11. September 2020 / 05:30 Uhr

Das Geburtstags-Interview: Günter Netzer erzählt die schönsten Anekdoten über Franz Beckenbauer

Das Geburtstags-Interview: Günter Netzer erzählt die schönsten Anekdoten über Franz Beckenbauer

Raimund Hinko
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Franz Beckenbauer (l.) und Günter Netzer sind seit Jahrzehnten miteinander befreundet.
Franz Beckenbauer (l.) und Günter Netzer sind seit Jahrzehnten miteinander befreundet. © imago images / Spöttel / Montage
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Franz Beckenbauer wird an diesem Freitag 75 Jahre alt. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Günter Netzer über seinen Freund und langjährigen Weggefährten. Dabei erzählt er zahlreiche schöne Anekdoten.

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Franz Beckenbauer wird an diesem Freitag 75 Jahre alt. Ein Glückwunsch kommt von Günter Netzer (bis Sonntag noch 75) aus Zürich. Obwohl Beckenbauer bei Bayern München groß wurde, Netzer bei Borussia Mönchengladbach, brachte das Leben die beiden immer wieder zusammen. Bis sie dicke Freunde wurden. Beckenbauer, der Kaiser, Netzer, der extravagante Künstler. Beckenbauer, dessen Trikot beim größten Regen blütenweiß blieb, Netzer, der mit langem wehendem Haar aus der Tiefe des Raumes kam. Beiden klebte der Ball am Fuß.

"Beide holten ihre Sportart aus einem Drecksimage heraus, so dass sich die Gesellschaft plötzlich für Fußball interessierte", urteilt ihr Weggefährte Paul Breitner. So erschien Beckenbauer mit bunten Sakkos des Edelschneiders Peppino bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth. Netzer hüllte seine sensiblen Füße als erster Fußballer in farbige (blaue) Fußballschuhe aus feinstem Känguru-Leder. Beide bewahrten sich ein Stück Jugendlichkeit, können sich bis heute herrlich auf den Arm nehmen. Im SPORTBUZZER-Interview erzählt Netzer über die Freundschaft mit dem Kaiser.

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SPORTBUZZER: Herr Netzer, wie entstand Ihre Freundschaft?

Günter Netzer (75): Wir waren zunächst große Rivalen. Er in München, ich in Mönchengladbach. Man hat sich zweimal jährlich im direkten Duell gesehen und bei Länderspielen, ohne persönlichen Kontakt. Mir fiel nur auf, dass er sich brennend für schnelle Autos interessierte. Wie ich bekanntlich auch.

Und dann haben Sie ihm ihren Jaguar E angedreht, für 10.000 Mark.

Was heißt angedreht? Ich wollte ihn davor bewahren, sagte, zu dir passt doch eher ein Mercedes oder BMW. Mein Jaguar E mit der langen Schnauze war in Form und Schönheit jedoch nicht zu übertreffen. Als ich sagte, dass ich mir jetzt meinen ersten Ferrari leiste, drängte er solange, bis ich ihm meinen Jaguar nach München vor die Haustür fuhr. Obwohl Schnee lag. Eine Herausforderung.

Damit lösten Sie einen Konflikt aus …

Franz war ein sehr schneller Fahrer. Noch eine Spur schneller als ich. Nach einer Woche hat er angerufen und geschimpft: "Du bist ein Betrüger." Ich fing an zu lachen. "Da regnet es rein", klagte er. Natürlich regnete es da rein. Englische Autos waren zu der Zeit nicht auf dem Stand von Mercedes und BMW. Die Bremsen haben auch nicht immer funktioniert, wenn es geregnet hat. Da musste man trocken bremsen, brauchte viel Geschick für so etwas. Aber es war ein Liebhaber-Fahrzeug. Franz dagegen verlangte, dass alles perfekt ist. Er hat das Auto dann wütend an Kölns Wolfgang Overath verkauft, auch ein guter, sicherer Fahrer, der ihn sehr gut gepflegt hat. Ich habe den Franz als Ignoranten beschimpft. Danach haben wir drüber gelacht.

