30. Juli 2020 / 09:15 Uhr

Fußball: Traditionelle deutsche Clubnamen im Osten verpönt

Fußball: Traditionelle deutsche Clubnamen im Osten verpönt

Gerald Fritsche
Leipziger Volkszeitung
dresden
Dynamo Dresden trägt seinen Namen seit 1953, als die damalige Dachorganisation nach sowjetischem Vorbild als Sportvereinigung Dynamo benannt wurde. Nach der Wende hieß der Verein vorübergehend 1. FC Dynamo, seit 2007 wieder SG Dynamo.
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Dynamo, Motor, Lok, Traktor: Die Vereinsbezeichnungen aus der DDR leben weiter – und vermitteln ein Stück Eigenständigkeit. Mit der Wende änderten sich die Bezeichnungen der Fußballvereine ziemlich schnell. Nur wenige Vereine behielten diese bei oder kamen zu ihren alten Namen zurück.

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Leipzig. Wessen Geld ich bekomme, dessen Namen trage ich. Was heute, zumindest im deutschen Profifußball, kaum noch möglich ist, war in der DDR gang und gäbe. Traditionelle deutsche Clubnamen wie Borussia oder Eintracht waren verpönt, dafür war ganz leicht zu erkennen, wer der Geldgeber hinter dem Verein war. Nicht nur, dass den Teams vom Träger die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt wurden. Auch die meisten Spieler – offiziell Staatsamateure – waren dort angestellt, ohne den Betrieb oder die Institution jemals von innen gesehen zu haben.

Anders als die Betriebssportgemeinschaften (BSG) wusste man bei den Fußballclubs (FC) nur selten, wer dahinter steht. Klar war es bei den Vereinen der bewaffneten Organe. Die Armeeclubs hießen alle Vorwärts, die Polizei- beziehungsweise Stasi-Vereine Dynamo. Der 1. FC Lok Leipzig gehörte der Deutschen Reichsbahn der DDR, der HFC Chemie der Chemieindustrie. Auch beim FC Carl Zeiss Jena war die Herkunft erkennbar. Dass die Geldgeber des 1. FC Magdeburg und des FC Karl-Marx-Stadt beispielsweise in der Maschinenbaubranche zu suchen waren, ist aber eher unbekannt.

Blick zurück: 1. FC Lok Leipzig - BFC Dynamo

24. März 1979: BFC-Mittelstürmer Hans-Jürgen Riediger (2. v. l.) kommt hier im Leipziger Strafraum an den Ball, vergibt aber diese Chance. Links und rechts die Leipziger Abwehrspieler Frank Baum und Joachim Fritzsche. 3. v. l. Wolf-Rüdiger Netz (BFC). Die Partie endet 0:0. Zur Galerie
24. März 1979: BFC-Mittelstürmer Hans-Jürgen Riediger (2. v. l.) kommt hier im Leipziger Strafraum an den Ball, vergibt aber diese Chance. Links und rechts die Leipziger Abwehrspieler Frank Baum und Joachim Fritzsche. 3. v. l. Wolf-Rüdiger Netz (BFC). Die Partie endet 0:0. © LVZ-Archiv

Die Clubs waren zumeist aus der Vereinigung von Betriebssportgemeinschaften zu Leistungszentren entstanden, um das Niveau des DDR-Fußballs zu heben. Und diese BSG-Vereine brachten auch ihre Trägerbetriebe mit, so wie beispielsweise beim FC Rot-Weiß Erfurt, der aus der Zusammenführung der Fußball-Abteilungen von Turbine Erfurt und Motor Optima Erfurt hervorging.

Kuriose Namen im Repertoire

In den Betriebssportgemeinschaften waren die Namen zumeist klar definiert. Motor stand für den Maschinen- und Fahrzeugbau, Wismut gehörte zum Untertage-Bergbau, Stahl zur Stahlindustrie und Traktor zur Landwirtschaft. Zudem gab es unter anderen noch Rotation für die Druckindustrie, Chemie für die Chemische Industrie oder Turbine für die Energieindustrie.

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Für ein Schmunzeln reicht es heute noch, wenn man die Vereinsbezeichnungen Sachsenring Zwickau oder Robur Zittau hört. Die einen standen für das Trabant-Werk im damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt, die anderen für den gleichnamigen Bus- und Lkw-Hersteller in der Oberlausitz. Einfach nur kurios waren die Vereinsnamen Aktivist Schwarze Pumpe und Rotes Banner Trinwillershagen, die tatsächlich nur den Namen des Werkes beziehungsweise der LPG trugen, die sie finanziell förderten. Die einen nennen sich heute FSV Hoyerswerda, die anderen schlichtweg Rot-Weiß Trinwillershagen.

Zurück zu alten Namen

Mit der Wende verschwand nicht nur die DDR, sondern auch die Vereinsbezeichnungen änderten sich ziemlich schnell. In der letzten Saison des reinen ostdeutschen Fußballs gab es unter den 46 Teams der 1. und 2. Liga mit Aktivist Schwarze Pumpe und Motor Eberswalde nur noch zwei Vereine, die sich ausdrücklich als BSG auswiesen. Alle anderen hatten sich, den Umständen der Wende entsprechend, umbenannt. Zumeist in FC, BSV oder SV. Im Spieljahr 1989/90 waren es noch 29 BSG-Mannschaften gewesen.

DURCHKLICKEN: Ein Blick in die Dynamo-Geschichte

20. September 1967 - erstes Europapokalspiel der SG Dynamo Dresden gegen die Glasgow Rangers. Austragungsort war das Steyer-Stadion. (@ Archiv Dresdner Fußball-Museum) Zur Galerie
20. September 1967 - erstes Europapokalspiel der SG Dynamo Dresden gegen die Glasgow Rangers. Austragungsort war das Steyer-Stadion. (@ Archiv Dresdner Fußball-Museum) ©

Nur wenige Vereine behielten ihre Bezeichnung bei oder kamen – oftmals auf Druck der Fans und Mitglieder – zu ihren alten Namen zurück. So heißt die bekannteste ostdeutsche Frauenfußball-Mannschaft weiter Turbine Potsdam. Dynamo Dresden gibt es auch ohne Unterstützung der Polizei ebenso noch wie den zwischenzeitlich in FC Berlin umbenannten BFC Dynamo, der nun ohne die finanziellen Zuwendungen der Staatssicherheit kickt. Auch Energie Cottbus und der 1. FC Lokomotive Leipzig, der zwischenzeitlich VfB Leipzig hieß, stehen noch oder wieder in den Ergebnislisten und Tabellen.

Die in den westlichen Bundesländern beliebten Vereinsbezeichnungen konnten sich aber nicht durchsetzen. In dieser Beziehung behielt der Osten ein Stück Eigenständigkeit.