07. Februar 2020 / 08:16 Uhr

Sergio Pinto bedauert die Situation bei Hannover 96: "Klar tut mir das weh"

Sergio Pinto bedauert die Situation bei Hannover 96: "Klar tut mir das weh"

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Sergio Pinto verlebte tolle Zeiten bei Hannover 96, gehörte zum Europa-Ensemble der Roten. Heute ist er Chefscout bei Greuther Fürth - und geht seinen zweiten Karriereweg langsam an. 
Sergio Pinto verlebte tolle Zeiten bei Hannover 96, gehörte zum Europa-Ensemble der Roten. Heute ist er Chefscout bei Greuther Fürth - und geht seinen zweiten Karriereweg langsam an.  © imago/Zink/dpa/Montage Behrens
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Er ist ein bissiger Leader, der in Hannover 96 mit erfolgreichen Zeiten in Verbindung gebracht wird: Sergio da Silva Pinto. Mittlerweile ist der 39-Jährige Chefscout beim kommenden Gegner Greuther Fürth. Bei den Kleeblättern läuft's richtig rund, während der Portugiese schmerzerfüllt seinen alten Klub beobachtet.

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Sein Stammplatz bei Heimspielen liegt im Block E 2 oberhalb der Haupttribüne im Sportpark Ronhof/Thomas Sommer. Früher klang der Name des Stadions weniger sperrig, dafür drolliger: Playmobil-Stadion und später Trolli-Arena. Zu jener Zeit reiste Sergio da Silva Pinto (39), kurz Pinto, im Trikot von Hannover 96 nach Sevilla, Ko­pen­ha­gen, Poltawa, Lüttich, Brügge, Madrid und Moskau. Er landete in Fürth. Pinto arbeitet seit anderthalb Jahren als Chefscout für die SpVgg Greuther Fürth.

Pinto: Ein Teil der Fürther Familie

„Es macht mir riesigen Spaß, es ist familiär, nur ich und der Cheftrainer haben keine Fürther Vergangenheit“, sagt Pinto, „keiner geht hier mit einem traurigen Gesicht zur Arbeit.“ Sein 96 entwickelte sich dagegen eher zu seinem freudlosen Klub. „Ja“, sagt er, „und klar tut mir das weh. Zwei Vereine liegen mir richtig am Herzen, das sind Alemannia Aachen und Hannover 96.“

Drei Jahre spielte er für Aachen, zuletzt wieder für die Traditionsmannschaft. „Kondition, Koordination, na ja, ich muss definitiv mehr Sport machen“, gibt er zu. Die Profi-Karriere musste er nach einem Unfall in Düsseldorf beenden. Die Folgen der Kieferverletzung beeinträchtigen ihn heute noch beim Kauen. „Ich lebe damit“, sagt er, es sei halt nicht zu än­dern.

50 Legenden von Hannover 96 - und was aus ihnen wurde

Jiri Stajner, Szabolcs Huszti und Vinicius - nur drei bekannte Ex-Spieler von Hannover 96. Der <b>SPORT</b>BUZZER blickt auf weitere frühere 96-Legenden und zeigt, was sie heute machen.  Zur Galerie
Jiri Stajner, Szabolcs Huszti und Vinicius - nur drei bekannte Ex-Spieler von Hannover 96. Der SPORTBUZZER blickt auf weitere frühere 96-Legenden und zeigt, was sie heute machen.  ©

"In der heutigen Zeit bist du dann schon verbrannt, bevor du angefangen hast"

Pinto lebt immer noch vom Fußball. Mit Management-Studium und Trainer-Lizenz wurde er Chefscout. Kürzlich gab es eine Anfrage von Alemannia Aachen. Er sollte Sportdirektor werden. „Aber es hat nicht gepasst“, erklärt er. Pinto ging den Weg vom Lehrling zum Gesellen.

