27. September 2019 / 13:54 Uhr

Fritz Keller: Der Hoffnungsträger des deutschen Fußballs - So tickt der neue DFB-Präsident 

Fritz Keller: Der Hoffnungsträger des deutschen Fußballs - So tickt der neue DFB-Präsident 

Heiko Ostendorp und Christoph Kiesslich
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Fritz Keller, der ehemalige Chef des SC Freiburgs, wird am Freitag zum neuen DFB-Präsidenten ernannt. 
Fritz Keller, der ehemalige Chef des SC Freiburgs, wird am Freitag zum neuen DFB-Präsidenten ernannt.  © imago images / Montage
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Im Sommer ging Fritz Keller noch den Jakobsweg und dachte darüber nach, wie er seine Gastronomiebetriebe neu aufstellen will. Jetzt soll der „Winzer des Jahres 2018“ als Präsident den deutschen Fußball retten und die Glaubwürdigkeit des größten Sportverbandes der Welt wiederherstellen. Was treibt ihn an?

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Die Geschäftsstellenmitarbeiter des DFB staunten nicht schlecht, als sie sahen, was Fritz Keller da aus dem Kofferraum holte. Nachdem er in der vergangenen Woche seinen Tesla auf dem Präsidentenparkplatz vor der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes am Frankfurter Stadtwald abgestellt hatte, schleppte der DFB-Boss mehrere Kartons mit erlesenen Tropfen seines preisgekrönten Weinguts im Breisgau in die Verbandsräumlichkeiten und lud die Angestellten auf das ein oder andere Glas Pinot Sekt, Chardonnay oder Pulverbuck ein.

Es war der inoffizielle Einstand des 62-Jährigen, der am Freitag vom DFB-Bundestag einstimmig zum mächtigsten Mann des deutschen Fußballs, zum Präsidenten des größten Sportverbandes der Welt gewählt wurde. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel in Frankfurt den Grundstein für eine neue DFB-Akademie legte, sagte sie mit Blick auf Keller: „Morgen findet so eine Art kleine Revolution hier statt.“

So will Fritz Keller den lädierten Ruf des DFB wiederherstellen

Eine Revolution? Wer ist Fritz Keller? Wie kam man auf ihn? Und wie will er den lädierten Ruf des DFB wiederherstellen?

Wer Antworten sucht, sollte in den Breisgau fahren. Genauer gesagt nach Oberbergen. Das 1000-Einwohner-Dörfchen im Herzen des Kaiserstuhls ist ein Erholungsort, beliebt vor allem aufgrund seiner Weine. An der Badbergstraße findet sich auch das bekannteste und traditionsreichste Gut der Region, das Weingut „Franz Keller“. Terrassenförmig in den Berg gebaut, umringt von rund 40 Hektar Reben, werden hier gut 300.000 Flaschen pro Jahr produziert – Weißburgunder, Grauburgunder, Spätburgunder, alle im hochpreisigen Segment. Den Hut auf hat „der Fritzle“, wie ihn seine Freunde nennen: Fritz Keller.

Das sind die Vorgänger von DFB-Präsident Fritz Keller

Fritz Keller (links) ist der designierte DFB-Präsident: Theo Zwanziger (zweiter von links), Wolfgang Niersbach
 (dritter von links) und Egidius Braun (rechts) gehören zu seinen Vorgängern. Zur Galerie
Fritz Keller (links) ist der designierte DFB-Präsident: Theo Zwanziger (zweiter von links), Wolfgang Niersbach (dritter von links) und Egidius Braun (rechts) gehören zu seinen Vorgängern. ©
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Mit seiner runden, pechschwarzen Designerbrille schreitet er durch die Weinstöcke, schaut bei der Ernte vorbei, scherzt mit seinen Angestellten. Keller lebt für diesen Job, genau wie für den Fußballbundesligisten SC Freiburg, dem er viele Jahre lang als Präsident vorstand und den er nun anderen überlässt. „Der SC wird immer mein Herzensverein bleiben“, sagt er wehmütig. Beim letzten Heimspiel als SC-Präsident, dem 1:1 am vergangenen Samstag gegen den FC Augsburg, verabschiedete er sich von allen Betreuern per Handschlag. Dabei musste er um Fassung ringen, bevor er den Posten beim DFB antrat

Eigentlich war dies in seiner Lebensplanung nicht vorgesehen. Als er im Frühjahr den Anruf der Schweizer Personalberatungsagentur Egon Zehnder bekam, dachte er, er führe ein Beratungsgespräch. Keller wurde gefragt, wie denn seiner Meinung nach das Anforderungsprofil für den Nachfolger des gescheiterten DFB-Präsidenten Reinhard Grindel aussehen müsse. Freiburg-Präsident Keller war einer von rund 200 Interviewpartnern aus dem Sport, der Politik, aus der Wirtschaft. Er machte sich keine Gedanken.

