25. Juni 2019 / 11:54 Uhr

Kommentar zur Frauen-WM: Dieses Turnier braucht kein simuliertes Interesse

Kommentar zur Frauen-WM: Dieses Turnier braucht kein simuliertes Interesse

Imre Grimm
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Nach Ansicht von RND-Autor Imre Grimm hat sich die Frauen-WM emanzipiert und ihren eigenen Charme entwickelt.
Nach Ansicht von RND-Autor Imre Grimm hat sich die Frauen-WM emanzipiert und ihren eigenen Charme entwickelt. © Verwendung weltweit
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Nach Ansicht von RND-Autor Imre Grimm hat sich die Frauen-WM emanzipiert. Für ihn ist klar: Das Turnier als Ereignis zweiter Klasse zu bewerten, ist definitiv nicht zulässig. Ein Kommentar.

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2019 – das wird ein Jahr ohne großes Sportereignis. Kein Olympia, keine Fußball-EM, keine Weltmeisterschaft. Ein Pausenjahr. So hieß es im Winter. Dass da eine Fußball-WM der Frauen nahte – geschenkt. Es ist, als ob der Zusatz „...der Frauen“ automatisch 60 Prozent mediale Aufmerksamkeit kostet. Ein Randsportereignis. Ein Nischending. Nichts Großes.

Doch dann begann das Turnier. Und plötzlich zeigt sich: Die Fußball-WM der Frauen hat sich emanzipiert. Diesem Ereignis kommt man als Kerl nicht länger mit gönnerhafter Milde bei („Die machen das doch auch ganz fein!“) und schon gar nicht mit appellativer Volkserziehung („Interessiert euch gefälligst! Das ist doch sonst ungerecht!“). Dieses Turnier braucht kein simuliertes Interesse. Es entwickelt seinen eigenen Charme mit eigenen Stars, eigenen Dramen und ja: eigenem Tempo. Die Quoten stimmen, die meisten Machos schweigen. Höchste Zeit für einen Schuss Normalität. In Frankreich zeigt sich: Der Sport heißt Fußball, nicht Frauenfußball.

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Doch noch immer gibt es ärgerliche Rückfälle in alte Macho-Muster: Der Boulevard titelt über Giulia Gwinn groß „Unsere Hübscheste“. Die erste Garde der TV-Kommentatoren ist sich offenbar zu fein für ein Fußballspiel, bei dem keine Kerle mitspielen. Und das öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigt live um 21 Uhr lieber ein U21-EM-Spiel weithin unbekannter Nachwuchskickerkerle als das WM-Spiel Brasilien gegen Frankreich. Das ist ärgerlich und zeigt, dass der Zeitgeist über manche Sportredaktion hinweggeweht ist.

Auch bei einer Männer-WM gibt es nicht nur Knallerspiele

Warum zeigen ARD und ZDF die WM nicht komplett? Weil eine Übertragung „aller Spiele der Fußball Frauen WM 2019 im Widerspruch mit den berechtigten Interessen anderer Programmbereiche sowie dem zu erwartenden Zuschauerinteresse an manchen Programmplätzen steht“, teilt die ARD mit. Heißt übersetzt: Interessiert keinen. Ach so? Aber bei der Fußball-WM der Männer sitzen Millionen vor Knallerspielen wie Saudi Arabien gegen Ägypten oder wie?

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Ja, Frauenfußball sieht anders aus. Aber wer sich jetzt darüber amüsiert, dass die Kamerunerinnen mit Frust und Tränen auf schmerzhafte Videobeweise reagierten, der hat vergessen, wie sich Neymar bei der geringsten Touchierung sterbend auf dem Boden kugelt. Wie frustrierte Italiener auf die Knie sinken und barmend die Hände gen Himmel recken. Wie zart geknuffte Abwehrrecken wie geschossene Rebhühner umkippen, während manche Frau einen Ellbogencheck blutend wegsteckt wie ein Eishockeyprofi. Zickig und wehleidig? Das können die Männer auch.

Es ist also völlig zulässig, sich für dieses Turnier nicht zu interessieren. Wie für jedes andere Sportturnier der Welt auch. Was aber nicht zulässig ist: Es als Ereignis zweiter Klasse zu bewerten.

Schnappen sich die DFB-Frauen den WM-Titel? Hier abstimmen!

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