29. November 2020 / 14:34 Uhr

Sportwissenschaftler Daniel Memmert: Wofür Funino perfekt ist – und wofür nicht

Sportwissenschaftler Daniel Memmert: Wofür Funino perfekt ist – und wofür nicht

Constantin Paschertz
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Professor Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln erachtet Funino als ideal für den Jugendfußball in den Klassen U6 bis U11.
Professor Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln erachtet Funino als ideal für den Jugendfußball in den Klassen U6 bis U11. © imago/Zink/privat/Montage
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Funino erfreut sich im Kinderfußball immer größerer Aufmerksamkeit. Der Nachwuchs spielt auf kleinen Feldern und ohne Torwart. Professor Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln erklärt im #GABFAF-Interview, wie Funino wirkt, warum Torhüter dennoch profitieren und wo die Grenzen der Spielform liegen.

Dieser Artikel ist Teil des Aktionsbündnis #GABFAF. Mehr Informationen unter gabfaf.de.

Kreativität und Spielintelligenz vermitteln und gleichzeitig verhindern, dass schwächere Spieler die Lust am Fußball verlieren: Das soll die Spielform Funino im Kinderfußball leisten. In Reinform bedeutet Funino: Drei gegen Drei oder Vier gegen Vier, ohne Torhüter und auf kleinen Feldern mit vier kleinen Toren. Schnelle Pässe sollen gespielt, schnelle Entscheidungen getroffen und kreative Lösungen gefunden werden. Die Kinder sollen mehr Freude, Teamwork und Erfolgserlebnisse haben als im gängigen Sieben gegen Sieben auf größerem Feld. Das vor knapp 30 Jahren von Trainer-Ausbilder Horst Wein entwickelte Spiel hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) deshalb gemeinsam mit Landesverbänden wie dem Bayerischen Fußballverband (BFV) zur Standard-Spielform bei den Kleinen erklärt.

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Die Kritik von der Basis: Die Materialbeschaffung sei zu teuer, an Spieltagen – den sogenannten "Funino-Festivals" – müsse man noch mehr Ehrenamtliche organisieren, um der Aufsichtspflicht nachzukommen. Und dass von der G- bis zur E-Jugend der Torhüter fehle und nur auf kleine Tore gespielt werde, sei ein Unding. Schließlich wollen die Kinder spielen wie ihre Idole. Der DFB und die verbündeten Verbände tun sich deshalb noch schwer, alle von den Vorteilen Funinos zu überzeugen.

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Im Interview mit #GABFAF erklärt Professor Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule in Köln, warum Funino für die kleinen Kicker einen großen Mehrwert hat und was Torhüter bei dieser Spielform Manuel Neuer näher bringt. Memmert forscht in den Bereichen Sportinformatik und Sportspiel an immer neuen Spielformen im Breitensport. Daher weiß er auch: Funino ist kein Allheilmittel, sondern muss im Training durch andere Formen ergänzt werden.

#GABFAF: Herr Professor Memmert, welche Vorteile bringt Funino im Trainingsbetrieb?

Memmert: In erster Linie geht es darum, dass Spieler mehr Ballkontakte haben. Viele Kinder sollen häufig am Ball sein, viele Pässe spielen, lernen, schnell Entscheidungen zu treffen und am Ergebnis ihren Anteil haben. Weil man mit sechs Spielern in kleinem Feld auf vier kleine Tore spielt, braucht man alle Teammitglieder für den Erfolg. Weg von großen Toren und viel Raum zu kleinen Toren und wenig Raum.

#GABFAF: Worin besteht denn für das einzelne Kind der Unterschied zum Beispiel zum Sieben gegen Sieben auf größerem Feld mit großen Toren?


Memmert: Das Wichtigste ist, dass das Kind dabei sein Selbstwertgefühl und seine soziale Kompetenz durch das Miteinander steigert. Sich zu beweisen und durchzubeißen ist ebenso wichtig wie zu lernen, Teil einer sozialen Gruppe zu sein und andere einzubinden. Außerdem bekommt es Abwechslung. Kinder brauchen das, es darf nicht eintönig werden. Deshalb ist man weg davon, einfach Pässe über zwei Meter zuzuschieben. Es ist ganz wichtig, dass frei gespielt wird. Kinder achten darauf, dass es Spaß macht und nicht darauf, welche Struktur die Spielform hat.

#GABFAF: Wie gestalten Sie und ihre Kolleg*innen diese Veränderungen mit?

Memmert: In den Altersklassen zwischen U6 und U11 durchlaufen die Kinder die Phase, in der vor allem die Kreativität zu schulen ist. Das haben Studien gezeigt. Das „Deliberate Play“ ist eines der wichtigeren Kriterien für diesen Prozess. Da erforschen wir vermehrt unstrukturierte Spielformen. Ein anderer Faktor ist die Diversität. Das bedeutet, dass im Training motorische Abwechslung wichtig ist, nicht nur mit dem Fuß zu spielen, sondern auch mit der Hand oder zum Beispiel einem Hockeyschläger.

