11. November 2020 / 10:08 Uhr

RB Leipzig – und dann? Wie der Fußball im Osten Deutschlands immer noch hinterher hinkt

RB Leipzig – und dann? Wie der Fußball im Osten Deutschlands immer noch hinterher hinkt

Eric Zimmer und Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Im Schatten von RB Leipzig: Abgesehen vom Champions-League-Teilnehmer hinkt der Fußball im Osten Deutschlands hinterher.
Im Schatten von RB Leipzig: Abgesehen vom Champions-League-Teilnehmer hinkt der Fußball im Osten Deutschlands hinterher. © imago images/Karina Hessland/Montage
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Auch 30 Jahre nach der Wende scheint die Fußballrepublik weiterhin gespalten, denn die Vereine aus den neuen Bundesländern spielen in den Ligen eine untergeordnete Rolle. Wie ordnet der DFB die Entwicklung ein? Eine Analyse.

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Die Gedenktafel in der Büttnerstraße erinnert noch 120 Jahre später an das historische Ereignis, welches sich am 28. Januar 1900 in der Gaststätte Zum Mariengarten zutrug: 36 Vertreter von 86 Vereinen trafen sich zur Gründungsversammlung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und wählten Ferdinand Hueppe vom DSC Prag zum ersten Präsidenten.

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Natürlich erinnerte sich auch der heutige DFB-Direktor Oliver Bierhoff daran, als er sich nach der Ankunft der Nationalmannschaft im Hotel Westin zur Lage äußerte. „Wir sind immer gern nach Leipzig gekommen, auch wenn wir diese Begegnungen mit den Menschen und die Stimmung aktuell natürlich vermissen werden“, so der ehemalige Sturmtank. „Leipzig ist auch als Gründungsstadt des DFB natürlich ein gutes Pflaster – es war immer ein schöner Aufenthalt hier.“ Reichlich warme und anständige Worte, wie man sie von Bierhoff gewohnt ist.

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Allerdings war es das auch schon. Mit Insiderwissen über den Ostfußball oder gar einer Analyse über den aktuellen Zustand von Magdeburg bis Rostock wusste der DFB-Direktor nicht zu glänzen. Auf SPORTBUZZER-Nachfrage, warum es auch 30 Jahre nach der Wende so eklatante Unterschiede zwischen Fußball im Westen und Osten der Republik gibt, antwortete Bierhoff relativ oberflächlich und machte es sich denkbar einfach: „Mich freut die positive Entwicklung von RB in Leipzig, auch wenn sie von Nostalgikern immer kritisch bewertet wird – aber da ist Unglaubliches geleistet und erreicht worden für den ostdeutschen Fußball."

Bierhoff gibt zu: "Für Ostfußball nicht der absolute Fachmann"

Bierhoff fuhr fort: "Für Vereine wie Hansa Rostock oder Dynamo Dresden ist es sicher nicht einfach, den Sprung zurück nach oben zu schaffen, auch wenn es andere wie Bielefeld mal geschafft haben. Das ist schwer, weil das natürlich nicht die ganz großen Städte sind, die letztendlich den Schritt Richtung 1. Liga machen. Das müsste man vermutlich von Fall zu Fall anschauen“, sagte er und vergaß zu erwähnen, dass mit dem 1. FC Union Berlin einem Klub aus dem Osten im vergangenen Jahr genau dieser Sprung ins Oberhaus gelungen war. Immerhin gab Bierhoff recht offen zu: „Was den ostdeutschen Fußball angeht, bin ich jetzt nicht der absolute Fachmann.“

Ähnliche Worte waren auch von Joachim Löw zu hören. Im SPORTBUZZER-Interview wurde der Bundestrainer ebenfalls auf die Unterschiede zwischen Ost und West angesprochen. Seine Antwort: „Diese Frage detailliert zu beantworten, ist für mich als Bundestrainer nicht einfach. In meiner Funktion spielt die Region, aus der die Spieler kommen, eigentlich keine große Rolle. Im Westen gibt es wohl mehr gewachsene Strukturen; und 30 Jahre klingen zwar lang – sind es aber in Anbetracht der Dinge, die sich nachhaltig verändern und neu wachsen müssen, gar nicht.“ Damit hat Löw vermutlich sogar recht.

Nur wenige DFB-Heimspiele im Osten

Allerdings hätte es der DFB durchaus auch selbst in der Hand, einige Dinge anzupacken oder zu ändern. Ein Beispiel: Nach der Heimweltmeisterschaft 2006 wird die Nationalelf am Ende dieses Jahres 87 Heimspiele absolviert haben – davon gerade mal sieben im Osten des Landes (sechs in Leipzig, eines in Rostock). Das macht einen Anteil von mickrigen 8,05 Prozent. Bierhoffs Hinweis, dass die Stadien heutzutage auch gewisse Uefa-Standards erfüllen müssen, ist sicherlich berechtigt. Allerdings dürfte man zumindest mal hinterfragen, ob beispielsweise die Arenen in Dresden oder Magdeburg nach dem Umbau tatsächlich schlechter ausgestattet sind als die in Mainz, Sinsheim oder Wolfsburg.

Aktuell gibt es mit RB Leipzig und Union Berlin zwei Erstligisten aus dem Osten, Erzgebirge Aue ist der einzig verbliebene Zweitligist. In der 3. Liga tummeln sich dagegen Traditionsklubs wie Hansa Rostock, Dynamo Dresden, der Hallesche FC, der FSV Zwickau und der 1. FC Magdeburg. Für die „Roten Bullen“ gibt es übri­gens auch noch ein Sonderlob des Bundestrainers: „Aus fußballerischer Sicht finde ich es sehr erfreulich, wenn mit RB Leipzig ein Ostklub für Furore sorgt, zuletzt auch international.“ Doch ansonsten gilt auch 2020: Im Osten nichts Neues.