Ein Manager-Posten soll sein Meisterstück werden. Aber anders, als Jan Schlaudraff es bei 96 versuchte: „Den Posten bei einem Regionalligisten traue ich mir zu, aber für die 2. Liga wäre ich noch nicht so weit. Ich lerne. Mir bringt es nichts, auf die Schnauze zu fallen. In der heutigen Zeit bist du dann schon verbrannt, bevor du angefangen hast.“

Über Schlaudraffs kurze Managerzeit bei 96 sagt Pinto fast nichts, nur: „Jeder muss selbst wissen, was er tut.“ Die besten Freunde waren die beiden in der Europamannschaft nicht, aber die Unterschiede der beiden halfen dem Team enorm. Schlaudraff spielte seine Rolle als eleganter, launischer und ge­witz­ter Profi. Pintos Spiel kam humorloser daher, bissiger, zielstrebiger, kantiger.

96 ist in die 2. Liga abgestiegen, trotzdem steckt noch viel vom Klub und aus der Region in der Fußball-Bundesliga. Diese Ex-Spieler, Entscheider und gebürtigen Hannoveraner bleiben in der Saison 2019/20 erstklassig.

Diese Kicker und Offizielle mit Hannover-Bezug bleiben auch 2019/20 erstklassig. Zur Galerie
Diese Kicker und Offizielle mit Hannover-Bezug bleiben auch 2019/20 erstklassig. ©

Klare Kante - auf und neben dem Platz

Pintos Draht nach Hannover läuft über Altin Lala, Steven Cherundolo, Christian Schulz oder Leon Andreasen. „Ich verfolge 96 immer noch sehr intensiv“, sagt er. Nicht ausgeschlossen, dass der Job ihn irgendwann nach Hannover zieht. Pinto lässt sich Zeit mit diesem Gedanken. „Ich bin loyal und ehrlich, ein Typ mit Ecken und Kanten. Ich sage meine Meinung. Jungs, die mich kennen, sagen: Ich arbeite eins zu eins so, wie ich auf dem Platz gespielt habe.“

Pinto fahndet vor allem in der 3. oder 4. Liga beziehungsweise bei U19-Spielen nach Talenten für Fürth. In der 2. Liga, meint er, überleben die Teams „durch Zusammenhalt, weniger von den starken Einzelspielern, das sieht man in der oberen Tabellenhälfte, bei Heidenheim, Bielefeld oder bei uns“. Fürth steht aktuell als Vierter mit oben, Hannover 96 ist Fünfter von unten. „Natürlich hätten 96-Spieler die Qualität und sind interessant, aber sie würden unser Gehaltsgefüge sprengen“, sagt Pinto, „zu uns kommt kein Spieler, um reich zu werden.“

Mehr zu Hannover 96

Das sind die restlichen Spiele von Hannover 96 in der Saison 2019/20 in der 2. Bundesliga nach der Corona-Zwangspause:

28. Spieltag (Mittwoch, 27. Mai, 18.30 Uhr): Karlsruher SC (H) Zur Galerie
28. Spieltag (Mittwoch, 27. Mai, 18.30 Uhr): Karlsruher SC (H) ©

Nicht alles an Martin Kind festmachen

Währenddessen macht Hannover 96 weiterhin finanzielle und sportliche Verluste. Die Wucht der Kritik, die 96-Boss Martin Kind entgegenschlägt, überrascht Pinto. „Es kann doch nicht sein, dass man alles nur an einer Person festmacht“, sagt er, „das ist mir zu einfach, da sollte sich jeder an die eigene Nase fassen.“ Die vergiftete Stimmung rund um 96, glaubt er, wirkt sich negativ auf die Spieler aus: „Man ist doch Mensch und keine Ma­schi­ne.“

Als Profi lief es für Pinto erst nach Rückschlägen und Platzverweisen wie ge­schmiert. 193 Pflichtspiele gespielt, 24 Tore erzielt, eines davon sogar in Fürth als Man of the Match beim 96-Sieg (3:2) im Trolli-Stadion. Am Sonntag wird er von der Tribüne aus zusehen, wer sich sieben Jahre später von 96 wirklich wehrt gegen dieses familiäre Fürth.