13. August 2021 / 16:13 Uhr

Frank Goosen und die Bochumer Rückkehr: "Einen elfjährigen Betriebsunfall korrigiert“

Frank Goosen und die Bochumer Rückkehr: "Einen elfjährigen Betriebsunfall korrigiert“

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Guckt das Wolfsburg-Spiel im Bochumer Keller: Frank Goosen, Roman-Autor und Kabarettist.
Guckt das Wolfsburg-Spiel im Bochumer Keller: Frank Goosen, Roman-Autor und Kabarettist. © Wente
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Der VfL Bochum betritt mit dem Spiel beim VfL Wolfsburg nach elf Jahren in der 2. Liga wieder die Bundesliga-Bühne. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Frank Goosen,  Roman-Autor, Kabarettist und Ex-Aufsichtsratsmitglied des Klubs, über diese Rückkehr.

Schon bei seinen ersten öffentlichen Auftritten – im Duo „Tresenlesen“ mit Jochen Malmsheimer - machte er klar, dass die Fußball-Bundesliga für ihn nicht am Samstagnachmittag spielt, sondern am Samstachnammittach, mit zwei „ch“ und „mm“. Frank Goosen (55), ist ein erfolgreicher Roman-Autor („Liegen lernen“, „So viel Zeit“, „Radio Heimat“) und Kabarettist, vor allem aber ist er Bochumer und dem dortigen VfL mehr als nur verbunden. Seine Kolumnen über den Klub sind Kult, von 2010 bis 2017 saß er sogar im Aufsichtsrat, Fußball ist immer wieder ein Motiv in seinen Texten. Mit dem Spiel in Wolfsburg kehrt sein VfL nun nach elf Jahren in der 2. Liga wieder auf die Bundesliga-Bühne zurück. Im Interview spricht Goosen über Ruhrpottfans, große Klappen, kleine Brötchen – und einen schmutzigen Sieg in der VW-Arena.

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Herr Goosen, wie erklären Sie einem jungen Fußball-Fan, dass der VfL Bochum eigentlich ein richtiger Erstligist ist?

Mathematisch. Ich bin seit 55 Jahren auf der Welt, 34 davon war Bochum erstklassig. Hier sind ganze Generationen mit Erstliga-DNA aufgewachsen. Wir haben jetzt nur einen elfjährigen Betriebsunfall korrigiert. Außerdem ist der VfL Bochum in der ewigen Tabelle der Bundesliga auf Platz 13.

Sie appellieren an ein historisches Bewusstsein?

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Sollte man bei jungen Leuten immer machen. Man muss in größeren Zeiträumen denken, dann erscheint einem die Bundesliga-Zugehörigkeit des VfL Bochum als völlig logisch.

Wo setzt denn Ihre persönliche VfL-Bochum-Erinnerung ein?

Es war im Februar 1975, es müsste der 18. Februar gewesen sein. Mit meinem Vater war ich zum ersten Mal im Stadion, Gegner war der Wuppertaler SV. Also derselbe Gegner wie am vergangenen Samstag im Pokalspiel, in dem wir übrigens völlig korrekt ein- und ausgewechselt haben.

Ähm...

Ja, ich wollte mir dieses Thema eigentlich verkneifen, aber egal. Auf jeden Fall also Wuppertaler SV, wir haben 4:2 gewonnen, ich war angefixt und bin dann immer hingegangen, später auch ohne meinen Vater.

Sie sagen "wir" - sprechen Sie ausschließlich als Fan oder auch als Ex-Funktionsträger?

Ausschließlich als Fan, ich betrachte den Verein nur von außen. Oder sagen wir besser: ein Fan mit Vergangenheit.

Wie sehen Sie im Nachhinein Ihre sieben Jahre im Aufsichtsrat?

Es war anstrengend. Weil man als Funktionär Einblicke bekommt, die man nicht nach außen tragen darf. Wenn es schlecht läuft, lappt es außerdem ins Privatleben rein. Auf der Straße angesprochen zu werden, fand ich völlig in Ordnung, die Leute hier sind mit Leidenschaft dabei und haben darum ein legitimes Interesse am Verein. Aber ich war ja auch Jugendtrainer im Verein meiner Söhne, und da sind dann während des Spiels solche Diskussionen schwierig. Und in der 2. Liga gegen den Abstieg zu spielen, das war auch für mich nervlich und emotional sehr belastend.


