13. Juli 2020 / 11:02 Uhr

Fußball-Liebe: Warum ich nur zu Ostvereinen halten kann

Fußball-Liebe: Warum ich nur zu Ostvereinen halten kann

Marcel Laskus
Leipziger Volkszeitung
Marcel Laskus' Fußballherz gehört Rot-Weiß Erfurt und musste in der Vergangenheit schon Einiges ertragen.
Marcel Laskus' Fußballherz gehört Rot-Weiß Erfurt und musste in der Vergangenheit schon Einiges ertragen. © Getty Images
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Vor Kurzem erklärte Reporter und Werder-Bremen-Fan Josa Mania-Schlegel im SPORTBUZZER, warum sich Fußballfans aus dem Osten oft Lieblingsvereine aus dem Westen gesucht haben. Nun erwidert der Thüringer Autor Marcel Laskus, warum er nur zu Ostvereinen, speziell dem FC Rot-Weiß Erfurt, halten kann.

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Mit dem dicken Kicker-Sonderheft zur Saison 2001/02 in der Hand stand ich in meinem Kinderzimmer. Es war an der Zeit, sich zu bekennen. Vorsichtig trennte ich erst die Seite mit dem Mannschaftsfoto von Hansa Rostock aus dem Heft, danach die Aufstellung von Energie Cottbus. Ein Klebestreifen links. Ein Klebestreifen rechts. Fertig. Da hingen sie an der Wand, die Helden meiner Kindheit, direkt neben dem Poster meines Heimatvereins, Rot-Weiß Erfurt. Drei Ostvereine, die nach der Wende im Profifußball weiterlebten. Drei Ostvereine, zu deren Fans ich mich zählte. Das konnte ruhig jeder, der in mein Zimmer kam, sehen.

Westen kein Fußballsehnsuchtsort

Vielleicht lag es an meinem Vater, vielleicht waren es meine Opas, vielleicht war es auch etwas völlig anderes. Sicher ist: Nicht ein einziges Mal während meiner Kindheit und Jugend stellte ich infrage, dass ich Ostfußballvereine besser fand, als die aus dem Westen. Noch bevor ich wusste, wer Erich Honecker und die Treuhand waren, noch bevor ich eine Meinung zu „Hypezig“ und Pegida haben musste, hatte ich so etwas wie eine ostdeutsche Identität. Als Fußballfan.

Dabei ist Cottbus 300 Kilometer von meiner Heimat entfernt. Ich wäre zwei Stunden schneller im Stadion von Borussia Dortmund gewesen als in dem von Hansa Rostock.

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Josa Mania-Schlegel schrieb letzte Woche, dass er als Ossi großer Werder-Bremen-Fan ist und dass viele Ossis ebenfalls Fans von Westclubs sind. Mir blieb der Westen als Fußballsehnsuchtsort immer fern. Und ich glaube, das geht vielen so. Gerade denen, die, wie ich, nach der Wende aufgewachsen sind.

Schon klar, Bayern München und Borussia Mönchengladbach spielen meist besseren Fußball als Erzgebirge Aue und der SV Babelsberg. Wer zu DDR-Zeiten Fußballfan war, musste wohl stets ein bisschen neidisch in den Westen schauen, wo viel besserer Fußball gespielt wurde und nie der Vorwurf im Raum stand, dass mit dem BFC Dynamo Berlin ein Verein von Erich Mielke unterstützt wurde.

2015/16 gleich acht Ostteams in Liga 3

Ich aber, der erst nach der Wende geboren wurde, denke mir: Was nützt mir ein Fußballclub, der schön spielt, mit dem ich mich aber kaum identifizieren kann? Gehört zum ostdeutschen Wesen nicht immer auch ein bisschen dazu, sich als Underdog zu verstehen, und nicht einfach den Gewinnern nachzurennen?

