Franke übernimmt Nationaltraineramt

DDR-Journalisten durften damals nicht einreisen, so dass die Leipziger Volkszeitung den Torhüter – er hatte zwei Semester Journalistik studiert – um Berichterstattung gebeten hatte. Während seine Mannschaftskameraden feierten, saß Franke im Hotelzimmer und schrieb den Bericht. Danach meldete er an der Rezeption ein R-Gespräch (der Angerufene übernahm die Kosten) nach Leipzig an, um den Text telefonisch durchzugeben. Als alles erledigt war, erwachte Paris, und Franke machte sich auf den Weg zum Montmartre, um noch etwas von der Stadt zu sehen; die Rückreise war für Mittag vorgesehen. Dieser Morgen hat einen festen Platz in seinem Gedächtnis. Der frisch gebackene EC-Sieger beobachtete die Clochards und die Maler, die bei diesem speziellen Licht ihr Tagewerk begannen, und schwärmt noch immer von „einer unbeschreiblichen Atmosphäre“. Zweimal war er später als Aktiver noch einmal in Paris. 1970, als er mit der DDR in Frankreich Vizeweltmeister wurde, und zwei Jahre später mit dem SC Leipzig – für den spielte er nach der WM – auf dem Weg zum EC-Rückspiel gegen Stella Sports St. Maur.

Klaus Franke im Training mit den Jungs von Aufbau Altenburg.
Klaus Franke im Training mit den Jungs von Aufbau Altenburg. © Mario Jahn

1973 begann Franke beim SCL als Trainer, zunächst bei den Männern. Doch als Peter Kretzschmar die Frauen-Nationalmannschaft übernahm, trat der einstige Torhüter an dessen Stelle und trainierte die SCL-Frauen, gewann mehrere DDR-Meisterschaften und 1986 den Europapokal. Letzteres gelang ihm auch 1989 mit Hypo Wien. 1987 folgte er auf Kretzschmar, mit dem er als Co 1978 Weltmeister geworden war, im Amt des Nationaltrainers. Zu Kretzschmar, seiner Frau Waltraud (beide 2018 gestorben) und Sohn Stefan verband beziehungsweise verbindet Franke eine jahrzehntelange enge Freundschaft. „Pit war ein wunderbarer Mensch, mit ihm lag ich immer auf einer Wellenlänge“, sagt Franke. Er war oft Gast der Familie am Rande Berlins.

Beim HCL und in Markranstädt von Franke gelernt

Eine der bekanntesten Franke-Schützlinge ist Kerstin Mühlner, die er beim SCL von 1980 bis 1987 betreute und zur Nationalspielerin (210 Einsätze) entwickelte. „Ich habe bei ihm sehr viel gelernt. Und dabei fühlte ich mich oft von ihm zu Unrecht kritisiert“, erinnert sie sich. Einmal habe sie sich bei ihm auch darüber beschwert, dass er stets etwas auszusetzen habe. Darüber wundere sie sich schon. „Er hat dann geantwortet, dass ich mich besser wundern soll, wenn er mich nicht mehr kritisiert.“

Viele seiner Ehemaligen bestätigen, viel von ihm gelernt zu haben, auch später beim HCL oder in Markranstädt. Dem Nachwuchs fühlte sich der gebürtige Wittenberger stets verbunden. Die Auswirkungen reichen bis nach Island. Beim FH Hafnarfjördur steht Phil Döhler im Tor, der im Vorjahr als bester Torhüter der dortigen Liga ausgezeichnet wurde. Franke hat ihn in der Leipziger Handball-Akademie und auch in Dessau betreut, hält engen Kontakt, verfolgte viele seiner Spiele im Internet und hatte vor, ihn in Island zu besuchen. Corona hat die Reise leider verhindert.