#GABFAF: Es geht also vor allem um den Kopf und darum, Verknüpfungen herzustellen, bevor an detaillierter Technik gearbeitet wird?

Memmert: Genau, da gibt es auch noch Ausbildungswege, bei denen es um das Gedächtnis geht, um Aufmerksamkeit und Coachings von außen. Weil eben die Kognition geschult werden soll, kann es nicht nur eine Spielform geben, man muss immer neue Spielformen anbieten.

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#GABFAF: Wie stark deckt Funino diese Anforderungen schon ab?

Memmert: Man muss definitiv auch außerhalb von Funino kreativ werden. Das ist eine Basisspielform, die für den Altersbereich genau richtig ist, weil sie eben jedem Kind die Möglichkeit gibt, mitzuspielen, und man sie auch variieren kann. Wenn ich das aber immer Drei gegen Drei anbiete, wird es irgendwann so eintönig wie jede andere Spielform auch. Andere im Fußball wichtige Faktoren wie den Vollspannschuss deckt Funino ja gar nicht ab. Das muss im Training ausgeglichen werden, aber es ist eine ideale Wettkampfform in dem Alter.

#GABFAF: Es gibt sogenannte "Funino-Spieltage", richtige Turnier-Events für die Kinder. Welchen Effekt hat dieses Modell, auch im Vergleich zu den Spieltagen, bei denen man für ein Spiel gegen einen anderen Klub mit der Mannschaft ins nächste Dorf fährt?

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Memmert: Der Vorteil ist, dass man nicht nur gegen eine, sondern gegen mehrere und gleichstarke Teams spielt. Es gibt oft genug das Problem, dass Kinder am Wochenende nach einem 0:5 nach Hause fahren und am folgenden wieder. An einem "Funino-Spieltag" kann man gegen das eine Team verlieren und schlägt dafür direkt danach das andere. Weil es viele Spiele von kurzer Dauer sind, kann es vor allem dann ein Gewinn sein, wenn die Trainer schauen, wann sie stärkere und schwächere Spieler einsetzen, um ihnen Erfolgserlebnisse und Abwechslung zu ermöglichen.

Das Amateurfußball-Bündnis #GABFAF wurde am 15. März 2019 ins Leben gerufen. Hier zehn besondere Momente aus dem ersten Jahr:

Überraschung, Freude, Jubel, Rührung: Das #GABFAF-Team hat in der Galerie seine Lieblingsmomente zusammengestellt. Zur Galerie
Überraschung, Freude, Jubel, Rührung: Das #GABFAF-Team hat in der Galerie seine Lieblingsmomente zusammengestellt. ©

#GABFAF: Ein großer Kritikpunkt ist, dass es bei Funino keinen Torwart gibt. Was entgegnen sie?

Memmert: Das ist erstmal nicht falsch. Auch das Torwartspiel muss im Training Platz finden. Ein weiteres Argument dafür, dass Funino nicht als die eine und richtige Trainingsform geeignet ist. Andererseits schult Funino auch die Kognition der Torhüter, beispielsweise ihre Antizipation, ihr Ballgefühl und ihr Spielverständnis. Mitspielende Torhüter wie Manuel Neuer oder Marc-André ter Stegen sind ja die Vorbilder der Kinder und Jugendlichen. Dafür ist Funino perfekt. Die Torhüter lernen wie alle anderen sicheres Passspiel und sicheren Spielaufbau – auch im Wettkampf.

#GABFAF: Brauchen Torhüter in dem Alter nicht trotzdem schon Wettkampf auf ihrer Position, anstatt ausschließlich mit den anderen Feldspielern zu spielen?

Memmert: Wir sprechen hier von der Altersklasse U6 bis U11. Da würde ich sagen, kann es ausreichen, den Torwart erst danach in den Wettkampf einzuführen. Aber natürlich haben Sie nicht Unrecht. Ich würde nicht das ganze Jahr über mit meiner Mannschaft nur an Funino-Turnieren teilnehmen. Ich bin dagegen, dass diese Spielform jetzt alles andere ersetzt. Es ist gut, auch abseits davon mal normale Spiele auf kleinere Tore auszutragen, in denen dann ein Torhüter steht.

#GABFAF: Abgesehen von diesen Ausbildungsinhalten: Welcher Grundgedanke steckt dahinter, wenn es auch darum geht, junge Fußballer*innen an den Profi-Bereich heranzuführen?

Memmert: Der Grundgedanke ist, die Schritte im Detail zu verkleinern, das Spiel mit den Sportler*innen wachsen zu lassen. Grob gesagt, kleinere Tore und kleineres Feld mit kleineren Teams zu Beginn zu haben und alle drei Dinge mit steigender Altersklasse wachsen zu lassen. Jeder weiß, Kinder wollen auch schon ganz jung auf das ganz große Tor schießen und das sollen sie auch tun. Aber dieses Wachstum, die "Methodische Reihung" ist schon sehr sinnvoll. Funino gewährleistet das zum Start.