Sie sind beide im Sternzeichen der Jungfrau geboren, angeblich ziemliche Geizkrägen …

Das genaue Gegenteil trifft auf uns beide zu. Wenn man mit Franz am Tisch saß, konnte man nie bezahlen. Er betrachtete es als Affront, wenn jemand anderer die Rechnung übernommen hat. Er hat auch in frühen Jahren schon immer an die anderen Menschen gedacht. Das war seine Ader. Und ist es immer noch.

Franz Beckenbauer - Das Leben des "Kaisers" in Bildern

Franz Beckenbauer ist zweifelsohne einer der Größten, die der Fußball je gesehen hat. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt seine Karriere in Bildern. Zur Galerie
Franz Beckenbauer ist zweifelsohne einer der Größten, die der Fußball je gesehen hat. Der SPORTBUZZER zeigt seine Karriere in Bildern. ©

Beckenbauer geht herrlich unaufgeregt durchs Leben („schaun mer mal“), kann allerdings auch jähzornig sein ...

Er musste bei Bayern mal, weil Not am Mann war, im Mittelfeld spielen. Er hat dann gegen einen hitzigen Rothaarigen gespielt, Werner Gräber hieß er. Franz hatte die Position des Libero für sich erfunden, damit er hinten in aller Seelenruhe nach vorne laufen konnte, ohne behelligt zu werden. Und nun verfolgte ihn Gräber. Franz hat auf seine Chance gewartet – und dann ein Foul gemacht, das denkwürdig war (lacht). Gräber musste vom Platz getragen werden … Da war der Jähzorn mit ihm durchgebrochen.

1971, bei einem 7:1 der Nationalmannschaft in Norwegen, taucht Beckenbauer als Freistoß-Torschütze auf, obwohl Freistöße Ihnen vorbehalten waren.

Im Vorfeld wurde das Spiel hochstilisiert, wer den Kampf um die Nummer zehn gewinnt: Overath oder ich? Jede Aktion wurde akribisch beobachtet.

Es gab einen Freistoß in idealer Position für Künstler. Sie haben den Ball lange gestreichelt, ihn behutsam auf den Rasen gelegt.

Ein vorprogrammiertes Tor, mit dem ich hätte Punkte sammeln können. Ich sah, dass der Franz neben mir steht, habe jedoch nichts Böses erwartet. Während ich zurückging um anzulaufen, sah der Franz den Torwart falsch stehen und hat den Ball mit seiner unglaublichen Technik per Außenspann über die Mauer in die leere Ecke geschossen.

Wären Sie ihm am liebsten an den Kragen gegangen?

Als ich alle jubeln sah, blieb mir nichts anderes übrig, als die Hände hochzureißen und zu sagen: "Großartig, Franz." Ich möchte bis heute nicht wissen, was passiert wäre, wenn der Ball nicht im Tor gelandet wäre. Es wäre sicherlich zur Konfrontation gekommen.

Unvergesslich bleibt das Jahrhundertspiel 1972, das 3:1 im Wembley-Stadion, als Sie und Beckenbauer das Ramba-Zamba erfanden. Wie kam es dazu?

Ich sagte in Mönchengladbach zu Hennes Weisweiler: "Trainer, wenn ich angespielt werde, schwebe ich in Lebensgefahr, so hauen mir die Sonderbewacher auf die Knochen." Ich schlug vor, dass unser Libero Jürgen Wittkamp, wenn er am Ball ist, stürmt und ich mich fallen lasse. Das klappte so gut, dass ich zu Beckenbauer sagte: "Wenn ich das mit dem Jürgen hinbekomme, kriegen wir beide das erst recht hin." Die Engländer hat das völlig durcheinander gebracht. Die Treter grätschten gegen mich und den Franz ins Leere. Wir zauberten plötzlich.

Deutschland wurde zwei Monate später mit der angeblich besten deutschen Elf aller Zeiten Europameister (2:1 gegen Belgien, 3:0 gegen die Sowjetunion). Und Beckenbauer war wieder mal das Glückskind.

