23. Juni 2020 / 07:44 Uhr

Historisch, meist rappelvoll und auf jeden Fall Kult: Leipzigs Alfred-Kunze-Sportpark

Historisch, meist rappelvoll und auf jeden Fall Kult: Leipzigs Alfred-Kunze-Sportpark

Frank Müller
Leipziger Volkszeitung
So sah der Alfred-Kunze-Sportpark nur wenige Minuten nach dem Schlusspfiff des Relegationsspiels FC Sachsen gegen FC Schönberg (1:0) im Juni 2003 aus.
So sah der Alfred-Kunze-Sportpark nur wenige Minuten nach dem Schlusspfiff des Relegationsspiels FC Sachsen gegen FC Schönberg (1:0) im Juni 2003 aus.
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Der SPORTBUZZER setzt seine Serie über Sachsens Fußballstadien fort. Im sechsten Teil: der Leipziger Alfred-Kunze-Sportpark im traditionsreichen Stadtteil Leutzsch. Die Heimstätte der BSG Chemie Leipzig feiert anno 2020 ihren 100. Geburtstag und blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. 

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Leipzig. Seit 100 Jahren wird auf dem Gelände des heutigen Alfred-Kunze-Sportparks Fußball gespielt, ein Buch zum Jubiläum ist bei Chemie Leipzig unter Federführung von Markus Cottin und Alexander Mennicke, die auch einiges zu diesem Artikel beitrugen, in Arbeit.

Kurz nach dem ersten Weltkrieg kaufte die Gemeinde Leutzsch das Gelände für den Turnverein Jahn an. Die Mitglieder halfen bei der Anlegung des Sportplatzes kräftig mit. Am 8. August 1920 fand auf dem Gelände ein Volksfest des Ortskartells Leutzscher Sportvereine statt, am 19. September 1920 stieg das erste Turnfest des Jahn. Das Areal war in drei Felder aufgeteilt (heute sind es sechs), die auch Viktoria 06 Leutzsch und Sturm 1910 nutzten. Der dem Arbeiter-Turn-und-Sport-Bund angehörende Verein Jahn war treibend bei der Errichtung eines Vereinshauses. 1925 wurde es eingeweiht. Die geplante Turnhalle sollte wegen fehlender Mittel indes erst viel später, in den 1970er Jahren, als Trainingshalle Realität werden.

DURCHKLICKEN: Rundgang durch den Alfred-Kunze-Sportpark

Es gibt viel zu tun im Alfred-Kunze-Sportpark. Die Stadt Leipzig will mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket für den Erhalt der traditionsreichen Spielstätte der BSG Chemie Leipzig sorgen. Zur Galerie
Es gibt viel zu tun im Alfred-Kunze-Sportpark. Die Stadt Leipzig will mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket für den Erhalt der traditionsreichen Spielstätte der BSG Chemie Leipzig sorgen. © André Kempner

In den 30er Jahren kam es unter politischem Druck zur Fusion mit TuRa, dieser Verein schloss sich 1937/1938 mit SV 1899 zu TuRa 1899 zusammen. Bauliche Veränderungen erfuhr der Sportpark erst nach dem zweiten Weltkrieg. Ausgerechnet in der Nachkriegszeit, in der alles überflüssige Holz zu Brennmaterial wurde, retteten Leutzscher Fußballenthusiasten unter dem blutjungen Vereinschef Karl Plättner die Holztribüne der Ruderstrecke vor diesem Schicksal. Sie ließen die Tribüne am Elsterflutbecken ab- und in Leutzsch wieder aufbauen.

Improvisationen wurden zur Kunstform erhoben

Dies war ein schwieriger Akt, fehlte es doch an allem. Zum Beispiel an Nägeln. Diese kamen von der Firma Karl Pfützner, die eigentlich Blechdosen herstellte, aus ihrem Rohmaterial aber Nägel für den Tribünenaufbau machte. Fehlende Balken besorgte maßgeblich Nationalspieler Walter Rose. Der Großvater des heutigen Bundesliga-Trainers Marco Rose wurde in einem Sägewerk in Leipzig-Südwest fündig.

Mit einem Gedenkstein wird im Alfred-Kunze-Sportpark an den Politiker und Widerstandskämpfer Georg Schwarz erinnert.
Mit einem Gedenkstein wird im Alfred-Kunze-Sportpark an den Politiker und Widerstandskämpfer Georg Schwarz erinnert. © André Kempner
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So steht die gute alte Tribüne mit ihren fast 1000 Sitzplätzen seit 1948 in Leutzsch und erlebte dabei große Spiele. Mitunter mehr als 25.000 füllten in den 50er Jahren bei Chemie-Spielen die Ränge und Hänge.

Improvisationskunst war hier immer gefragt, erst recht, nachdem die Leipziger Oberliga-Teams 1963 neu aufgeteilt worden waren und die „neue“ BSG Chemie eigentlich nur zweite Geige hinter dem SCL alias 1. FC Lok spielen sollte. Die Geschichte ist bekannt, der sogenannte Rest wurde 1964 DDR-Meister und die Massen strömten wieder, wie schon beim ersten Meistertitel 1951, in den Georg-Schwarz-Sportpark, wie das Geviert seit 1949 hieß, benannt nach einem von den Nazis ermordeten Betriebsrat einer Leutzscher Gießerei.

Hoher Besuch im Alfred-Kunze-Sportpark: Rekordmeister FC Bayern München bereitet sich hier mit einem Trainingscamp auf die Saison 2003/04 vor.
Hoher Besuch im Alfred-Kunze-Sportpark: Rekordmeister FC Bayern München bereitet sich hier mit einem Trainingscamp auf die Saison 2003/04 vor. © Picture Point

Mitte der sechziger Jahre setzte man Traversen auf die Hänge und der Norddamm wurde aufgeschüttet. Eigentlich sollte ursprünglich dahinter ein ganz neues Stadion mit Laufbahn gebaut werden, die (zugewucherten) Wälle dafür kann man um Platz 4 immer noch erkennen. Man darf froh sein, dass daraus nichts wurde, denn als reines Fußballstadion für 22.000 Zuschauer wirkte das Chemie-Stadion zweifellos viel besser, es war eine der stimmungsvollsten Arenen der DDR-Oberliga.

Verantwortliche wollen Verein in höhere Gefilde führen

Ähnliches gab es in der DDR bestenfalls bei Union Berlin in der Alten Försterei. Angesichts der Enge genügten im Leutzscher Holz oft schon 10.000 Fans, um glutheiße Atmosphäre zu erzeugen. Wenn es richtig voll war, um so besser. Dagegen ist das, was heute dort bei sicherheitsbedingt auf 5000 beschränktem Fassungsvermögen stattfindet, für die Regionalliga zwar ordentlich, jedoch nur ein Abglanz von einst.

Weitere Teile der Serie zu den Stadien in Sachsen

Die große Tradition haben die Chemie-Verantwortlichen natürlich stets vor Augen, wenn sie ihre Vision verfolgen, den Verein wieder in höhere Gefilde zu führen. Der seit 1992 nach Meistertrainer Alfred Kunze benannte Sportpark soll dabei als Heimstatt eine maßgebliche Rolle spielen.