12. Januar 2022 / 08:00 Uhr

Hertha-Geschäftsführer Fredi Bobic über den FC Barcelona, Joshua Kimmich und die WM in Katar

Hertha-Geschäftsführer Fredi Bobic über den FC Barcelona, Joshua Kimmich und die WM in Katar

Tobias Manzke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Fredi Bobic ist seit knapp einem halben Jahr Hertha-Geschäftsführer.
Fredi Bobic ist seit knapp einem halben Jahr Hertha-Geschäftsführer. © IMAGO/Michael Weber (Montage)
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Im zweiten Teil des SPORTBUZZER-Interviews spricht Hertha-BSC-Geschäftsführer Fredi Bobic über den Einfluss der Corona-Krise auf den Fußball, die Impfdebatte um Joshua Kimmich sowie die WM in Katar.

Seit einem halben Jahr ist Fredi Bobic (50) Geschäftsführer bei Hertha BSC. Nachdem er sich im ersten Teil des SPORTBUZZER-Interviews über seinen neue Aufgabe in der Hauptstadt äußerte, spricht der Ex-Nationalspieler jetzt über den Fußball in der Corona-Krise und die in der Kritik stehende Weltmeisterschaft am Jahresende in Katar.

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SPORTBUZZER: Herr Bobic, sorgt Corona dafür, dass der Fußball das Rad nicht mehr weiterdrehen kann?

Er wird durch Corona gesunden, um im Bild zu bleiben. Im Sommer hatten viele die Hoffnung, dass es vorbei ist. Die Pandemie hat einen großen Impact. In England gibt es die von Investoren geführten Klubs, das ist ein anderes Thema. Aber Barcelona ist ein dramatisches Beispiel. Real Madrid versucht nur noch, ablösefreie Spieler zu holen. Jeder kämpft auf seine Art und Weise. Es wird immer noch große Transfers geben, weil es immer noch Menschen mit sehr viel Geld gibt. Aber in Deutschland werden wir sehr sorgfältig damit umgehen und eher runterfahren. Eines darf man dabei auch nicht vergessen: Durch den neuen Fernsehvertrag gibt es weniger Geld als zuvor. Wir müssen uns anpassen.


So wie der FC Barcelona, der Lionel Messi gehen lassen musste, weil sie ihn nicht mehr bezahlen konnten?

Sie hatten über ihre Verhältnisse gelebt. Der Klub wurde aber auch getrieben von dem Erfolg nach dem Motto: Wir wollen noch mehr Stars und Titel haben. Die großen Vereine tun mir fast leid, ich habe schon auch Verständnis für die Verantwortlichen. Sie werden getrieben. Du willst es deinen Fans zeigen, dass alles geht, und dann gehst du über das Limit. Bei Barcelona hat man das lange vermutet, jetzt sieht man es in der Realität. Corona war dafür ein Brandbeschleuniger.

Kann es passieren, dass auch große Klubs, wenn die Krise noch länger dauert, von der Bildfläche verschwinden?

Sie werden noch da sein – aber in welcher Liga und Form? Umso länger alles dauert, umso entscheidender ist die Frage, wie man Eigenkapital bekommt. Wir sind sehr dankbar, dass wir welches haben, aber es schmilzt schnell zusammen. Das Ziel aktuell ist, am Ende der Pandemie gesund rauszukommen als Verein und nicht alle Reserven verbrannt zu haben. Das gute Zusammenspiel des Wirtschaftlichen mit dem Sportlichen ist noch mal viel wichtiger geworden.

In der Krise wird der Fußball immer wieder besonders herausgepickt und als überprivilegiert bezeichnet. Zuletzt gab es eine Riesendebatte um den Impfstatus von Joshua Kimmich.

Das ist für mich alles Symbolpolitik. Spieler werden herausgepickt nach dem Motto: Da muss es doch eine Impfpflicht geben. Mal ganz ehrlich: Meine Tochter arbeitet in der Pflege. Die hat einen Hals, wenn sie weiß, dass Kollegen sich nicht impfen lassen. Sie arbeitet mit Menschen zusammen, die vulnerabel sind. Das sind doch die Themen, die wirklich wichtig sind in der Gesellschaft und nicht, ob Joshua Kimmich geimpft ist oder nicht.

Aber was ist mit seiner Vorbildfunktion?

Wir versuchen auch bei uns – und wir haben immer noch Spieler, die nicht geimpft sind – mit guten Argumenten zu überzeugen, sich impfen zu lassen. Wir versuchen es ihnen zu erklären, aber ich verstehe auch teilweise ihre Skepsis. Es sind junge Menschen, die komplett anders denken als ich jetzt mit 50. Und ich muss auch sagen, dass auch ich am Anfang gedacht habe, warum sollte ich mich impfen lassen.

Tatsächlich?

Ich habe mir diese Fragen auch gestellt. Aber ich habe mit Experten geredet und mir mehrere Meinungen eingeholt und dann war für mich schnell klar, dass es gut ist, sich impfen zu lassen. Sich als Politiker oder Medium öffentlich den Fußball oder einzelne Spieler herauszupicken, um für Klicks zu sorgen oder vom eigenen Versagen abzulenken, das gehört sich nicht.

Im Winter 2022 findet die WM in Katar statt. Das Land steht wegen der Menschenrechtsverletzungen stark in der Kritik. Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie an das Turnier denken?

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Erinnern Sie sich an den Confed-Cup 2013 in Brasilien? Da gab es riesige Unruhen und Korruptionsvorwürfe in Brasilien. Ein Jahr später sind wir da Weltmeister geworden und alle fanden es super und es hat keinen mehr interessiert. Jetzt kommt also Katar – aber wer sind wir denn als Deutschland? Wir können darauf aufmerksam machen auf politischer Ebene. Das finde ich gut, aber die Spieler selbst wollen ihrem Sport nachgehen und haben auf diese Themen auch gar keinen Einfluss. Deswegen: Lasst sie Sport machen. Man muss die Verbände hinterfragen, warum sie die Entscheidung treffen, dahin zu gehen. Die müssen sich positionieren, nicht die Spieler. Generell finde ich: Wir haben doch nicht das Recht als Deutsche, immer über alles zu urteilen, sondern sollten erst mal bei uns schauen, ob wir alles richtig machen.