30. Oktober 2020 / 06:00 Uhr

Zum 100. Geburtstag von Fritz Walter - Horst Eckel: "Ich denke jeden Tag an ihn"

Zum 100. Geburtstag von Fritz Walter - Horst Eckel: "Ich denke jeden Tag an ihn"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Im Gastbeitrag erinnert sich Horst Eckel an seinen ehemaligen Mannschaftskameraden Fritz Walter.
Im Gastbeitrag erinnert sich Horst Eckel an seinen ehemaligen Mannschaftskameraden Fritz Walter. © dpa (Montage)
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Horst Eckel war Freund und Mitspieler von Fritz Walter – beim SPORTBUZZER spricht der letzte lebende Weltmeister von 1954 über den großen Kapitän, der an diesem Samstag 100 Jahre alt geworden wäre.

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So richtig verstehen kann ich es nicht, dass heute immer noch so viel über diese Fußball-Weltmeisterschaft von 1954 gesprochen wird. Das ist doch schon so lange her. Andererseits macht es mich stolz, denn Weltmeister kann sich nicht jeder nennen. Einen großen Anteil an unserem Erfolg hatte natürlich Fritz Walter. Als ich zum 1. FC Kaiserslautern kam und ihn erstmals traf, war er bereits berühmt und seit vielen Jahren Nationalspieler. Ich habe ihn trotzdem als ganz normalen Menschen kennengelernt, als Fritz Walter, nicht als den Star des deutschen Fußballs. Er hat nicht großgetan oder sich für etwas Besseres gehalten. Und mich hat er nicht nur sofort als ganz normalen Mitspieler und Kollegen akzeptiert.

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Er wurde so etwas wie mein Mentor, der mich auch mal davor bewahrt hat, Unsinn zu machen. Noch heute denke ich jeden Tag an ihn und frage mich, wie er in bestimmten Situationen wohl reagiert hätte. Denn er war ein besonderer Mensch: großherzig, bescheiden und hilfsbereit. Wenn er um etwas gebeten wurde, was ihm wichtig erschien, dann hat er geholfen. Und natürlich war er ein guter Fußballer, Weltklasse in unserer Zeit, das kann ich sagen. Als Kapitän der Nationalmannschaft und beim 1. FC Kaiserslautern war er ein absolutes Vorbild. Wenn er uns etwas sagen wollte, konnte er große Worte finden und war sehr überzeugend. Sein Wort hatte Gewicht. Dabei wurde er nicht laut, sondern erklärte alles deutlich, damit es auch alle verstanden haben.

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Trotzdem ging es demokratisch zu. Er hat uns nach unserer Meinung gefragt und erst, wenn wir zugestimmt haben, Dinge umgesetzt. Meistens hat er uns, wenn wir uns einer Sache noch nicht ganz sicher waren, aber sowieso überzeugen können. Dann war die Sache erledigt. Dabei ist er sich immer treu geblieben. Sein Wort hat er gehalten. Darauf konnte man sich verlassen. Der Fritz Walter, den ich aus Kaiserslautern kannte, war er auch bei der Nationalmannschaft. Zu seinem Charakter gehörte allerdings, dass er manchmal Tiefpunkte hatte und seelisch wacklig war. Es war schwierig, ihn da wieder rauszuholen. Der Trainer hat dann auch uns Mitspieler um Hilfe gebeten. Wir sollten ihn wieder aufbauen. Da brauchte es viel Schulterklopfen, um ihn aufzumuntern.

Fritz Walter war der Denker und Lenker

Beim Finale von Bern hat er die gleiche Rolle gespielt wie im Verein in Kaiserslautern: Er war der Denker und Lenker. Ich sollte ihm – ebenfalls wie im Verein – den Rücken freihalten und hatte vor allem Deckungsaufgaben zu erfüllen. Herberger hatte mir den Auftrag erteilt, dem ungarischen Stürmer Hidegkuti, einem der besten seiner Zeit, überall hin zu folgen. Später im Spiel war ich dann auch gegen den ungarischen Kapitän Puskas gefordert. Das war eines unserer Erfolgsrezepte: Wir haben auf dem Platz gemacht, was man uns gesagt hatte. Keiner hat sich selbst zu wichtig genommen. Wir waren wirklich eine Mannschaft mit Teamgeist. Und dann konnten alle auch noch ganz gut Fußball spielen.


Wechsel ins Ausland? Wir waren mit dem zufrieden, was wir hatten

Warum keiner von der Weltmeistermannschaft ins Ausland gegangen ist? Wir waren mit dem zufrieden, was wir hier hatten. Die Angebote gab es ja, auch bei mir haben Vereine aus England angerufen. Aber ich habe es nicht bereut, das große Geld ausgeschlagen zu haben und in meiner Heimat geblieben zu sein. Mir war immer besonders wichtig, auch als Weltmeister auf dem Boden zu bleiben und eine gesunde Distanz zu diesem Erfolg zu behalten. Auch da war mir der Fritz Walter ein Vorbild. Ich habe zwar gewusst, dass ich ein bisschen bekannt war, aber das hat für mich keine Rolle gespielt. Ich glaube nicht, dass ich anders geworden wäre, als ich bin, wenn ich nicht Weltmeister geworden wäre. Beim Fritz Walter weiß ich genau, dass er sich auch nicht verändert hätte!

Dass ich jetzt der letzte Verbliebene bin von denen, die damals auf dem Platz standen: Tja, ich weiß auch nicht. Was soll ich dazu sagen? Warum sollte ich mir etwas darauf einbilden, dass ich der Einzige bin? Das spielt bei mir keine Rolle. Ich muss einfach weitermachen, so lange es geht. Ich genieße mein Leben hier in Vogelbach, wo ich mein ganzes Leben verbracht habe und niemals weggehen werde.