11. September 2020 / 05:30 Uhr

Schatten über der Lichtgestalt: Franz Beckenbauer und die Sommermärchen-Affäre

Schatten über der Lichtgestalt: Franz Beckenbauer und die Sommermärchen-Affäre

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Affäre um die Vergabe der WM 2006 ist die wohl größte Niederlage im sonst so erfolgreichen Leben von Franz Beckenbauer.
Die Affäre um die Vergabe der WM 2006 ist die wohl größte Niederlage im sonst so erfolgreichen Leben von Franz Beckenbauer. © imago/Sven Simon
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Es ist der wohl einzige Makel in einem sonst so makellosen Märchen. Die bis heute nicht abschließend aufgeklärte Affäre um die Vergabe der WM 2006 belastet Franz Beckenbauer schwer. Fragen und Antworten.

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Das Sommermärchen 2006: Es war Franz Beckenbauers größter Triumph als Fußballfunktionär – und wurde Jahre später zu seiner größten Niederlage. Die Krone des Mannes, dem scheinbar alles immer so mühelos gelang, verlor ab 2015 den einen oder anderen Zacken. Am Fußball-Kaiser gingen die Anschuldigungen rund um die Vergabe der Weltmeisterschaft vor 14 Jahren im eigenen Land nicht spurlos vorbei: "Ich sehe zwar, dass mittlerweile akzeptiert wird, dass da nichts war, aber die letzten Jahre waren schon hart", sagte er der Bild.

Die Frage, was damals eigentlich wirklich passiert ist, bleibt derweil weiter unbeantwortet. Der Überblick über die Sommermärchen-Affäre.

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Was wurde den Organisatoren der WM 2006 vorgeworfen?

So richtig ist auch das bis heute nicht beantwortet. Klar ist nur, dass irgendwie 6,7 Millionen Euro verschwunden – und bis heute nicht wieder aufgetaucht – sind. Im Oktober 2015 berichtet das Nachrichtenmagazin Der Spiegel erstmals darüber. Dort heißt es, das Geld sei im Jahr 2000 geflossen, um die WM-Vergabe zugunsten Deutschlands zu beeinflussen. Das Organisationskomitee soll sich das Geld beim damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus (er starb 2009) geliehen haben. Ein paar Jahre später habe der Franzose das Geld zurückgefordert und über ein Konto der FIFA zurückerhalten. Beckenbauer bestreitet alle Vorwürfe: "Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren."

Der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach äußert sich am 22. Oktober ähnlich, schwarze Kassen habe es nicht gegeben, sagt er. Nach seiner Kenntnis sei das Geld gezahlt worden, um später einen Organisationszuschuss der FIFA über 170 Millionen Euro zu erhalten. Die FIFA dementiert. Beckenbauer bezeichnet den Deal als Fehler und übernimmt die Verantwortung. Nur ein Stimmenkauf sei das eben nicht gewesen, darauf beharrt er.

Dann taucht ein mit Beckenbauers Unterschrift unterzeichnetes Dokument auf, das den Stimmenkauf vor der Vergabe der WM nahelegt. Von deutscher Seite sollen dem mittlerweile lebenslang gesperrten Jack Warner, damaliger Präsident des Verbands für Nord- und Zentralamerika sowie die Karibik (CONCACAF) "diverse Leistungen" versprochen worden seien. Beckenbauer sagt später, er habe diesen Vertragsentwurf blind unterschrieben.

Wie reagiert der DFB?

Der größte Sportverband der Welt gerät im Herbst 2015 mehr und mehr unter Druck. Am 3. November durchsucht die Steuerfahndung die Räume des DFB und die Privathäuser mehrerer Funktionäre. Präsident Niersbach tritt unter großem Druck zurück, Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet, dass der DFB die Affäre aufarbeitet.

Die neun Millionen Euro teure Aufarbeitung durch die Rechtsanwaltskanzlei Freshfield dauert bis März 2016. Eindeutige Beweise werden nicht vorgelegt. Offizielles Ergebnis: Die WM sei nicht gekauft worden. Der Spiegel bezeichnet dies als "Gefälligkeitsgutachten".

Franz Beckenbauer - Das Leben des "Kaisers" in Bildern

Franz Beckenbauer ist zweifelsohne einer der Größten, die der Fußball je gesehen hat. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt seine Karriere in Bildern. Zur Galerie
Franz Beckenbauer ist zweifelsohne einer der Größten, die der Fußball je gesehen hat. Der SPORTBUZZER zeigt seine Karriere in Bildern. ©

Wie reagiert die Justiz?

Ermittelt wird an diversen Stellen. Die FIFA-Ethikkommission beschäftigt sich mit dem Fall und sperrt Ex-DFB-Boss Niersbach für ein Jahr, weil er die Affäre erst nur intern regeln wollte. Die Schweizer Bundesanwaltschaft wird aktiv. Es geht um den "Verdacht der Betrugs, der ungetreuen Geschäftsbesorgung, der Geldwäscherei sowie der Veruntreuung". Sogar die US-Bundespolizei FBI interessiert sich für die dubiosen Geldflüsse. In Deutschland erhebt die Staatsanwaltschaft Frankfurt Anklage wegen des Verdachts der schweren Steuerhinterziehung. Anlass der Anklage: die unklare Verwendung der 6,7 Millionen Euro.

Wie gehen die Verfahren aus?

Schon im Oktober 2018 lehnt das Landgericht Frankfurt am Main es ab, ein Hauptverfahren zu eröffnen. "Die Kammer hat keinen hinreichenden Tatverdacht (gegen drei ehemalige DFB-Funktionäre, d. Red.) gesehen", sagt ein Sprecher. Das Oberlandesgericht jedoch lässt die Anklage ein knappes Jahr später zu. Angeklagt sind die ehemaligen DFB-Präsidenten Niersbach und Theo Zwanziger, außerdem der frühere DFB-Funktionär Horst R. Schmidt und der ehemalige FIFA-Funktionär Urs Linsi. Ausgang: noch offen. Im Februar 2020 kündigt der DFB an, im Verfahren gegen das Quartett als Privatkläger aufzutreten. Begründung: "Aus dem Verfahren ergeben sich möglicherweise zivilrechtliche (Schadenersatz-) Ansprüche des DFB gegen die Beschuldigten. Um diese geltend machen zu können, tritt der DFB vor dem Schweizer Bundesstrafgericht als Privatkläger auf. Er erhält im Verfahren damit Parteistellung und hat entsprechende Verfahrensrechte."

In der Schweiz wird das Verfahren gegen Beckenbauer wegen seines schlechten Gesundheitszustandes zunächst abgetrennt. Am 20. April dieses Jahres – eine Woche vor der Verjährung – wird der Prozess eingestellt, ein Urteil gibt es damit nicht. Und die Antwort auf die Frage, wofür die 6,7 Millionen Euro damals wirklich gedacht waren? Mehr und mehr scheint klar, dass sie nicht mehr gefunden wird.