27. September 2020 / 10:00 Uhr

Etwas Licht, aber auch Schatten: So lief das erste Jahr von Fritz Keller als DFB-Präsident

Etwas Licht, aber auch Schatten: So lief das erste Jahr von Fritz Keller als DFB-Präsident

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
In seinem Restaurant „Rebstock“: DFB-Präsident Fritz Keller hat ein bewegtes erstes Amtsjahr hinter sich.
In seinem Restaurant „Rebstock“: DFB-Präsident Fritz Keller hat ein bewegtes erstes Amtsjahr hinter sich. © dpa/imago(2)
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Am Sonntag ist Fritz Keller ein Jahr als DFB-Präsident im Amt: Viele Dinge wollte er verändern, den verstaubten und verkrusteten Verband vielleicht sogar revolutionieren. Doch der 63-Jährige musste auch merken, dass er dabei immer wieder an Grenzen stößt mit seinen Ideen und Konzepten.

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Wie schnell es gehen kann, dass man im wahrsten Sinne des Wortes "auf die Schnauze fällt“, hat Fritz Keller kürzlich wieder erlebt. Als er sich mit dem E-Bike auf den Weg durch seine Weinstöcke machte, kam es zum Sturz, bei dem sich der DFB-Präsident am Handgelenk verletzte. Er wollte seinen Mitarbeitern bei der Lese auf die Finger schauen. Früher konnten sie hören, wenn "der Alte“ mit dem Auto um die Ecke bog. "Jetzt hört mich keiner“, lacht Keller. Der Chef hat das Überraschungsmoment auf seiner Seite – doch in diesem Fall lag er am Ende trotzdem auf der Nase.

Vielleicht dürfte sich Keller dabei ein wenig vorgekommen sein wie beim größten Sportverband der Welt, dem Deutschen Fußball-Bund, den der 63-jährige Winzer am kommenden Sonntag exakt ein Jahr als Präsident anführt. Viele Dinge wollte er verändern, den verstaubten und verkrusteten DFB vielleicht sogar revolutionieren. Doch Keller musste auch merken, dass er dabei immer wieder an Grenzen stößt mit seinen Ideen und Konzepten. Und dass die Umsetzbarkeit in so einem riesigen Konstrukt mit über 500 Mitarbeitern deutlich länger dauert, als er es sich wünschen würde und es aus seinem Betrieb oder seiner vorherigen Tätigkeit beim SC Freiburg gewohnt war. "Ich habe mich nicht selbst ausgesucht für den DFB“, sagt er an dem Abend, an dem er einige Journalisten auf die Terrasse seines Weinguts im Breisgau geladen hat. Es gibt preisgekrönte Tropfen vom Pinot Sekt oder Pulverbuck – wie zu seinem Dienstantritt in der Verbandszentrale in Frankfurt.

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Natürlich hat Keller mit seiner Aussage Recht. Schließlich hatte er sich nicht auf das Amt beworben, sondern war ausgewählt worden von der Schweizer Beratungsagentur Egon Zehnder. Es kam für viele überraschend, dass man dem kleinen Mann mit der auffälligen Brille und der Narbe im Gesicht die DFB-Führung anvertraute. "Fritz wer?“ fragte sich die Öffentlichkeit. Aber diejenigen, die ihn kannten, gratulierten dem DFB wie selten zuvor – ob Hans-Joachim Watzke oder Karl-Heinz Rummenigge. Ein Jahr ist inzwischen vergangen. "Seitdem hat es eigentlich schon Spaß gemacht“, sagt Keller etwas nachdenklich. Um sich dann seiner Wortwahl bewusst zu werden und nachzulegen: "Ich würde es wieder tun.“

Keller wollte alle glücklich machen

Etwas Licht, aber auch einigen Schatten gab es in seiner bisherigen Amtsperiode. Mit einer gewissen "Robin-Hood-Mentalität“ war Keller angetreten, wollte alle glücklich machen – bis in die Niederungen des Fußballs. Doch dass aufgrund der unterschiedlichen Befindlichkeiten die größte Herausforderung genau darin liegt, dürfte ihm mittlerweile bewusst geworden sein.

Innerhalb des DFB gibt es nicht wenige, die Keller unterschätzt haben. Da komme ja ohnehin nur ein "Grüß-Gott-August“, wurde getuschelt. Auch, weil von Anfang an feststand, dass er – anders als seine Vorgänger – kein Amt bei der Fifa oder Uefa bekleiden würde. Dass er aber nicht zufällig auf dem Präsidentenstuhl landete, zeigte er in den vergangenen Wochen und machte dabei auch vor großen Namen keinen Halt.

Selbst Bundestrainer Löw prangerte er an

Seinen Vizepräsidenten Dr. Rainer Koch wies er zurecht, als dieser sich in gewohnter Manier darauf berief, Fußballer dürfen keine politischen Botschaften senden, wie auch immer sie aussähen. So wollte Koch diejenigen Kicker bestrafen, die an George Floyd erinnerten – Keller grätschte dazwischen. Genau wie er Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Direktor Oliver Bierhoff öffentlich anprangerte, weil diese den 300-Kilometer-Flug der Nationalelf von Stuttgart nach Basel abgesegnet hatten – Nachhaltigkeit ist eines seiner Lieblingsthemen. Und von Uli Hoeneß forderte Keller, dass er sich doch bitte an der Aufklärung um die WM-Affäre 2006 beteiligen möge, wenn er schon im TV Andeutungen von Hintergrundwissen mache.

Die Zeiten des braven Herrn Keller scheinen jedenfalls vorbei.