04. Juli 2019 / 07:33 Uhr

Fußball-Philosoph und Rangnick-Mentor Helmut Groß: „Stillstand ist Rückschritt“

Fußball-Philosoph und Rangnick-Mentor Helmut Groß: „Stillstand ist Rückschritt“

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Helmut Groß war über sieben Jahre Berater bei RB Leipzig. Der persönliche Mentor von Ralf Rangnick genießt nun seinen Ruhestand. 
Helmut Groß war über sieben Jahre Berater bei RB Leipzig. Der persönliche Mentor von Ralf Rangnick genießt nun seinen Ruhestand.  © PICTURE POINT
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Der Fußball-Philosoph Helmut Groß (72) spricht im SPORTBUZZER-Interview u.a. über Supersprinter Lukas Klostermann, seinen Freund und  "Schützling" Ralf Rangnick und – na klar – Timo Werner . 

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Geislingen/Leipzig. RB-Nachwuchschef Frieder Schrof, 64, ist in Rente gegangen. Mister RB Leipzig, Ralf Rangnick, 61, bekleidet neuerdings das Amt des Außenminister, ist weg vom Leipziger Tagesgeschäft. Dritter im Bunde der abgängigen Leistungsträger: Helmut Groß. Rangnicks Mentor, väterlicher Freund und enger Berater in allen fußballphilosophischen Fragen genießt seit 1. Juli im heimischen Geislingen seinen Ruhestand. Groß, 72, über seine sieben Jahre bei den Rasenballern, die RB-Vorreiterrolle in der Bundesliga, den prototypischen Lukas Klostermann, die Wege des Timo Werner und Inspiration durch Trainer-Ikonen wie Walerij Lobanowski, Ernst Happel und Arrigo Sacchi.

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Schrof weg, Sie weg, Rangnick irgendwie auch. Da geht eine Menge Knowhow und Führung von Bord der MS Leipzig, Herr Groß.

Man muss sich trotzdem keine Gedanken um RB Leipzig machen. Das Schiff liegt in ruhigem Hafen, die neue Besatzung ist hoch qualifiziert.



RB Leipzig und Red Bull Salzburg haben Ralf Rangnick ...

... viel zu verdanken. Ralf hat viele gute Entscheidungen getroffen, an den richtigen Stellschrauben gedreht, in allen Bereichen gute und lernwillige Leute geholt. Das alles geht nicht verloren. Die Philosophie ist verfestigt in den Köpfen, in der DNA von RB Leipzig.

DURCHKLICKEN: Rangnicks Karriere bei RB Leipzig in Bildern

Ralf Rangnick übernimmt zum zweiten Mal den RB-Trainerposten. Zur Galerie
Ralf Rangnick übernimmt zum zweiten Mal den RB-Trainerposten. ©

Welche Note würden Sie Rangnick für sein Wirken von 2012 bis 2019 geben?

Vielleicht gab es ganz geringe Schwankungen, aber die Gesamtnote kann nur eine eins sein.

Spielphilosophie, Trainingsmethodik, Scouting, Sportmedizin, Trainingszentrum - das Gesamtpaket RB Leipzig ...

... nimmt auf jeden Fall eine Vorreiterrolle in der Bundesliga ein. Dass alles am Laufen gehalten werden muss, ist klar. Vieles verändert sich rasend schnell, da muss man immer online sein, Trends erkennen, Trends setzen, aber nie hinterherhetzen. Stillstand ist Rückschritt.

Sie sehen und sezieren ein Fußballspiel anders als Normalsterbliche. Weshalb ging eigentlich das Pokalfinale verloren, Herr Groß?

Als Emil Forsberg unsere dritte todsichere Chance vergeben hat, wusste ich: heute geht nix mehr, bis dahin war alles möglich. Gegen die Bayern darfst du vielleicht eine Todsichere auslassen, aber keine drei.

Peter Gulacsi hat die Saison seines Lebens gespielt, aber seinen mächtigen Körper vor Lewandowskis Kopfballtor zu sehr auf den linken Bereich seines Tores konzentriert, Herr Groß. Der Ball flog dann ins rechte Eck.

Sein Körperschwerpunkt war für einen kurzen Moment in dieser Szene wie von ihnen beschrieben. Einen Vorwurf würde ich Peter trotzdem nicht machen.

