19. Juli 2020 / 18:32 Uhr

Fußball-Liebe: Neutraler als die Schweiz

Fußball-Liebe: Neutraler als die Schweiz

Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
Für einen Verein konnte er sich nie begeistern – weder als Kind, noch als Erwachsener, weder für einen Ost-, noch für einen West-Club. Und das ist auch gut so, findet LVZ-Sportchef Frank Schober.
Für einen Verein konnte er sich nie begeistern – weder als Kind, noch als Erwachsener, weder für einen Ost-, noch für einen West-Club. Und das ist auch gut so, findet LVZ-Sportchef Frank Schober. © Boris Streubel/André Kempner/Montage
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Suchen sich Fußballfans aus dem Osten Lieblingsvereine aus dem Westen? Oder eher aus der Heimat? Die beiden Essays der vergangenen Wochen im SPORTBUZZER haben viele Reaktionen ausgelöst. Heute erklärt Frank Schober, Sportchef der Leipziger Volkszeitung, warum es sich auch ohne einen Klub des Herzens gut leben lässt.

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Für mich war der Spieltag um 16.45 Uhr beendet. Nicht aber für viele andere Anhänger, die mit mir auf der Connewitzer Straße zur Straßenbahn gingen. Sie hatten die DDR-Oberliga für diesen Samstag abgehakt und konzentrierten sich ganz auf ihr Kofferradio und die Bundesliga, die praktischerweise eine halbe Stunde später angepfiffen wurde. Ich war vielleicht elf, zwölf Jahre alt und staunte ein wenig, wie man sich für den Ausgang der Spiele Uerdingen gegen Duisburg oder Braunschweig gegen Bielefeld interessieren konnte.

Für mich waren das alles böhmische Dörfer – Bundesliga hin oder her. Selbst das Ergebnis von Köln gegen Bayern nahm ich eher nebenbei zur Kenntnis. Erst viele Jahre später zog die Schlusskonferenz auch mich mehr in den Bann. Aber eher wegen der blumigen Schilderungen der beiden Manfreds – Breuckmann und Vorderwülbecke. Heute höre ich nach wie vor in den letzten Minuten gern mal hin, wenn ich nicht gerade selbst im Stadion bin. Jedoch muss ich immer auf der Hut sein und notorisch die Lautstärke nach unten regeln, wenn zu Sabine Töpperwien geschaltet wird. Doch das nur nebenbei.

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Ich geriet nie in Verdacht, mir einen Westclub als Herzensverein zu suchen, weil niemand in meiner Familie oder meinem Umfeld für Schalke, Gladbach oder den HSV schwärmte. Unser Fernseher hatte (aus Sicht der DDR-Konstrukteure sehr praktisch) nur zwei Knöpfe – belegt von den beiden Ostsendern. Wenn wir doch mal am Rädchen drehten und das grieselige ARD-Bild ertragen wollten, dann eher wegen Rudi Carrell und Otto Waalkes. Vom ZDF-Sportstudio bekamen wir gar nichts mit – nicht nur Dresden, sondern auch Leipzig-Eutritzsch war ein Tal der Ahnungslosen.

Mit 19.000 Weiteren gegen den BFC

Theoretisch hätte ich noch Fan der DFB-Elf werden können, zumal die DDR-Truppe von Georg Buschner und Bernd Stange ab 1976 bei EM- und WM-Endrunden durch Abwesenheit glänzte. Doch zu meiner Zeit war im Westen Jupp Derwall am Ruder, den ich mal in der Aktuellen Schaubude erlebte und als wenig charismatischen Gute-Laune-Onkel wahrnahm. Zudem erklärten die überheblichen Westreporter ihr Team immer schon vor jedem Spiel zum Sieger. Das ging mir höllisch auf die Nerven. Also mehr rieb ich mir die Hände, als die Ösis 1978 die Schmach von Cordoba perfekt machten. Vier Jahre später gewann sogar Algerien 2:1 gegen Stielike, Breitner und Co. – auch da konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Kein Bundesligist kam für mich in Frage, keine DFB-Elf. Also hätte ich für immer und ewig glühender Anhänger eines der beiden Leipziger Vereine werden können. Hätte.