Ja, das ist er. Und das sagt er ja auch von sich selbst. Sage ich auch von mir. Wie privilegiert wir sind, wie dankbar, wie demütig. Was uns da geschenkt wurde. Das Hobby zum Beruf gemacht. Obwohl wir auch ohne Geld Fußball gespielt hätten.

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1977 ging Beckenbauer zu Cosmos New York, spielte neben Pele. Zwei Fußball-Götter nebeneinander. Sie gingen als Manager zum HSV, holten die größten Erfolge der Vereinsgeschichte. 1980 lockten Sie Beckenbauer, der klagte: "Ich hatte ein prima Leben in New York, bis Netzer kam und alles zerstörte."

Unser Trainer Branko Zebec beobachtete den Franz in einem Unicef-Spiel, wir sahen uns beide an und nickten: Jawohl, wir wollten ihn. Ich war zweimal in New York, um ihn zu überzeugen, dass der Operettenfußball in der US-Liga für ihn zu wenig ist.

Wäre um ein Haar alles geplatzt?

Ich fuhr um 9 Uhr in mein Büro, 3 Uhr nachts in New York, da geht über den Sender die Nachricht, Beckenbauer hätte mich geleimt und bei Cosmos einen neuen Vertrag unterschrieben. Ich bin fast gegen einen Baum gefahren, rief ihn um halb vier Uhr New-York-Zeit an und habe ihn beschimpft: "Was ist das denn für eine Nummer?" Er war schlaftrunken, murmelte: "Ich habe nicht unterschrieben, will hier nicht bleiben." Ich flog mit der nächsten Concorde, zusammen mit dem Präsidenten Dr. Klein, nach New York. Wir haben sofort alles perfekt gemacht.

Wie hat sich Beckenbauer mit 35 geschlagen?

Ich dachte, der junge Beckenbauer ist wieder auferstanden. Wie er sich bewegt hat, mit einer Leichtigkeit, verletzungsfrei. Er hatte allerdings eineinhalb Jahre auf Kunstrasen gespielt. Deshalb jagte später eine Verletzung die andere. Dennoch wurden wir mit ihm 1982 Meister. Ernst Happel (Nachfolger von Zebec, Anm. d. Red) hat ihn geliebt.

Das hielt wohl noch viele Jahre an, bis Happel 1992 starb.

Als der Franz Teamchef der Nationalelf war, hat er Happel öfter mal in Hamburg besucht, um Rat gebeten, was er noch alles machen könne. Eine überragende Liebe.

Es war alles so schön, bis Sie beide schwer am Herzen erkrankt sind.

Franz hat die Ärzte immer heldenhaft gemieden. Dann rief er mich an und sagte: "Ich habe dasselbe wie du. Ich muss auch operiert werden." Er kam dann zu mir nach Sylt (Netzers Urlaubsdomizil, Anm. d. Red.). Hat sich erkundigt, wie alles gelaufen ist mit meinen Bypass-Operationen.

Und jetzt scherzen Sie darüber?

Ja, ich sage: "Da war ich auch schon wieder mal besser als du." Ich habe sechs Bypässe, er hat nur vier. Fußballer sind eben so, haben ihre eigene Sprache. Viele Menschen verstehen das nicht. Wir lachen darüber.

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Beckenbauer musste zuletzt große Rückschläge hinnehmen. Den Tod seines Sohnes Thomas, die Herz-OP, weitere OPs, die Erblindung seines rechten Auges. Er, der mit der WM 2006 das Sommermärchen nach Deutschland gebracht hatte, leidet ungemein an Anschuldigungen, dass unerlaubte Gelder geflossen seien.

Der Franz war das große Glück des deutschen Fußballs. Er war der beste. Ist der beste. Und es gibt keinen besseren, der ihm folgen könnte. Die WM 2006 hat er natürlich zu großen Teilen selbst geholt, mithilfe von Funktionären, die ihm die Arbeit erleichtert haben. Gerade er als Vorzeigefigur hat ganz viel bewirkt. Es war härteste Arbeit, als er in 177 Tagen weltweit 31 Länder besuchte, um Deutschland in einem guten Licht zu präsentieren.

