08. Juli 2020 / 11:27 Uhr

Die Geschichte der Fußball-EM: 2008 - Die Geburt von Spaniens Tiki-Taka-Dominanz

Die Geschichte der Fußball-EM: 2008 - Die Geburt von Spaniens Tiki-Taka-Dominanz

Udo Muras
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der EM-Titel 2008 war für Spanien Auftakt für einen regelrechten Siegeszug in den kommenden Jahren.
Der EM-Titel 2008 war für Spanien Auftakt für einen regelrechten Siegeszug in den kommenden Jahren. © imago/Alex Nicodim
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Eigentlich sollte jetzt bei der Europameisterschaft der Ball rollen – es kam anders. Für ein bisschen EM-Gefühl blickt der SPORTBUZZER auf die 60-jährige Geschichte des Wettbewerbs zurück. In der Serie mit eingebettetem Podcast, in dem Reporterlegende Hartmut Scherzer zahlreiche Anekdoten verrät, geht es nun im elften Teil um die Final-Niederlage der DFB-Elf bei der EM 2008, die der Anfang einer spanischen Dominanz sein sollte.

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Als er endlich allein ist, greift Philipp Lahm zum Handy und ruft seine Frau an. Seine Claudia sitzt in Wien auf der Tribüne des Ernst-Happel-Stadions und wartet mit 51 500 anderen auf den Wiederanstoß – und auf ihren Philipp. Doch der kommt nicht mehr. Ein tiefer Stollenabdruck auf seinem Fuß hat ihn aus dem Spiel genommen. Deutschland steht im Finale der Fußball-EM 2008 und sein zuverlässigster Verteidiger telefoniert in der Kabine mit seiner Frau. "Während die Kameraden aufs Spielfeld liefen, musste Claudia mir drei Minuten beim Weinen zuhören", beschreibt er in seiner Biografie "Der feine Unterschied" diese Szene.

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Es ist wirklich ein Tag zum Weinen für Lahm, denn er ist auch mitschuldig am Tor des Tages, das die Spanier zum Europameister macht. Ein Missverständnis zwischen ihm und Torwart Jens Lehmann ermöglicht Stürmer Fernando Torres die Chance – und er nutzt sie. Es ist eine symbolische Szene. Spaniens Fußball ist dem deutschen 2008 einen Schritt voraus.

Hier weitere Teile der EM-Serie lesen

EM-Titel 2008 - Spaniens Siegeszug beginnt

Spaniens Armada sticht in diesem Sommer in See, um die größten Schätze des Fußballs einzusammeln. Außer der EM 1964 hatte man nie etwas gewonnen, das soll sich ändern. Die Reise wird lange dauern und zu zwei EM- (2008, 2012) und einem WM-Titel (2010) führen.

Der Aufstieg zur Fußballweltmacht beginnt mit der EM in Österreich und der Schweiz – Deutschland schaut (noch) zu. Seit 1996 wartet das Land auf einen Titel, die Ungeduld manifestiert sich in einer für den DFB untypischen Trainerrotation: Joachim Löw ist schon der vierte Bundestrainer nach dem Triumph von Wembley, den noch Berti Vogts feierte. Unter Löw spielen sie wieder mutigen Fußball.

Noch mehr Hintergründe, Anekdoten & Co.: Hier geht es zum Podcast zur neuen SPORTBUZZER-Serie

Geburt des Tiki-taka-Fußballs

Trotzdem würde es den Bundestrainer Löw kaum noch geben, hätte sein Team nicht im letzten Vorrundenspiel die Österreicher 1:0 geschlagen. Dreimal in Folge ein Aus in der EM-Vorrunde – nicht auszudenken. Mit 3:2-Siegen über Portugal, bei dem ein gewisser Hansi Flick den für ein Spiel wegen angeblicher Beleidigung des vierten Offiziellen gesperrten Löw vertritt, und über die Türkei, als Lahm in letzter Minute trifft, kämpft sich Deutschland ins Finale. Dort stößt der DFB an seine Grenzen. Trotz des knappen Ergebnisses (1:0) ist es ein einseitiges Spiel, in dem die Welt den Tiki-taka-Fußball kennenlernt, der dem Gegner kaum eine Torchance lässt.

Mit dem Abstand von zwölf Jahren teilt Lahm dem SPORTBUZZER mit: "Spanien und zeitgleich Barcelona haben sich zur Supermacht entwickelt und im Finale waren wir unterlegen. Damit ist das Ergebnis natürlich in Ordnung. Aber ein Finale kann man auch mal als unterlegene Mannschaft gewinnen, und Deutschland hat immer die Mentalität und den Charakter, das auszunutzen. Das ist uns damals nicht gelungen, deshalb waren wir wirklich enttäuscht."

Von Deutschland in die Welt: Sportler als Botschafter

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Er persönlich ganz besonders, "noch dazu, wenn man in der Halbzeit verletzt den Platz verlassen muss. Ein EM-Finale kann man, wenn man eine lange Karriere in der Nationalmannschaft hat, höchstens dreimal bestreiten. Das weiß man natürlich, deshalb ist die Enttäuschung groß, wenn man es verliert."

Die Feier der Spanier verläuft ausgelassen, können sie ihren Anhängern in Madrid doch den EM-Pokal präsentieren. In der Vorrunde haben sie alle Spiele gewonnen, mit einer B-Elf Titelverteidiger Griechenland geschlagen, nur mit Italien (Sieg im Elfmeterschießen) haben sie Mühe. "Wir hätten nie gedacht, dass wir so weit kommen", gesteht Torres. Dabei kommt noch viel mehr.