30. Juli 2021 / 12:43 Uhr

33.000 Kilometer für die Verbandsliga: Mehr Zeit im Auto als auf dem Platz

33.000 Kilometer für die Verbandsliga: Mehr Zeit im Auto als auf dem Platz

Horst Schreiber
Ostsee-Zeitung
Amateurfußballer müssen oft weite Strecken fahren. In Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern gilt das auch schon in der sechsten Liga.
Amateurfußballer müssen oft weite Strecken fahren. In Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern gilt das auch schon in der sechsten Liga. © Getty (Montage)
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Die Kicker vom FSV Einheit Ueckermünde und der SG Aufbau Boizenburg haben enorm lange Fahrten zu Auswärtsspielen. Der zeitliche Aufwand für die sechste Liga im äußersten Osten und Westen von Mecklenburg-Vorpommern ist enorm.

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Der FSV Einheit Ueckermünde und die SG Aufbau Boizenburg sind spitze. Seit sechs Jahren machen die Vorpommern und Westmecklenburger den inoffiziellen Titel „Reisemeister der Verbandsliga“ unter sich aus. Je nachdem, aus welcher Region Gegner auf- und absteigen, sind entweder die Kicker aus dem äußersten Osten oder Südwesten von MV die „Asphaltchampions“ der Saison. Blöd nur, dass dieser Titel wertlos ist. Noch blöder: Er kostet viel Zeit und Geld.

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In der Saison 2021/22 werden die Ueckermünder für 15 Auswärtsspiele insgesamt 4730 Kilometer, die Boizenburger gar 5300 Kilometer touren. Das sind mindestens 55 Stunden im Bus – ohne Pausen. „Wir verbringen doppelt so viel Zeit auf der Straße wie auf dem Fußballplatz“, sagt FSV-Geschäftsführer Ronny Stieg mit Nachdruck. „Das größte Problem ist die Reserve-Zeit für Pausen, eventuelle Staus oder gefährliche Straßenverhältnisse im Winter, um eineinhalb Stunden vor dem Spiel am gegnerischen Stadion zu sein.“

Für Fußball um die Welt getourt

Die Einheit- und Aufbau-Kicker sind Jetsetter. Seit ihrem Verbandsliga-Aufstieg 2014 haben beide Teams jeweils etwa 33.000 Kilometer abgespult. Damit hätten sie es mit 49 Tankstopps locker von der Uecker oder Elbe bis Kapstadt und zurück geschafft.

Und das sind nur die Kilometer, die an Auswärtsspieltagen zusammenkommen. Einige Einheit-Spieler haben schon zum Training unter der Woche eine weite Anreise aus Stettin (60 Kilometer einfache Strecke), Neubrandenburg (65 Kilometer) oder Greifswald (72 Kilometer) hinter sich. Für Boizenburger liegen gleich vier (!) andere Bundesländer und damit potenzielle Arbeitsgebiete dichter als der nächste Liga-Gegner in MV. Reisetechnisch wäre es günstiger, würde die SG Aufbau in den Hamburger Ligen mitmischen.

Zwei Anekdoten belegen, welchen Aufwand die Vereine betreiben, um Verbandsliga-Fußball im äußersten Osten und Westen von MV anzubieten: Einmal gönnte sich der FSV zum alljährlich weitesten Auswärtsspiel nach Boizenburg (330 Kilometer) einen Reisebus. Die Fahrt kostete 1500 Euro und dauerte so lange, dass der Busfahrer seine Lenkzeit nicht einhalten konnte und am Vorpommern-Dreieck bei Grimmen getauscht werden musste. Und: Der Pole Adam Celeban, der bis Sommer 2020 zehn Jahre lang beim FSV kickte, wohnt in Posen (345 Kilometer bis Ueckermünde) und Stettin. „Einmal fuhr Adam Freitag um 10 Uhr aus Posen los über Stettin nach Ueckermünde, um mit uns das Freitagabendspiel in Pampow bei Schwerin zu bestreiten. Da waren wir nicht vor 22 Uhr weg. Dementsprechend kann man sich ausrechnen, wann Adam wieder zu Hause war“, erzählt Stieg.


Auf Legionäre angewiesen

Solche Strapazen müssen sowohl die Ueckermünder als auch Boizenburger in Kauf nehmen, wenn sie das Niveau halten wollen. „Aber dafür spiele ich ja Verbandsliga – um mich mit den besten aus MV zu messen“, sagt Stieg. Auch werden sie weiterhin auf Legionäre und Spieler, die bei anderen Klubs ausgebildet wurden, setzen müssen.


Denn: Selbst wenn Einheit und Aufbau sportlich könnten, eine eigene Verbandsligatruppe im Nachwuchs ist beinahe unmöglich. „Die Jugendspiele sind in der Regel vormittags. Aber wir als Ueckermünder können nicht um 9 Uhr in Schwerin auf dem Platz stehen. Wie soll das gehen?“, sagt Stieg.

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Ueckermünde und Boizenburg teilen nicht nur infrastrukturell das gleiche Schicksal, sondern ähneln sich auch sportlich. Nie waren sie mehr als vier Plätze von einander entfernt in der Endtabelle, in der Regel waren die Jungs aus dem Osten drei bis sieben Punkte besser als die aus dem Westen.

Ein sportlich signifikanter Nachteil durch den Anreisemarathon ist bei beiden Teams übrigens nicht auszumachen. Ueckermünde punktete in vier von fünf zu Ende gespielten Saisons seit 2014/15 auswärts schlechter als daheim, Boizenburg in drei. Nur während der Verbandsliga-Premiere schienen die weiten Reise ungewohnt. Doch „irgendwann lernt man damit zu leben“, sagt Stieg.