DFB-Präsident Keller bekommt Zuspruch von vielen Seiten - sogar von Dauernörgler Uli Hoeneß

Im Frühsommer erfüllte sich Keller dann einen Lebenstraum. Gemeinsam mit einem Freund und Geschäftspartner ging er den Jakobsweg. 280 Kilometer zu Fuß von Porto nach Santiago de Compostela. Den Akku aufladen, zu sich selbst finden, das war die Idee. Außerdem dachte Keller auf den Märschen über die Zukunft nach. Er wollte sich etwas zurückziehen, seinen Betrieb neu aufstellen.

Anfang Juli dann rief Peter Peters ihn an. Der Geschäftsführer des FC Schalke 04 ist gleichzeitig Vorstandsmitglied des DFB und Teil der Findungskommission, welche mit der Agentur den Grindel-Nachfolger suchte. Als Peters seinen langjährigen Weggefährten Keller tatsächlich fragte, ob er sich vorstellen könne, das Amt zu übernehmen, schoss diesem als Erstes durch den Kopf, dass er seine Tätigkeit beim SC Freiburg dafür aufgeben müsse – eigentlich unvorstellbar. Eigentlich.

Denn natürlich fühlte sich Keller auch geschmeichelt. Natürlich wollte er gerne derjenige sein, der dem deutschen Fußball endlich wieder die verlorene Glaubwürdigkeit zurückgibt. Und natürlich wollte er beweisen, dass es auch möglich ist, nicht vorzeitig aus dem höchsten deutschen Fußballfunktionärsamt zu scheiden, wie es den letzten vier DFB-Präsidenten erging. Also sprach Keller mit seiner Familie und sagte zu.

Das sind die fünf wichtigsten Forderungen der #GABFAF-Supporter an den neuen DFB-Präsidenten Fritz Keller:

Das erwartet der Amateurfußball von Fritz Keller Zur Galerie
Das erwartet der Amateurfußball von Fritz Keller ©

Verschwiegenheitstest - Keller-Plan vor der Nominierung geht auf

Das Echo, welches seine Kandidatur auslöste, war überwältigend – und ungewöhnlich. Denn selten waren sich beispielsweise diese Granden des deutschen Fußballs so einig. Leverkusens Sportvorstand Rudi Völler sagte: „Fritz Keller wird das Amt wunderbar ausfüllen.“ Dortmunds Boss Hans-Joachim Watzke legte nach: „Ein Topvorschlag.“ Und sogar Bayerns Präsident, Dauernörgler Uli Hoeneß, befand: „Eine sehr gute Entscheidung.“

Diese Lobeshymnen hatten kaum etwa damit zu tun, dass sie allesamt eint, vor den Auswärtsspielen in Freiburg im „Schwarzen Adler“ zu speisen – einem von Kellers Restaurants, seit inzwischen 50 Jahren durchgehend mit einem Michelin-Stern ausgestattet. Dorthin lädt der Gastgeber in der Bundesliga-Saison jeweils die Bosse der gegnerischen Klubs zur „Tafelrunde ohne Ritter“, wie er selbst scherzhaft sagt. Die Weinkarte sucht natürlich ihresgleichen. Die Stammtischrunde war ihm immer ein besonderes Anliegen.

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Kellers Kandidatur hing aber noch mal am seidenen Faden. In der Vergangenheit sickerten immer wieder Verbandsinterna nach außen. Also machte der designierte Präsident die Probe aufs Exempel. Wäre vor der offiziellen Bekanntgabe seiner Kandidatur etwas durchgesickert, hätte er sich sofort zurückgezogen – das wussten alle, das schwört er bis heute. Aus dem Verschwiegenheitstest wurde ein Vertrauensbeweis. Bis zur Veröffentlichung der Pressemitteilung am 15. August blieb der Keller-Plan geheim – und das, obwohl sich die ganze Nation fragte, wer denn die Grindel-Nachfolge antreten sollte – und obwohl nicht gerade wenige interne Personen eingeweiht waren. Wäre jemand gegen Keller gewesen, hätte er es nur ausplaudern müssen. Doch sein Lackmustest ging auf.

