09. Juli 2021 / 18:13 Uhr

Mit Pfiff zu den Olympischen Spielen nach Tokio: Astrophysiker Ohme aus Arnum

Mit Pfiff zu den Olympischen Spielen nach Tokio: Astrophysiker Ohme aus Arnum

Stefan Dinse
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Frank Ohme fährt zu den Olympischen Spielen nach Tokio.
Frank Ohme fährt zu den Olympischen Spielen nach Tokio. © Debbie Jayne Kinsey
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​In die Welten, die Frank Ohme faszinieren, hat er im Grunde nur einen sehr begrenzten Einblick. Der Arnumer spürt beruflich Schwarzen Löchern im Weltall nach, privat pfeift er gern Wasserballspiele. Als einziger deutscher Wasserballer wird er an den Olympischen Spielen in Tokio teilnehmen.

​In die Welten, die Frank Ohme faszinieren, hat er im Grunde nur einen sehr begrenzten Einblick. Der Arnumer spürt beruflich Schwarzen Löchern im Weltall nach, privat pfeift er gern Wasserballspiele. Und als Schiedsrichter bleibt ihm eben das Meiste verborgen, was sich unter der Oberfläche abspielt. „Wir können nur das pfeifen, was wir sehen“, sagt der promovierte Astrophysiker. Was sich da sonst so in der Tiefe abspielt in diesem harten Sport, kann der 37-Jährige jedoch gut erahnen und daran erkennen, wie sich die Spieler gebärden. So gut, dass er für die Olympischen Spiele in Tokio nominiert worden ist. Als einziger deutscher Wasserballer.

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"Er ist momentan der beste deutsche Schiedsrichter"

Die Männer des Deutschen Schwimm-Verbandes sind jüngst, wenn auch nicht in einem Schwarzen Loch, so doch in der Versenkung verschwunden. Sie verpassten bei der Olympia-Qualifikation in Rotterdam sieglos und kläglich das Tokio-Ticket. Ohme sah von der Tribüne zu. „Das war ganz schmerzhaft. Man weiß ja, dass sie es viel besser können“, sagt der ehemalige Sömmerdaer. Er pfiff andere Partien in den Niederlanden und schaffte es mit seiner Leistung in den Pool der zusätzlichen Unparteiischen für Olympia – ferner stellt jede teilnehmende Nation einen. „Das empfinde ich als Ehre“, sagt Ohme. Trainer Karsten Seehafer vom deutschen Meister Waspo 98 sieht das so: „Er ist momentan der beste deutsche Schiedsrichter. Und jeden internationalen Einsatz, den er hat, bringt unsere Sportart nach vorne.“

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"Wir haben einiges auszuhalten, stehen sehr stark im Fokus"

Für den Arnumer wird Olympia eine Sternstunde, dabei hat er schon viele große Turniere gepfiffen. Seit 2013 darf er bei internationalen Spielen am Beckenrand stehen; sein Aufstieg ist vielleicht nicht kometenhaft, aber doch steil. Weltliga der Männer und Frauen, Europapokal und natürlich die Bundesliga. Da bekommt man nicht nur viel zu sehen, sondern auch zu hören. Nicht selten ist das wenig schmeichelhaft. Der Job des Referees ist wohl nirgends undankbarer und schwerer als im Wasserball. Manche Entscheidung ist schwer nachzuvollziehen, besonders für die Zuschauer. Und die sitzen meist nicht weit weg vom Geschehen. „Wir haben einiges auszuhalten, stehen sehr stark im Fokus“, räumt Ohme schmunzelnd ein. In Duisburg hat ihm ein Fan sogar schon einmal ein Bein gestellt, oft brüllen aber auch die Spieler oder Trainer.

Natürlich wissen die Schiedsrichter, dass da unter Wasser einiges los ist. „Wir leben ja nicht hinterm Mond“, sagt Ohme, der in seiner aktiven Zeit auf Landesebene in Sömmerda selbst meist mit Abwehraufgaben befasst war: als Center-Verteidiger, einer sehr wichtigen Position. Da geht es richtig zur Sache, hier treffen sich meist die kräftigsten und bulligsten Vertreter der Rivalen. „Meine Erfahrung hilft mir sehr“, so Ohme, „und letztlich ist Wasserball ein Kampfsport.“ Der Astrophysiker greift schnell durch, um das Spiel in geordnete Bahnen zu lenken. Damit lässt sich freilich nicht alles regeln. Einmal gerieten die Spielerinnen Griechenlands und der Niederlande nach Abpfiff nonverbal aneinander. „Da flogen die Fäuste, so etwas vergisst man nicht so schnell“, sagt Ohme, der die Dinge für gewöhnlich mit analytischem Verstand angeht. „Hinterher fragst du dich, ob du das hättest verhindern können.“

Druck auf Schiedsrichter enorm

Das ist es sicher nicht immer. Beispielsweise dann nicht, wenn in der Bundesliga Waspo und Spandau 04 aufeinandertreffen, schließlich ist der deutsche Titelkampf längst zum Duell dieser Clubs geworden. 2018, als die Meisterschaft an Waspo ging, kam es zu krassen Szenen in der Finalserie. Ein Unparteiischer erlitt gar einen Nervenzusammenbruch, die Wogen schienen kaum zu glätten. Ohme kann das nachvollziehen, der Druck sei enorm: „Inzwischen hat sich das aber auf akzeptablem Niveau eingependelt – bei den Teams untereinander und uns Schiedsrichtern gegenüber.“

Während der langen Coronapause hat Ohme einiges zu pfeifen gehabt, er war in ganz Europa unterwegs. Geld gibt es dafür nur sehr wenig, dennoch ist der frühere Thüringer gern unterwegs. In Arnum jedoch ist er angekommen, der zweifache Familienvater wohnt an einem Feld, zum Freibad ist es nicht weit. Bei der SV Arnum hält er sich durch Schwimmen fit. Mit dem Rad fährt er ans Max-Planck-Institut in die Nordstadt, wo er arbeitet, an den Kiesteichen vorbei, eine sehr schöne Strecke. „Wir sind sehr glücklich, das war ein Volltreffer“, sagt Frank Ohme. Im Gegensatz zum Universum oder den Tiefen des Wasserballs ist hier alles wunderbar übersichtlich.