12. April 2020 / 13:45 Uhr

Früherer BSG-Chemie-Manager Hänsel bezweifelt regulären Saisonabschluss für Amateure

Früherer BSG-Chemie-Manager Hänsel bezweifelt regulären Saisonabschluss für Amateure

Frank Müller
Leipziger Volkszeitung
Hans-Günter Hänsel (75), der frühere Sektionsleiter Fußball der BSG Chemie Leipzig, in seiner Wohnung in Erfurt
Hans-Günter Hänsel (75), der frühere Sektionsleiter Fußball der BSG Chemie Leipzig, in seiner Wohnung in Erfurt © Frank Müller
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Der frühere Sektionsleiter der BSG Chemie Leipzig blickt auf seine Vergangenheit bei den Leutzschern zurück. Außerdem glaubt er, dass die Amateurvereine ihre Saison nur beenden können, wenn wirklich im April das Spielverbot fällt. Der Fußballfachmann kritisiert obendrein die Entwicklung beim FC Rot-Weiß Erfurt: „Da wurde ein unfähiger Rechtsanwalt als Insolvenzverwalter eingesetzt.“ 

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Leipzig. Hans-Günter Hänsel ist der einzige leitende Fußball-Funktionär, der in der DDR-Oberliga für drei Vereine in führender Position tätig war. Eine Exklusivität, die selbst Fußball-Experten kaum bekannt ist, obwohl den heute 75-Jährigen viele kennen, eben weil er selbst ein Fachmann per excellence ist. Denn Hänsel fungierte schon im Alter von 22 Jahren als Nachwuchsleiter bei Chemie Leipzig. „Als Sachbearbeiter Fußball hat man mich eingestellt“, erzählt „HGH“, wie er oft der Kürze halber genannt wird. Chemies Torwartlegende Günter Busch hat das wohl erstmals so geprägt.

Auch Dynamo war privilegiert

Drei Jahre später, 1970, stieg Hänsel zum Sektionsleiter Fußball bei Chemie Leipzig auf, was in etwa dem heutigen Amt des Clubmanagers entsprach. Genau in dem Jahr hatte der Deutsche Fußball-Verband (DFV) der DDR den sogenannten Fußball-Beschluss gefasst, der im Kern eine genaue Unterscheidung zwischen sportpolitisch zu fördernden Clubs und Betriebssportgemeinschaften machte. Zu den Elite-Clubs gehörten der 1. FC Lok Leipzig, Carl Zeiss Jena, der 1. FC Magdeburg, der BFC Dynamo und auch der Polizeiverein Dynamo Dresden, wenngleich dieser sich im Rückblick gern in weniger privilegiertes Licht stellt.

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Chemie fand sich jedenfalls fortan in der Oberliga unter den „Underdogs“ wieder. Für Hänsel wurde der Job schwer, zumal die Grün-Weißen 1971 erstmals abstiegen. Zwar gelang 1972 der sofortige Wiederaufstieg, doch es blieb ein ständiger Überlebenskampf in Liga eins, der bekanntlich nicht immer gut ausging.

17 Jahre Geschäftsführer des TFV

Hänsel verstand es jedoch mit viel Fußballwissen, Gespür sowie einem wachsenden Netzwerk, gute Spieler wie Wolfgang Lischke, Uli Roth oder Stephan Fritzsche nach Leutzsch zu locken, wenngleich er nicht verhindern konnte, dass andere starke Kicker wie Hans-Bert Matoul, Wolfgang Altmann, Bernd Dobermann, Wolfgang Andreßen, Hartmut Pelka, Peter Gosch, Andreas Roth oder auch Norman Schubert zu besser gestellten Clubs gingen oder – teils gegen ihren Willen – eben abgezogen wurden. „Allein im November 1970 mussten von uns fünf Stammspieler zur Armee, darunter der vorherige Oberliga-Torschützenkönig Otto Skrowny“, erinnert sich Hänsel. So sei der erste Abstieg nicht zu verhindern gewesen.

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Dennoch gelang Chemie nicht zuletzt dank Hänsels Geschick in seiner Ära zweimal die Rückkehr ins Oberhaus. Nach acht Jahren hielt HGH die Zeit für einen Wechsel dennoch gekommen. Er ging zu Rot-Weiß Erfurt, wo er ebenfalls acht Jahre blieb und als stellvertretender Vorsitzender die Fäden zog. Von 1986 bis 1990 war er Clubleiter bei Union Berlin. Kaum war er 1990 bei Chemie Böhlen gelandet, brach dort durch die Wendewirren der Hauptsponsor weg. Doch er rettete das Böhlener Oberliga-Spielrecht, indem er die Fusion mit Chemie Leipzig zum FC Grün-Weiß, aus dem in Kürze der FC Sachsen wurde, vorantrieb. Damit erwies er den Leutzschern einmal mehr einen großen Dienst. Schließlich wurde Hänsel ab 1993 für 17 Jahre Hauptgeschäftsführer des Thüringer Fußball-Verbandes in Erfurt, wo er heute lebt.

Hänse weiß, wovon er spricht

Seine alten Vereine, allen voran Chemie, beobachtet er nach wie vor mit scharfem Sachverstand. „Obwohl in Leutzsch aus meiner Zeit nur noch Roland Flathe da ist“, sagt Hänsel und ergänzt zur aktuellen Lage: „Wenn das Spielverbot wirklich Ende April aufgehoben wird, ist das im Amateurfußball vielleicht noch aufholbar, ansonsten nicht. Gleiches gilt für dritte und vierte Liga.“

Harte Worte findet Hänsel zur Situation bei Rot-Weiß Erfurt: „Die Lage zeichnet sich hier dadurch aus, dass ein unfähiger Rechtsanwalt als Insolvenzverwalter eingesetzt wurde.“ Und einer wie Hänsel, der viele Schlachten auch hinter den Fußballkulissen geschlagen hat, weiß im Gegensatz zu manch anderem, wovon er redet.