Fritz Keller liebt den Fußball

Keller kennt den Profifußball von klein auf – und hat viele Fürsprecher. Sein Taufpate war der große Fritz Walter, ein Freund seines Vaters, der nach dem Titelgewinn mit den 54er-Weltmeistern im Familienrestaurant „Schwarzer Adler“ abtauchte. Dennoch kann und will er es nicht jedem Recht machen. Sein Weinmotto „Wenn er allen schmeckt, ist er beliebig“, gilt ebenso für andere Lebensbereiche. Wenn es sein muss, kann er unbequeme Entscheidungen treffen. Wie bei der Trennung von Volker Finke 2007, den Keller nach 16 Jahren als Trainer des SC Freiburg in die Wüste schickte. Diese Maßnahme spaltete nicht nur den Klub, sondern eine ganze Stadt. „Am Ende war es trotzdem richtig“, sagte Keller später.

Jedenfalls passt der überzeugte Demokrat ziemlich perfekt ins Anforderungsprofil, welches die Findungskommission erstellte: Er liebt den Fußball, besitzt Führungsqualitäten und wirtschaftliches Knowhow, ist finanziell unabhängig – und ein absoluter Teamplayer. Kein Wunder, dass er das Alleinentscheidungsrecht abschaffen will. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger wird Keller sich öffentlich eher zurückhalten, auch die Ämter in den so einflussreichen wie korruptionsanfälligen internationalen Fußballgremien bei der Uefa und der Fifa lehnte er ab. Keller möchte auch weiterhin „eine Schorle“ auf den Amateurfußballplätzen dieser Republik trinken können. Stattdessen wird künftig DFB-Vize Rainer Koch den deutschen Fußball europäisch vertreten.

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Mit dem Interimspräsidenten war Keller gerade auf Deutschland-Tour. Zehn Tage in einer Art „mobiler WG“. Gemeinsam klapperten sie die Landesverbände ab, vermittelten ihre Ideen. Keller möchte, dass jeder Profiverein verpflichtend ein Frauenteam hat – oder alternativ zumindest einen Nachbarklub materiell und strukturell unterstützt. Auch der Ehrenamts- und Übungsleiterpauschale will er sich annehmen und diese aufwerten – dabei geht es ihm vor allem um Anerkennung.

Keller will Werte vermitteln und vorleben. Er hasse die „Hire and ­fire”-Mentalität vieler Unternehmen und auch vieler Vereine. Seine wichtigsten Angestellten sind seit Jahrzehnten im Betrieb – wie der Küchenchef im „Schwarzen Adler“, der hier seit 46 Jahren zaubert. Ob Keller dort weiterhin seine Gäste persönlich begrüßen kann, ist fraglich. Schließlich will er künftig mindestens vier Tage die Woche in Frankfurt verbringen, sofern er nicht ohnehin für den DFB auf Reisen ist.

DFB-Chef Keller hatte bisher nur wenig Kontakt zu Bundestrainer Löw

Keller ist überzeugter Europäer. Seine Großmutter leitete den letzten jüdischen Stammtisch in Deutschland und wurde dafür verhaftet. Sein Vater war 1947 der Erste, der nach dem Krieg wieder französische Weine verkaufte. Franz Keller war es, der mit aller Macht gegen die Flurbereinigung der Region vorging. Auch der Sohnemann betreibt rund um sein Weingut laut eigener Aussage „reinsten Naturschutz“. Natürlich ist er auch im Urlaub gerne in freier Wildbahn unterwegs, am liebsten auf dem Meer, in der Sonne – bei einem leckeren Essen und einem guten Glas Wein.

Das möchte er schon bald in neuer Funktion gemeinsam mit dem Breisgauer Joachim Löw trinken. Natürlich war auch der Bundestrainer schon einige Male zu Gast in Kellers Restaurants. Doch der Chef ließ ihn stets in Ruhe. Keller hat lediglich dafür gesorgt, dass „der Jogi“ Ehrenspielführer beim Sportclub wurde.

Bei seinem Herzensklub wird man den Präsidenten vermissen. Das gibt sogar Christian Streich zu – aktuell der dienstälteste Trainer der Bundesliga (sieben Jahre). „Wir verlieren jemanden, mit dem du immer reden konntest und der immer positiv war.“ Dabei konnten sich die beiden hinter den Kulissen herrlich fetzen, kämpften aber gemeinsam oft gegen die Großen der Zunft – mit kleinem Etat und überraschendem Erfolg. Derzeit rangiert der Klub auf Champions-League-Platz vier.

Ein Keller bleibt dem SC übrigens trotzdem erhalten – denn Fritz’ Sohn Vincent ist dort als Scout tätig. Streich hält große Stücke auf ihn und prophezeit dem 26-Jährigen eine tolle Karriere im Profifußball.

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