Um die Jahrtausendwende, als ich Fan wurde, war noch nicht an einen Erfolgsclub wie RB Leipzig zu denken. Die Stadien zwischen Ostsee und Thüringer Wald waren marode damals, die Spieler bekamen teils deutlich geringere Gehälter. Und jenseits der Stadien sah es kaum anders aus: Nach der Wende war der Osten vielerorts am Boden. Die Arbeitslosenzahlen gingen erst hoch und dann nur sehr langsam nach unten.

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Vielleicht halten auch deshalb so viele Ostdeutsche ihren mäßig kickenden Heimatvereinen die Treue. Beim Fußball ist es von jedem Spieltag aufs Neue möglich, zum Sieger zu werden und zu überraschen. Ganz egal, wie mies es gestern lief. In der Saison 2015/16 waren acht der zwanzig Teams der 3. Liga aus dem Osten – so viele wie noch nie. Und obwohl in dieser Liga nicht der beste Fußball gespielt wird, konnten sich diese acht Teams auf ihre Fans verlassen. Zu den zehn Vereinen mit dem höchsten Zuschauerschnitt gehörten alle Ost-Clubs.

Voodoopuppe für ostdeutschen Fußballschmerz

Mir war klar, dass ich meinen Beitrag zu leisten hatte: Auf meinen Bratwurstkauf im Stadion, auf meinen Jubel kam es an. Ich fuhr zu Auswärtsspielen, kaufte Fanartikel, nicht nur von Rot-Weiß Erfurt, auch von Hansa Rostock und von der Deutschen Nationalmannschaft – aber natürlich nur das Trikot von Michael Ballack, einem Görlitzer. Erst später lernte ich, wie zerfasert die ostdeutsche Fankultur natürlich ist. Dass ein Leipziger nicht zu Dresden hält und ein Erfurter nicht zu Chemnitz. Mit den Jahren fühlte ich mich zunehmend nur noch meinem Heimatverein, dem FC Rot-Weiß Erfurt, verbunden.

Aber die Loyalität gegenüber den anderen Ostvereinen blieb. Wenn Erfurt gegen Dresden spielte, dann war Dresden das schlimmste Übel auf Erden. Aber wenn ich dann ein paar Sonntage später durch den Videotext zappte, seufzte ich doch immer ein bisschen, sobald ich sah, dass Dresden schon wieder so tief unten in der Tabelle stand. Manchmal fühlte es sich an, als sei ich eine Art Voodoopuppe für ostdeutschen Fußballschmerz.

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So fühlt es an, wenn man zum dritten Mal in Folge in der Aufstiegsrelegation scheitert. Welches Team diesen traurigen Rekord hält und wer noch Erfahrung darin hat, die 3. Liga zu verpassen, seht Ihr in der Galerie. Zur Galerie
So fühlt es an, wenn man zum dritten Mal in Folge in der Aufstiegsrelegation scheitert. Welches Team diesen traurigen Rekord hält und wer noch Erfahrung darin hat, die 3. Liga zu verpassen, seht Ihr in der Galerie. ©

Ganz anders ging es mir mit dem Westfußball. Ein Westverein konnte mich nie so recht überzeugen, auch wenn der Fußball schön anzusehen war. Ich hatte immer das Gefühl: Die brauchen mich ja eh nicht. Für ihre Fernsehgelder war ich ihnen egal. Ihre Stadien waren modern und gut besucht, auch ohne mich.

Mittlerweile lebe ich in München, genauer: im ehemaligen Arbeiterviertel Giesing, wo der TSV 1860 München beheimatet ist. Und vor einer Weile stellte ich etwas Erstaunliches fest: Nachdem ich ein paar Mal im Stadion war, fühlte ich so etwas wie Sympathie. Woran das liegt? Keine Ahnung. Aber: Auch 1860 München wurde von einem fernen Geldgeber mehr versprochen, als dieser letztlich hielt. Der TSV wirkt neben dem großen FC Bayern immer ein bisschen klein und bedröppelt, aber zugleich auch trotzig und stolz. Vielleicht mag ich den Verein genau deshalb. Weil er so etwas ist wie der Ostclub von München.