DURCHKLICKEN: Das war RB Leipzigs Saison 2018/19

<b> 06.07.2018: 2. Qualirunde Europa League, RB Leipzig - BK Häcken 4:0. </b> Sie mussten beißen, den ständig insistierenden inneren Schweinehund bekämpfen, ließen viele Körner und viele Liter Flüssigkeit. Und sie belohnten sich. RB Leipzig steht nach einem nie gefährdeten 4:0 (2:0) gegen BK Häcken mit eineinhalb Beinen in der dritten Qualifikationsrunde zur Europa League und werden beim Rückspiel in Schweden das finale halbe Beinchen hinterherziehen. Tore: Bruma (35.), Matheus Cunha (39.), Kevin Kampl (50.) und Jean Kevin Augustin (84.). Stattliche 18126 Fans dürfen sich schon freuen aufs Heimspiel gehen Uni Craiova, das am 9. August in der Red-Bull-Arena steigt. Weniger schön: Stefan Ilsanker sieht gelb-rot, fehlt beim Rückspiel in Häcken. Zur Galerie
06.07.2018: 2. Qualirunde Europa League, RB Leipzig - BK Häcken 4:0. Sie mussten beißen, den ständig insistierenden inneren Schweinehund bekämpfen, ließen viele Körner und viele Liter Flüssigkeit. Und sie belohnten sich. RB Leipzig steht nach einem nie gefährdeten 4:0 (2:0) gegen BK Häcken mit eineinhalb Beinen in der dritten Qualifikationsrunde zur Europa League und werden beim Rückspiel in Schweden das finale halbe Beinchen hinterherziehen. Tore: Bruma (35.), Matheus Cunha (39.), Kevin Kampl (50.) und Jean Kevin Augustin (84.). Stattliche 18126 Fans dürfen sich schon freuen aufs Heimspiel gehen Uni Craiova, das am 9. August in der Red-Bull-Arena steigt. Weniger schön: Stefan Ilsanker sieht gelb-rot, fehlt beim Rückspiel in Häcken. ©

Was war für Sie der emotionalste Moment mit RB Leipzig?

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Als Lotte 2013 in Lotte das 2:0 geschossen hat, saß ich auf der Tribüne und schwitzte. Weniger wegen der Sonne, sondern weil ich Angst hatte, dass das mit dem Aufstieg noch schief gehen könnte und dann das große Ganze in Frage gestellt wird.

Rangnick ruhte in der Pause vor der Verlängerung in sich. Behauptet er heute noch steif und auch fest.

Na dann wollen wir es ihm mal abnehmen. Bei mir und vielen anderen war das fundamental anders. Vor den Aufstiegen in die 2. und 1. Liga waren wir uns alle sicher, dass wir es früher oder später schaffen. In Lotte war plötzlich nichts mehr sicher.

Walerij Lobanowskyj
 darf in seiner Funktion als Trainer von Dynamo Kiew und der sowjetischer Nationalmannschaft als Vater des modernen Spielsystems angesehen werden. Mit seiner Idee der Viererkette und des Gegenpressings beeinflusste er so erfolgreiche Trainer wie Arrigo Sacchi, der Ende der 1980er-Jahre mit dem AC Mailand den europäischen Fußball dominierte. Auch Ralf Rangnick gehörte zu Lobanowskyj
s Bewunderern. 
Walerij Lobanowskyj darf in seiner Funktion als Trainer von Dynamo Kiew und der sowjetischer Nationalmannschaft als Vater des modernen Spielsystems angesehen werden. Mit seiner Idee der Viererkette und des Gegenpressings beeinflusste er so erfolgreiche Trainer wie Arrigo Sacchi, der Ende der 1980er-Jahre mit dem AC Mailand den europäischen Fußball dominierte. Auch Ralf Rangnick gehörte zu Lobanowskyj s Bewunderern.  © Imago

RB steht für eine hoch stehende Abwehr, Balljagd, Überzahl in Ballnähe, blitzschnelles Umschaltspiel. Sie haben diese Zutaten schon Anfang 1980 beim SC Geislingen und später beim VfL Kirchheim gemixt, mit den Kirchheimern 1986 gegen Dynamo Kiew 1:1 gespielt. Auch Ralf Rangnick rief damals bei der kleinen Viktoria aus Backnang eine Fußball-Revolution aus. Meldete Trainer-Legende Walerij Lobanowski nach dem 1:1 gegen ihre Kirchheimer Gesprächsbedarf an?