Da sind wir wieder bei Beckenbauer, dem Glückskind. Leute verloren ihre panische Flugangst, wenn sie sahen, dass Beckenbauer an Bord ist. Er selbst sagt jetzt nach den Rückschlägen: "Du kannst nicht immer auf der Sonnenseite stehen."

Da ist er keine Ausnahme. Das ist das Schicksal vieler, vieler Menschen, dass sie auch die negativen Dinge erleben. Es wäre völlig anormal, wenn es immer bergauf geht.

Beckenbauer, der an die Wiedergeburt glaubt, wird philosophisch, wenn er sagt: "Gesundheit ist das Wichtigste im Leben. Na ja, nicht ganz. Auf der Titanic waren alle gesund, nur das Glück hat ihnen gefehlt."

So viel Glück, wie wir beide hatten, kann man eigentlich gar nicht fassen. Natürlich haben wir dazu beigetragen. Ernst Happel sagte immer: "Glück ist machbar." Die Chancen, die sich uns boten, haben wir genutzt.

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Unterm Strich: Sie beide an vorderster Front haben den Fußball für die breiten Massen geöffnet.

Fußball galt als Proletensportart. Da hat unsere Vorgängergeneration sehr darunter gelitten. Plötzlich kamen junge Spieler, die selbstbewusst aufgetreten sind. Das ZDF-Sportstudio hat da einen großen Beitrag geleistet. Die Leute sahen, dass wir uns artikulieren konnten. Dass wir interessiert waren an anderen Dingen (als Netzer eine Diskothek eröffnete, ging ein Aufschrei durch Deutschland, Anm. d. Red.). Der Franz war Vorreiter. Ich fand es sehr tapfer, dass er Wagner-Opern besuchte. Mich haben sie als Verrückten bezeichnet, einen, der schnelle Autos fährt, sich anders kleidet, Frauen hat. Man sah, dass Fußballer auch Abitur haben, studierten.

Die FAS titelte unlängst: "Der kranke Fußball". Prangerte die Dominanz der Bayern an, die Kommerzialisierung des Fußballs, die hohen Gehälter und Ablösesummen. Könnten Sie beide in der heutigen Zeit mithalten?

Selbstverständlich gibt es Dinge, die im Fußball krank sind. Ich will nicht sagen, dass dies in anderen Generationen nicht auch der Fall war. Der Fußball hat einen Aufschwung genommen, wie er ihn nie gehabt hat. Die neuen Stadien 2006 haben dafür gesorgt, dass sich sozialpolitisch andere Schichten angezogen fühlten. Leute, die Geld investiert haben für ihre Interessen. Das hat Auswüchse in Form ungeheurer Summen. Ich habe allerdings noch nie etwas gegen die Gehälter der Superstars gehabt.

Zum Beispiel?

Messi ist der größte Spieler der Welt. Was dieser Junge über 16 Jahre beim FC Barcelona geleistet hat, ist unbegreiflich. Gebt ihm nochmal dasselbe Geld! Er ist einzigartig. Es sind die Durchschnittsspieler, die nicht so viel Geld verdienen dürften. Was uns angeht: Selbstverständlich wären wir technisch wie physisch in der Lage, auch heute unsere Rollen zu spielen. Unser Talent war überragend. Vielleicht wären wir sogar noch besser gewesen.

Was halten Sie von Joshua Kimmich und Serge Gnabry, die bei den Bayern nach oben schossen, die Champions League gewannen?

Sie haben genau die Richtigen genannt. Gute Jungs. Die in ihrer Zeit leben, Leistung bringen, keine Dummheiten machen, keine verrückten Ambitionen haben.

Zu guter Letzt: Was wünschen Sie dem Franz zum Geburtstag?

(Netzer überlegt lange) Einen Menschen wie Franz Beckenbauer kann man nicht beschenken. Auch nicht zum Geburtstag. Er hat sich durch so vieles selbst beschenkt. Das Einzige, was meine Frau Elvira und ich ihm wünschen können, dass er seine gesundheitlichen Rückschläge gut verkraftet und uns lange erhalten bleibt.