27. Februar 2020 / 06:00 Uhr

Ex-DFB-Trainer Frank Kramer über Entwicklung deutscher Talente: "Nicht jeden Hype mitmachen"

Ex-DFB-Trainer Frank Kramer über Entwicklung deutscher Talente: "Nicht jeden Hype mitmachen"

Roman Gerth
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Frank Kramer, der im Sommer vom DFB zum FC Red Bull Salzburg gewechselt ist, spricht im SPORTBUZZER-Interview über die Entwicklung deutscher Talente und die Karriere-Chancen von Youssoufa Moukoko und Karim Adeyemi.
Frank Kramer, der im Sommer vom DFB zum FC Red Bull Salzburg gewechselt ist, spricht im SPORTBUZZER-Interview über die Entwicklung deutscher Talente und die Karriere-Chancen von Youssoufa Moukoko und Karim Adeyemi. © 2019 Getty Images (Montage)
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Ex-DFB-Jugendtrainer Frank Kramer wechselte im Sommer 2019 zu Red Bull Salzburg. Dort ist er Nachwuchschef und trainiert zudem das Youth-League-Team. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Kramer über fehlendes Vertrauen bei der Talente-Entwicklung in Deutschland und den Hype um Erling Haaland.

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Frank Kramer kam im Sommer vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu Red Bull Salzburg - und ist dort durchaus erfolgreich. Der ehemalige DFB-Übungsleiter, der unter anderem schon die deutsche U18, U19 und U20 trainiert hat, zog als Coach der Nachwuchsmannschaft des Klubs ins Achtelfinale der UEFA Youth League ein. Neben seinem Trainer-Job leitet Kramer die Red Bull Akademie in Salzburg. Im Interview mit dem SPORTBUZZER spricht der 47-Jährige über einen möglichen deutschen Erling Haaland – und kritisiert den Umgang mit jungen Spielern in Deutschland.

SPORTBUZZER: Herr Kramer, Sie waren lange beim Deutschen Fußball-Bund tätig: Was unterscheidet die Nachwuchsarbeit der Akademie in Salzburg von anderen Klubs oder Verbänden, zum Beispiel dem DFB?

Frank Kramer: In Salzburg ergibt alles ein Gesamtbild. Es gibt einen roten Faden, dem alle folgen. Die Philosophie wird im gesamten Verein konsequent gelebt. Das schafft enorm viele Synergien und macht die Ausbildung einfacher, wenn jeder, der hier ist oder herkommt, die gleiche klare Idee von Fußball hat. Das gilt für Scouts, Trainer, Verantwortliche und jeden einzelnen Spieler. Ein weiterer Baustein ist, dass die Menschen, die hier sind, nicht nur konzeptionell gut zusammenpassen, sondern auch menschlich harmonieren. Das ist nicht selbstverständlich und vor allem nicht einfach, so hinzubekommen. Und letztlich ist die gesamte Infrastruktur ideal, um das Konzept umzusetzen.

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Wer ist bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio im National Stadion mit dabei? Der SPORTBUZZER schätzt unter anderem die Teilnahme-Chancen von Lars Stindl (von links), Thomas Müller und Sandro Wagner ein. ©
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Eigene Konzepte und eigene Philosophien im Nachwuchsbereich wird sicher jeder Verein oder Verband für sich beanspruchen. Welche konkreten Faktoren spielen denn darüber hinaus eine Rolle?

Es geht um Überzeugung. Wenn ein U19-Trainer in Deutschland unbedingt Meister werden soll, weil sein Team mit Jugend-Nationalspielern gespickt ist, und dann nach einigen Spieltagen auf Platz sieben steht, wird er in Frage gestellt. Das passiert in Salzburg nicht, weil hier klar ist, dass man die Jungs als Trainer in Ruhe entwickeln darf. Und wenn ein Trainer es gut macht, wird er auf Dauer erfolgreich sein. Natürlich ist die Ligenstruktur in Österreich eine andere als in Deutschland. Bei Liefering spielen unsere 16-Jährigen schon Herrenfußball in der 2. Liga – das ist eine unglaublich wichtige Erfahrung, die der Entwicklung unheimlich gut tut.

Das ist ein gutes Stichwort: Der DFB debattiert aktuell darüber, die Altersgrenze zu senken. Diesen Schritt würden sie demnach befürworten?

Natürlich! Hier wird das schon lange gelebt – und der Erfolg in der Ausbildung gibt dem Klub eben Recht. Die Zeiten haben sich geändert. Wenn ich meine 13-jährige Tochter mit den Mädchen vergleiche, mit denen ich in der 8. Klasse zur Schule gegangen bin, ist das ein deutlicher Unterschied. Wenn sich die Zeit ändert, dann sollte man sich in allen Bereichen an die Gegebenheiten anpassen können. Unsere 16-Jährigen sind schon weit entwickelt, da sind teilweise körperlich gesehen Maschinen dabei, die im Erwachsenen-Fußball voll mithalten können. Die Entwicklung in den vergangenen Jahren, dass im frühen Alter schon alles auf Leistungssport ausgerichtet wird mit Athletiktraining und allem was dazu gehört, ist enorm gewesen – und kein Vergleich mehr zu früher.