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Die Ansätze waren da. So zog mich mit elf Jahren ein Spiel vor 19. 000 Zuschauern in Leutzsch in seinen Bann. Chemie verlor nur 1:2 gegen den BFC und bot dem Favoriten ordentlich Paroli. Ich war fasziniert, wie das Stadion geschlossen gegen den Hauptstadtclub und ganz besonders gegen Stürmer Riediger wetterte. Doch die Begleitumstände hatten auch etwas Bedrohliches für mich. Als wir auf dem Hinweg zwischen Straßenbahn und Georg-Schwarz-Sportpark mit tausenden unter den Gleisen durch die enge Unterführung mussten, hatte ich Platzangst und verlor meinen Vater kurz aus den Augen. Auch danach behagte mir der schmale Weg zum Stadion ganz und gar nicht. Noch heute meide ich beim Joggen im Auwald jenen Tunnel.

Kein Bock auf Stahl Riesa

Eine prägende Erinnerung an Chemie ist die Zugfahrt 1984 mit meinen Post-Schwimmern. Wir kamen vom Wettkampf aus der „Tschechei“ und hörten glückselig im Radio, dass Chemie gegen Union die Klasse gehalten hat. Langfristig gesehen hatte ich auf Fahrstuhlmannschaft und miefige Staffel C der DDR-Liga keine Lust.

Da war ich schon eher gefährdet, unter die „Lok-Schweine“ zu gehen. Die EC-Spiele gegen Bordeaux und Bremen ließ ich mir nicht entgehen. Dank Lok kam auch abseits der Messe internationales Flair in die Stadt. Ich schaute am Astoria vorbei, um einen Blick auf Otto Rehhagel und den Werder-Bus zu erhaschen. Ein Bremen-Fan bot mir 20 West-Mark für mein Ticket – ich kam nicht auf die Idee, meine Seele zu verkaufen.

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3. Oktober 1973 - Nach dem Sieg auswärts gewinnt der 1. FC Lok Leipzig auch daheim gegen den AC Turin und zieht in die zweite Runde des UEFA-Cups ein. (@ Archiv) ©

Doch so prägend die EC-Erlebnisse waren – auf tristen Oberliga-Alltag und Auftritte gegen Stahl Riesa hatte ich keinen Bock. Bei den Spielen war das Halbzeitergebnis bei Chemie spannender als der Kick auf dem Probstheidaer Rasen.

„Unsere Spieler sind Stars“

1990 schaute ich ohne Herzklopfen zu, wie sich Lok und der FC Sachsen im Kampf um die 2. Bundesliga duellierten. In Erinnerung ist mir lediglich, wie sich ein aus Köln zugezogener junger Kollege zu mir umdrehte und fragte: „Spielen die immer so schlecht?“ Ich war und bin in Sachen Fußball neutraler als die Schweiz – und daher sicher nicht so schlecht geeignet für eine Karriere im Journalismus. Als der VfB drei, vier Jahre später im viel zu großen Zentralstadion sogar erste Liga spielte, musste ich feststellen, dass auch die ersehnte Bundesliga langweilig sein kann.

Und RB? Es ist schön, dass Leipzig dank der Roten Bullen national und in Europa wahrgenommen wird. Mich freut es ungemein, dass die für die WM 2006 umgebaute Arena nicht leer steht oder verfällt. Auch das Pokalfinale 2019 war ein tolles Erlebnis. Dieser Klub muss professionell aufgestellt sein – anders geht es gar nicht. Doch dabei bleibt das im Sport so wichtige Herzblut auf der Strecke. Von Berufs wegen erfahre ich immer mal wieder, was bei RB alles nicht geht.

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Unvergessen ist die Belehrung eines RB-Sprechers nach dem Erstligaaufstieg: „Ihr könnt unsere Spieler nicht einfach anrufen.“ Okay, dies ist in der Branche so üblich. Ich fragte dennoch nach dem Warum und erhielt die Antwort: „Unsere Spieler sind Stars.“ Abgesehen davon, ob die Profis dies genau so sehen, wünsche ich mir Stars ohne Allüren. So wie ich es in vielen Sportarten seit Jahren kenne.