15. Juni 2021 / 06:00 Uhr

Franz Beckenbauer über die deutschen EM-Chancen, Kai Havertz und das Mittel gegen Kylian Mbappé

Franz Beckenbauer über die deutschen EM-Chancen, Kai Havertz und das Mittel gegen Kylian Mbappé

Raimund Hinko
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Franz Beckenbauer blickt vor dem EM-Start der deutschen Nationalmannschaft im <b>SPORT</b>BUZZER-Interview auf die Situation bei der DFB-Auswahl.
Franz Beckenbauer blickt vor dem EM-Start der deutschen Nationalmannschaft im SPORTBUZZER-Interview auf die Situation bei der DFB-Auswahl. © Getty (Montage)
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Franz Beckenbauer spricht im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), über den deutschen EM-Auftakt gegen Frankreich und die Turnier-Chancen der Nationalmannschaft. Zudem beleuchtet er die Entwicklung von Kai Havertz und bewertet die Rückkehr von Thomas Müller und Mats Hummels.

Das, was Bundestrainer Joachim Löw am Dienstag bei der Europameisterschaft bevorsteht, hat Franz Beckenbauer bereits 1986 bei der WM in Mexiko erlebt. Auch der damalige Teamchef ging gegen die Franzosen als krasser Außenseiter ins Spiel. Der amtierende Europameister hatte im Viertelfinale die Brasilianer ausgeschaltet, die Fußballwelt schwärmte vom Zaubermittelfeld Giresse-Platini-Tigana. Der Sieg gegen die eher bieder zu Werke gehenden Deutschen schien Formsache zu sein.

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Beckenbauers Aufstellung war Angst und höchster Respekt anzumerken, da er mit Norbert Eder, Hans-Peter Briegel, Andreas Brehme, Karlheinz Förster und Ditmar Jakobs fünf Verteidiger auflaufen ließ und mit Wolfgang Rolff einen Mittelfeldzerstörer. Der Plan ging auf. Deutschland siegte nach Toren von Andreas Brehme und Rudi Völler mit 2:0. Der "Kaiser" erinnert sich und blickt auf den jetzigen EM-Auftakt der DFB-Elf gegen den Weltmeister.

SPORTBUZZER: Herr Beckenbauer, ist das Wunder von Guadalajara auch für Löw gegen Weltmeister Frankreich möglich?

Franz Beckenbauer (75): Natürlich! Wenn die Franzosen merken, dass die Deutschen entschlossen sind, sich nicht vorführen zu lassen. 1986 hatten sie bis dahin hervorragend gespielt. Wir hielten mit unserer starken Abwehr dagegen. Wolfgang Rolff nahm Michel Platini in die Manndeckung.

Bis er, völlig entnervt, immer mehr aus dem Spiel verschwand. Fast alle Franzosen mussten sich gegen die Manndeckung wehren.

Na ja, Manndeckung war es nicht. Die alte Schule eben. Dass wir sie mehr oder weniger kontrolliert haben. Dass wir sie fühlen ließen, dass sie einen Gegner haben. Irgendwann haben die Franzosen die Lust verloren. Ein Weltklassespieler wie Platini hatte es natürlich nicht gern, dass man ihm auf den Füßen rumtrampelt. Ähnlich wollten wir es dann im Finale gegen Argentinien machen. Lothar Matthäus hatte Diego Maradona im Griff. Die Tore machten dann leider andere (Deutschland verlor 2:3, d. Red.).


Diesmal kommen die Franzosen mit Kylian Mbappé, Antoine Griezmann, Karim Benzema, Kingsley Coman, Olivier Giroud …

Ich würde trotzdem sagen, dass es ein offenes Spiel wird. Wir haben ja in München sozusagen ein Heimspiel mit immerhin 14.000 Zuschauern. Das macht auch was aus. Die Deutschen sind in einer sehr guten Verfassung, körperlich gut drauf. Sie treten als Mannschaft auf, als geschlossene Einheit. Das ist sehr wichtig. Deutschland war immer eine Turniermannschaft. Das wird auch diesmal so sein.

Nach dem WM-Debakel 2018 schien dieser Mythos vorbei …

Der Charakter der Mannschaft war gegen Lettland sichtbar. Ich bin nicht pessimistisch – im Gegenteil: Ich glaube, dass der Weg weit gehen kann.

Wen müsste man diesmal in die Manndeckung nehmen? Mbappé?

Ja, der Mbappé mit seinen Sprints ... Der ist für unsere Abwehrspieler zu schnell. Da muss sich der Jogi Löw was einfallen lassen. Aber heute nimmst du niemanden mehr in die Manndeckung. Wichtig ist, dass du den Gegner immer im Auge behältst, ihn spüren lässt, dass du da bist.

Neben Frankreich wartet in der Gruppe mit Portugal der amtierende Europameister. Und die Ungarn.

Die sind auch nicht schlecht. Aber mir ist so eine starke Gruppe lieber, weil man nicht in Versuchung kommt, leichtsinnig zu werden. Du musst von der ersten Minute an konzentriert spielen.

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Dreier- oder Viererkette?

Das kommt auf den Gegner an. Eine gute Mannschaft hat immer zwei, drei Systeme, die sie spielen kann. Wichtig ist, dass du diese beherrschst. Das muss heutzutage so perfekt eingespielt sein, dass du während des Spiels beliebig hin- und herschalten kannst.

Kann der Held des Cham­pions-­League-Finals, Kai Havertz, die deutsche Überraschung des Turniers werden?

Havertz hat sich wirklich toll entwickelt. Ich hoffe, dass er gut beraten ist und seinen Weg geht, ohne sich beeinflussen zu lassen.

War es richtig, anstatt zum FC Bayern in die Premier League zum FC Chelsea zu wechseln?

Ja gut, es wäre sicher nicht verkehrt gewesen, wenn er zu Bayern gegangen wäre (lacht). In London hat er es allerdings etwas ruhiger. In Deutschland würden alle Fußballfreunde jeden seiner Schritte beobachten.

Letzte Frage: Wie beurteilen Sie Löws Rückholaktion von Mats Hummels und Thomas Müller?

Abwarten ... Dass sie fähig sind, in der Nationalmannschaft zu spielen, haben sie oft genug bewiesen. Sie wissen, was von ihnen verlangt wird, dementsprechend werden sie sich hoffentlich verhalten.