Nimmt einem das Amt auch die Lust an der für Fans ja oft typischen Unsachlichkeit?

Es nimmt eher die Lust an der Sachlichkeit, weil man manchmal Sachen zu hören bekam, die absurd waren. Zum Glück ist das ein paar Jahre her, die Gefahr eines Internet-Shitstorms war noch nicht so groß. Im Stadion hing auch viel davon ab, ob ich wie üblich auf meinem normalen Platz war oder im VIP-Bereich. Um ehrlich zu sein, wenn es im Winter kalt war, war ich dort auch mal ganz gern. Ein bisschen repräsentieren musste man ja auch - und sich dabei benehmen. Das fiel nicht immer so leicht.

Wenn es in Ihren Texten um den VfL Bochum geht, liest man oft eine Art Spaß am Ärgern heraus. Ist das etwas Typisches für Ihren Verein?

Nein, das verbindet eher alle Fußball-Fans miteinander. Jedenfalls die, die nach ehrlich empfundenem Ärgern auch ein kleines bisschen ironische Distanz zu sich selber einnehmen können. Das habe ich bei jedem einzelnen Verein erlebt. Die Fans des FC Bayern haben halt nur seltener Grund, sich so richtig tief zu ärgern. Aber fragen Sie mal Schalker oder Bremer, die zum Teil durch ein jahrelanges Tränental gegangen sind: Da ist der Galgenhumor sehr weit verbreitet. Und wenn man nicht einmal mehr den Weg zu diesem Galgenhumor findet, macht das sauer und aggressiv. Das ist für einen selber nicht gut.

Kommt beim VfL Bochum durch die geografische Lage zwischen Schalke und Dortmund noch so etwas wie ein Underdog-Empfinden dazu?

Ja, klar. Hier arbeiten viele Leute in Büros oder Fabriken, wo rechts ein Dortmunder steht und links ein Schalker. Speziell in der Zweitliga-Zeit jetzt haben wir dieses Underdog-Dasein noch einmal richtig pflegen müssen, leider. Man muss aber aufpassen, dass das nicht sowas Larmoyantes, Selbstmitleidiges bekommt. Es darf auch keine Entschuldigung für falsche sportliche Entscheidungen sein, wenn man immer darauf rumreitet, dass uns die anderen Klubs die Jugendspieler wegschnappen. Man muss als kleinerer Verein einfach in bestimmten Punkten besser sein als die anderen, um sich behaupten zu können.

"...zum FC Katar, oder wie der Hauptstadtklub da in Frankreich heißt"

Wenn man wie Sie Fußball auch literarisch verarbeitet und dafür Bezug zur Vergangenheit nimmt, wird man dann schnell zum Fußball-Romantiker?

Die Vergangenheit hat einen großen Vorteil: Sie ist schon fertig. Und beim VfL Bochum war sie oft positiver als die Gegenwart. Sie kann auch wunderbar verklärt werden, umso mehr, je länger sie zurückliegt und je weniger Material es gibt. Aber ich will nicht in die 70er oder 80er Jahre zurück. Gut, die dauerhafte Erstliga-Zugehörigkeit war schön. Aber ohne Dach bei Regen im Stadion stehen? Oder Angst vor Hooligans zu haben? Früher war nicht alles besser. Man muss ja mit dem Fußball leben, den man hat. Und kann nicht immer nur alte Spiele bei Youtube suchen.

Der Fußball verändert sich...

...und das führt dazu, dass Fans heutzutage in einem Zustand der Schizophrenie leben. Die meisten lehnen die galoppierende Kommerzialisierung und die übermäßigen Gehälter komplett ab. Aber gerade, wenn man so ein schönes, ursprüngliches Stadion hat wie wir, mitten in der Stadt - und nicht irgendwo draußen vor den Toren, wo man früher die Pestkranken abgelegt hat -, dann ist das Stadionerlebnis an sich immer noch intakt. Weil man sich gerade jetzt auch einfach freut, die Leute wiederzusehen, die man eigentlich nur aus dem Stadion kennt. Und dann guckt man wiederum die Pressekonferenz, in der Lionel Messi Rotz und Wasser heult, weil er Barcelona verlassen muss und und liest von den Summen, die da im Spiel sind, wenn er jetzt zum FC Katar geht, oder wie der Hauptstadtklub da in Frankreich heißt. Das sind Sachen, die einem natürlich unheimlich auf den Senkel gehen. Aber wenn er dann wieder acht Gegenspieler aussteigen lässt, dann gucke ich mir das natürlich gern an. Das ist die Schizophrenie aller Fans.