Nein, Lobanowski redete bekanntlich nie viel. Aber er war sichtlich überrascht, dass eine Amateurmannschaft eine ähnliche Taktik wie seine Weltklasse-Mannschaft spielte. Wir – Ralf Rangnick und ich – haben uns damals von vielen Top-Trainern inspirieren lassen. Ernst Happel hat mit den Holländern 1978 schon mit Vierer-Kette und Abseitsfalle operiert, Arrigo Sacchi hat beim AC Mailand die auch aus unserer Sicht unökonomische Manndeckung abgeschafft und auf Raumdeckung, Pressing und ein 4-4-2-System gesetzt.

Wo ist heutzutage beim Profi-Fußballer mehr Luft nach oben: Körper oder Geist?

Beim Geist, bei den kognitiven Fähigkeiten. Im heutigen Fußball werden zwei Dinge immer mehr beschnitten: Zeit und Raum. Gefragt sind Spieler, die in kürzester Zeit und auf kleinstem Raum schnelle und richtige Entscheidungen treffen. Handlungsschnelligkeit ist das A und O.

Wer bei einer RB-Trainingseinheit zuschaut, braucht viel Liebe zum Detail, um Sinn und Zweck der chaotisch anmutenden „Spielchen“ zu durchschauen.

Ich spreche lieber von kontrolliertem Chaos. Wir übertreiben gewisse Situationen bewusst, treiben sie auf die Spitze, prägen das in den Köpfen der Spieler aus, heben sie so auf ein neues Niveau.

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Tino Vogel trainiert die Roten Bullen in der Saison 2009/10. Zur Galerie
Tino Vogel trainiert die Roten Bullen in der Saison 2009/10. © Getty Images

Ist dann ja wie beim Krafttraining. Der Muskel braucht neue und überraschende Reize, um zu wachsen.

So ist es.

Wer ist der prototypische RB-Fußballer?

Wir haben und hatten viele lernbereite Spieler, Lukas Klostermann ist der Lernbereiteste von allen. Lukas ist keiner mit gottbegnadetem Talent, hat aus seinen Möglichkeiten unglaublich viel herausgeholt. Er ist granatenschnell auf den Beinen, schnell im Kopf, erkennt Situationen, ist taktisch klasse. Ein toller Junge aus einem tollen Elternhaus.

Und er ist von Haus aus Innenverteidiger. Sehen Sie ihn perspektivisch in der von Julian Nagelsmann bevorzugten Dreier-Abwehrkette?

Lukas hat das bei uns ja auch schon gespielt, er kann das. Eine hoch stehende Abwehr mit Dayot Upamecano, Ibrahima Konaté und Lukas Klostermann? Da würde ich es mir als Stürmer überlegen, ob ich ins Sprintduell gehe.

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Apropos Stürmer und Sprintduell: Sie kennen Timo Werner und dessen Umfeld besser als gut. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein? Ist Werner Spielball einer Interessen-Gemengelage um Geld, Liebe, Anerkennung, Deutungshoheit, Spielzeit, RB und Bayern?

Ich bin der festen Überzeugung, dass Timo von keinem gezwungen wird, irgendetwas zu tun oder nicht zu tun. Er entscheidet selbst, was am besten für ihn ist. Sein künftiges Gehalt spielt bei all dem die kleinste Rolle, finanziell ist er sowieso abgesichert. Wichtig ist im Hinblick auf seine Karriere auch in der Nationalmannschaft: er muss spielen. Und das könnte bei den Bayern aktuell schwierig werden.

Wie finden Sie diese Variante: Werner geht in sein letztes Vertragsjahr bei RB, kommt super mit Herrn Nagelsmann klar und verlängert im Herbst oder Winter bis, sagen wir, 2021, 2022 - mit Ausstiegsklausel für ausgewählte Vereine.

Ich halte das nicht für abwegig. Timo kann bei Julian auf jeden Fall dazulernen und könnte dann irgendwann wählen, wo er hingeht.

Das muss dann nicht mehr Bayern München sein.

Stimmt.

Der Hoffenheimer Fußball war unter Julian Nagelsmann immer attraktiv, immer vorwärtsgewandt. Das trockene Brot Abwehrarbeit knabberten sie bei der TSG weniger gerne.

Julian Nagelsmann ist ein Top-Trainer, ein guter und sehr intelligenter Typ. Er passt in die Welt und zu RB. Der Trainer Nagelsmann kann einen Gegner gut lesen, erkennt und nutzt die bespielbaren Räume. Bei einer derart spielstarken Mannschaft wie Hoffenheim und einem freudbetont denkenden Trainer ist es zuweilen schwierig, die Balance zwischen Offensive und Defensive zu halten. Hoffenheim hatte Probleme beim Tore-Verhindern.

Problem erkannt, Problem gebannt?

Davon gehe ich stark aus.