20. November 2021 / 10:17 Uhr

Früher Lok jetzt Chemie und umgekehrt: Im Leipziger Derby ruht die Freundschaft

Früher Lok jetzt Chemie und umgekehrt: Im Leipziger Derby ruht die Freundschaft

Anton Kämpf
Leipziger Volkszeitung
Stephane Mvibudulu spielte im letzten Derby noch für den 1. FC Lok, diesmal für die BSG Chemie.
Stephane Mvibudulu spielte im letzten Derby noch für den 1. FC Lok, diesmal für die BSG Chemie. © imago images / Picture Point
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Das Leipziger Derby steht vor der Tür. Am Sonntag gastiert die BSG Chemie beim 1. FC Lok. Damals wie heute liefen und laufen Fußballer auf, die bereits für den jeweiligen Gegner kickten. Stephané Mvibudulu, Denis Jäpel, und Andy Wendschuch sind aktuelle Beispiele dafür.

Leipzig. Das heißeste Derby der Region steht vor der Tür. Vor dem Sonntag-Match zwischen Lok und Chemie (14.05 Uhr, Plache-Stadion, live im MDR) prickelt es bei den Spielern. Wie geht es denen, die schon bei der jeweils anderen Elf gekickt haben? Zählen an jenem Tag noch gemeinsame Zeiten oder sieht man nur noch Kontrahenten?

Mvibudulu freut sich auf Rückkehr

Chemie-Legende Manfred Walter, Held unzähliger Derbys in den 60er und 70er Jahren, hat es mal auf den Punkt gebracht: „Wir haben uns immer ganz gut mit denen von da drüben verstanden – aber am Spieltag kannten wir keine Freunde mehr!“ Eine Steigerungsform war, wenn man auf einstige Teamkameraden traf, die nun auf der anderen Seite kickten. Die Liste der Spieler, die beide Farben trugen, ist endlos lang. Lok profitierte zu DDR-Zeiten meist von den staatlich gelenkten „Delegierungen“ der Talente.

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01.12.1984: Oberligaderby zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie Leipzig. Endstand 4:0. Im Bild: P. Schöne. Zur Galerie
01.12.1984: Oberligaderby zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie Leipzig. Endstand 4:0. Im Bild: P. Schöne. © LVZ

Matoul, Schubert, Stötzner, Baum, Zötzsche, Altmann, Scholz und andere kamen von Chemie, auf der Gegenseite schlugen Zimmerling und Rösler ein, wurden aber zurückgeholt. Mit Kinne, Baum, Müller oder Kühn wechselten Spieler nach dem Höhepunkt ihrer Karriere nach Leutzsch, zumeist aber kamen Talente. Auch jetzt wechseln eher Spieler nach Leutzsch, die bei Lok ausgemustert wurden. Das kann aber zur Erfolgsgeschichte werden.

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Stephané Mvibudulu freut sich auf die Rückkehr nach Probstheida, wo er mit zwölf Jahren das Fußballspielen lernte, ehe er mit 17 nach Halle wechselte. Später wurde er für die Erste von Lok verpflichtet, kam aber nicht recht in die Gänge und blühte beim Lokalrivalen in Leutzsch auf, wo er zum gefährlichen Angreifer avancierte und in 18 Regionalliga-Spielen zehn Treffer erzielte (bei Lok: 20 Spiele, 1 Tor). „Ich freue mich auf bekannte Gesichter, hoffe aber auch auf eine ordentliche Performance. Und natürlich will ich auch zeigen, was ich draufhabe, zumal es für mich bei Lok nicht ganz optimal lief“.

Wendschuch mit positiven Erinnerungen

Ähnlich sieht es Denis Jäpel, der ebenfalls von Lok zu Chemie wechselte, dort aber noch auf seinen Durchbruch wartet. „In meiner Zeit bei Lok war von Beginn an der Wurm drin, ich kam später, es lief nicht optimal. Das lag auch an mir. Natürlich wird es Gegenwind von den Heimfans geben, aber das ist ja normal. In den 90 Minuten ruhen sämtliche freundschaftlichen Kontakte, die es vielleicht noch gibt.“ Seine beiden Tore im Sachsenpokal sollten dem schnellen Stürmer Auftrieb geben.

Viel positivere Erinnerungen an seine Zeit bei Lok hat der verletzte Andy Wendschuch, der nicht spielen wird. Er trifft seine Ex-Mitspieler häufig. „Auslöser für den Wechsel war, dass Lok sich in der Regionalliga etabliert hatte und auf Profibedingungen umstellte. Das ließ sich bei mir durch den Beruf nicht umsetzen. Chemie hatte auf meiner Position Bedarf – ich wollte in Leipzig bleiben.“


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Am 6. Oktober 2019 standen sich die BSG Chemie Leipzig und der 1. FC Lok Leipzig zum 103. Mal gegenüber. Zur Galerie
Am 6. Oktober 2019 standen sich die BSG Chemie Leipzig und der 1. FC Lok Leipzig zum 103. Mal gegenüber. ©

Alle drei schwärmen von Chemie. Wendschuch: „Das Stadion ist sehr kompakt, die Fans sind nah dran, du bekommst den Support ganz anders mit.“ Jäpel: „Wie viele da mitfahren, wie sie leiden, Anteil nehmen, immer für den Verein da sind und auch nach Niederlagen positiv bleiben – Wahnsinn!“ Mvibudulu: „Ich finde die Bereitschaft, für den Verein so viel zu geben und so viele Wege zu gehen überragend.“ Für Jäpel wird es das erste Derby. Wendschuch kann sich an kein verlorenes erinnern, er stand aber für Blau-Gelb nur einmal auf dem Feld (Pokal 2016 – 1:0 für Lok). Mit der BSG siegte er vor zwei Jahren 2:0. Mvibudulu bestritt fast alle Derbys im Nachwuchs, gewann meist. Ausgerechnet das einzige im Männerbereich verlor er 2019 auf Seiten der Probstheidaer.

Wechsel zum Rivalen keine Seltenheit

Lok-Stürmer Djamal Ziane hegt keinerlei Frust gegenüber denjenigen, die das Stadtviertel gewechselt haben: „Wenn wir uns sehen, hauen wir uns nicht aufs Maul. Wir sagen uns Hallo, aber logischerweise gehen die Leben auseinander. Das liegt aber nicht daran, dass sie jetzt bei Chemie sind.“ Der zweikampfstarke Mann spielte bis zur U17 im grünen Trikot der Leutzscher.

Luis Figo bei Real Madrid und FC Barcelona, Ronaldo bei Inter und AC Mailand, Mats Hummels bei Bayern München und dem BVB – Wechsel zu den Rivalen sind keine Seltenheit. Auch Almedin Civa wagte diesen Schritt. Der heutige Lok-Coach ließ es richtig krachen und wechselte in der Winterpause 2003/2004 vom VfB zum FC Sachsen. Krumm nehmen wird ihm das heute niemand – zumal er die Probstheidaer nach dem Scheitern in der Drittliga-Relegation zurück in die Spur brachte.

Mit Leutzsch verbindet Civa gute Erinnerungen. „Ich kenne Chemie oder Sachsen seit der Wende. Es gibt keine negativen Erinnerungen. Früher hatte Sachsen Kohle. Lok war eine graue Maus ohne einen Cent“, erinnert er sich. Das wohl schönste Erlebnis im Zusammenhang mit Leutzsch: Sein erstes Tor im Herrenbereich für Tennis Borussia Berlin gegen Sachsen 1995. „Da waren viele Spieler aus den beiden heutigen Teams noch nicht mal geboren“, stellt Civa fest.

Mit: Jens Fuge