Was unterscheidet den Bochum-Fan von anderen? Was ist spezifisch?

Das ist schwierig zu beantworten, weil es immer schnell Richtung Klischee geht. Fragen Sie mal anderswo, was spezifisch am VfL Wolfsburg ist, da kriegen Sie nur fiese Sachen zu hören, die wollen Sie gar nicht wissen. Was hier vielleicht speziell ist: Die Fans haben manchmal mehr Ehrgeiz als der Verein selbst. Und der Fußball-Fan im Ruhrgebiet hat gern mal eine große Klappe, auch wenn nichts dahinter ist. Kleine Brötchen kann man später immer noch backen - aber solange man eine große Klappe haben kann, möchte man die auch gern haben.

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"Eigentlich möchte ich eine Situation wie beim SC Freiburg"

Wie verändert die Rückkehr in die Bundesliga nun den Anspruch?

Elf Jahre Entzug haben dazu geführt, dass die Leute sehr lange sehr dankbar sein werden. Es geht immer auch darum, wie und gegen wen man spielt. Sollten wir jetzt in Wolfsburg nach großem Kampf 2:3 verlieren - was nicht passieren wird -, dann ist das okay. Gegen Mainz und Köln muss dann danach schon was her. Der Kredit ist nicht unendlich.

Was ist Ihr Wunsch?

Dieses Jahr Platz 15, alles darüber hinaus wäre die Kirsche auf der Sahne. Ich persönlich würde mir zudem wünschen, dass man diesen Aufstieg jetzt nutzt, um den Verein nachhaltig fit zu machen. Eigentlich möchte ich eine Situation wie beim SC Freiburg, wo man vielleicht auch mal mit einem Trainer, der zum Verein passt, ab- und wieder aufsteigen kann. Ich könnte auch jetzt mit einem direkten Wiederabstieg leben, wenn wir es dann schafften, beim nächsten Mal mit mehr Power zurückzukommen. Im Moment hat man den Eindruck, dass hier alles sehr stark in die richtige Richtung geht, Trainer Thomas Reis und Sebastian Schindzielorz im Vorstand haben ganz viel richtig gemacht. Aber sie sind auch erst kurze Zeit in der Verantwortung.

Wie sehr bedauern Sie, dass Sie bei Bochums Rückkehr auf die große Bühne nicht dabei sein können?

Auswärtsspiele waren in den letzten Jahren wegen meiner Auftritte ohnehin oft problematisch. Früher habe ich eine Weile meine Tourdaten tatsächlich nach dem VfL-Spielplan ausgerichtet, aber das wäre jetzt schwierig, wo es ja nach Corona erst so langsam wieder mit Auftrittsmöglichkeiten losgeht. Und wenn irgendwo ein ganzes Stadion über ein Tor gegen uns jubelt, macht mich das sowieso immer fertig. Nein, ich freue mich, dass ich das Spiel in Wolfsburg bei mir daheim im Keller mit fünf, sechs geimpften Freundinnen und Freunden gucken kann, das hatten wir jetzt auch schon lange nicht mehr.

Gibt es ein besonderes Spiel zwischen beiden Klubs, an das Sie sich erinnern?

Ja, an einen sehr schmutzigen Sieg 2007. 89 Minuten lang haben wir in Wolfsburg eine Leistung gezeigt, für deren Beschreibung ich zu Kraftausdrücken greifen müsste. Dann kommt ein langer Ball auf Stanislav Šesták, und wir gewinnen 1:0. So will ich eine Ruhrpottmannschaft sehen: bisschen eklig, und am Ende ärgert sich der Gegner.

Feiern können Sie am Tag des Spiels so oder so – ein Jubiläum. Das allererste Erstliga-Spiel des VfL Bochum ist auf den Tag genau 50 Jahre her.

Auf den Tag genau? Das ist ja der Hammer! Wusste ich nicht. Was ich natürlich weiß: 1:0 gegen Eintracht Braunschweig gewonnen, Tor von Hans Hartl.

Siege gegen Braunschweig kommen bei Wolfsburg-Fans immer gut an...

Das kann ich mir denken, aber ich muss da leider sagen: Ich hätte nichts dagegen, wenn wir uns an diesem Samstag in Braunschweig beliebt machen.

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