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Doch selbst eine niedrigere Altersgrenze würde nicht garantieren, dass die jungen Spieler auch regelmäßige Einsätze bei den Profis bekommen…

Das ist richtig. Ich kann nur betonen, dass Salzburg das beste Beispiel dafür ist, wie wichtig frühestmögliche Erfahrungen im Profifußball sind. Spieler wie Konrad Laimer (von RB Leipzig, d. Red.) oder Xaver Schlager (VFL Wolfsburg, d. Red.) kommen mit Anfang 20 in die deutsche Bundesliga und haben schon 100 oder 150 Partien als Profi in Österreich im Gepäck. Sie stehen als echter Charakter auf dem Platz und können mit dem Druck umgehen. Das ist naturgemäß ein Riesen-Unterschied zu denen, die gerade aus der U19 kommen. Hinzu kommt, dass einige deutsche Klubs ihre zweiten Mannschaften abmelden – das verringert die Chancen der jungen Spieler noch mehr, frühzeitig Erfahrungen im Herrenbereich und überhaupt die für eine positive Entwicklung notwendige Spielpraxis auf einem möglichst idealen Wettkampf-Level zu sammeln.

Sancho, Havertz und Haaland "vereinzelte Ausnahmetalente"

Wie passt es dann zusammen, dass mit Jadon Sancho, Kai Havertz oder eben Erling Haaland einige junge Profis die Bundesliga sehr wohl aufmischen?

Es gibt diese Fälle, aus meiner Sicht sind es aber wirklich nur vereinzelte Ausnahmetalente wie eben Kai Havertz, der aus der Jugend kommt und mit seinen überragenden Fähigkeiten in dem Alter schon Stammspieler in der Bundesliga wird. Aber wie viele junge deutsche Innenverteidiger von 19 oder 20 gibt es, die Stammspieler sind? Da werden Sie nicht viele finden …

Gibt es diesbezüglich einen regen Austausch zwischen dem DFB und der Salzburger Akademie, seit dem Sie dort im Amt sind?

Ja, Meikel Schönweitz (Cheftrainer DFB-Jugendteams, d. Red.) war bereits hier und hat sich die Strukturen angeschaut. Im Dezember wurde außerdem die Trainer-Ausbildertagung des DFB in Salzburg ausgerichtet. Sie schauen also schon über die Grenze und entscheiden dann, was davon sinnvoll ist und was eher nicht passt.

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In Deutschland stellt sich nicht erst wegen des Haaland-Hypes die Frage, wer der nächste deutsche Stürmer-Star wird. Mit Youssoufa Moukoko vom BVB und Salzburg-Profi Karim Adeyemi tauchen zwei Namen in diesem Zusammenhang auf. Wie schätzen Sie die Zukunftschancen der beiden ein?

Wir alle, die im Profifußball im Jugendbereich tätig sind, müssen aufpassen, dass wir uns den – wenn auch nachvollziehbaren – Motiven der Medien nicht anschließen. Wir können nicht immer nur auf der Suche nach dem nächsten Mega-Talent sein. Die Arbeit mit den jungen Menschen und die Entwicklung der Spieler sollten im Vordergrund stehen. Wir sollten nicht jeden Hype mitmachen. Außerdem: ein 19-Jähriger, der noch einige Defizite hat, kann dann mit 22 Jahren trotzdem noch europäisches Top-Niveau erreichen. Beide genannten Jungs bringen sehr viel Talent mit – schauen wir mal, wie weit sie dieses bringen wird. Dabei wird die Arbeitshaltung und die Widerstandsfähigkeit – auch gegenüber dem entstandenen Hype – entscheidend sein.

"Junge Spieler bekommen zu wenig Spielzeit"

Fehlt manchmal also schlicht die Geduld bei der Talente-Entwicklung in Deutschland?

Auch an der Stelle geht es um Spielpraxis, die ich in Deutschland manchmal nicht wirklich sehe. Die jungen Spieler bekommen zu wenig Spielzeit. Nur wenn sie die bekommen, können sie irgendwann auch leistungsmäßig explodieren. Wenn sie nur auf der Bank oder der Tribüne sitzen, nur weil sie mal einen Fehler gemacht haben, dann wird es nicht funktionieren. Natürlich ist der Druck hoch und man muss als Verein sehr gefestigt sein, um sich nicht vom eigenen Weg mit jungen Talenten abbringen zu lassen.

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