08. November 2019 / 16:53 Uhr

Fußball und Grenzöffnung: Aus der DDR nach Göttingen

Fußball und Grenzöffnung: Aus der DDR nach Göttingen

Eduard Warda
Göttinger Tageblatt
Marcel Klos (r.), hier im Trikot der SVG gegen Oldenburg, gehörte zu den ersten DDR-Spielern in Göttingen.
Marcel Klos (r.), hier im Trikot der SVG gegen Oldenburg, gehörte zu den ersten DDR-Spielern in Göttingen. © Vetter
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„Es war viel professioneller“, sagt Karsten Winkel. Der heute 58-Jährige ist einer von mehreren ehemaligen DDR-Spielern, zu denen auch Marcel Klos und Dennis Fuchs gehörten, die nach dem Mauerfall ihr Fußball-Glück in Göttingen suchten. An die Zeit in der Leinestadt denkt Winkel gern zurück.

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Die Öffnung der innerdeutschen Grenze vor 30 Jahren hat nicht nur die Deutschen bewegt, sie hat auch Bewegung in die Fußballszene gebracht: DDR-Stars wechselten in die Bundesliga, ehemalige ostdeutsche Erstligaspieler unterschrieben in Göttingen. Schiedsrichter aus der Region pfiffen in Nordhausen, Ost-Teams liefen beim Göttinger Hallenturnier auf. Wir haben Erinnerungen zusammengetragen.

Der Spieler

Karsten Winkel hatte als Erstligaspieler in der DDR für die Oberligaklubs Stahl Riesa, FC Carl Zeiss Jena und Stahl Brandenburg gespielt. Als die Mauer fiel, stand er beim Zweitligisten BSG Stahl Hennigsdorf bei Berlin unter Vertrag. „Ich habe eigentlich nie Ostfernsehen geschaut, am Abend des 9. November aber schon“, sagt der 58-Jährige. Doch die Nachricht musste erst mal sacken: „Wir haben das gar nicht so realisiert.“

Am nächsten Tag war klar: Die Grenze ist offen. „Im Training haben schon zwei gefehlt“, erinnert sich Winkel. Danach ging es mit vier Mann ab nach West-Berlin – in Winkels Lada, in dessen Genuss damals nicht viele kamen, ein besser gestellter DDR-Fußballer aber schon. „Es gab eine Riesenschlange auf der Autobahn, aber am nächsten Tag zum Punktspiel waren alle wieder da“, so Winkel.

Mannschaftsfoto der SVG Göttingen mit Karsten Winkel (vordere reihe rechts).
Mannschaftsfoto der SVG Göttingen mit Karsten Winkel (vordere reihe rechts). © R
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Kurz danach zog es ihn zurück in die Heimat nach Leinefelde, und was lag näher, als die Fühler in Richtung Westen, nach Göttingen auszustrecken? Winkel hatte vom 1. SC 05 gehört und auch Kontakt mit Trainer Helmut Latermann. Der damalige SVG-Manager Joachim Lüdecke holte ihn schließlich an den Sandweg.

„Es war im Prinzip ähnlich, aber alles professioneller aufgebaut, es wurde ein Riesentheater mit Pressekonferenzen gemacht“, erinnert sich Winkel, der von 1990 bis 1993 bei der SVG spielte. Mit offenen Armen seien er und Kollegen empfangen worden – „ich war ja nicht der einzige Ossi“. So verschlug es unter anderem Marcel Klos, Andreas Riedel, Dennis Fuchs und René Westphal nach Göttingen. Nach vielen Jahren im Hotel Freizeit In ist Winkel heute als Saunameister im städtischen Hallenbad Leinefelde tätig. An die Zeit bei der SVG denkt er gern zurück, dann kramt er alte Bilder hervor. „Die Grenzöffnung“, sagt er, „hätten wir ja alle nicht für möglich gehalten. Das ging so Ruck Zuck.“

Göttingen 05 grüßt alle Sportfreunde aus der DDR!: Grüße an den Fotografen Karlheinz Otto und vielen Dank für das Bild!
"Göttingen 05 grüßt alle Sportfreunde aus der DDR!": Grüße an den Fotografen Karlheinz Otto und vielen Dank für das Bild! © Karlheinz Otto

Der Schiedsrichter

Jürgen Seifert aus Bad Lauterberg war 1990 der erste Schiedsrichter aus dem Fußball-Altkreis Osterode, der als Gastschiri „rübermachte“ – in die DDR nach Nordhausen zum pfeifen. „Ich musste meinen Reisepass mitnehmen, wir wurden kontrolliert“, berichtet der 58-Jährige, der noch jahrelang in Thüringen pfiff und nach wie vor aktiv ist.

Aufgenommen worden seien er und seine Assistenten mit offenen Armen, neben und auch auf dem Platz: „Es war nicht so wie hier, es wurde nicht gemeckert, sondern die Entscheidung wurde akzeptiert.“ Im Anschluss sei das Trio fürstlich bewirtet worden. Seifert musste fahren, aber seine Assistenten hätten tief ins Glas geguckt. „Einer hat die ganze Zeit Witze erzählt. Ich habe ihm gesagt: ,An der Grenze bist du still, sonst kommen wir hier nicht raus!’, aber der machte weiter. Doch die Grenzer haben sich totgelacht.“

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Der Turnierorganisator

Lutz Rennebergorganisierte für die SVG kurz vor Weihnachten 1989 das erste A-Juniorenturnier – heute ist es als Sparkasse & VGH CUP bekannt. Mitten hinein in die Vorbereitung platzte der Mauerfall, und Renneberg konnte den 1. FC Magdeburg und Motor (heute Wacker) Nordhausen verpflichten.

„Göttingen war voll mit DDR-Bürgern und Trabbis, die Betten waren knapp, und das Team von Motor Nordhausen hat auf der Ringermatte der Jahnsporthalle übernachtet“, erinnert sich der Cup-Veranstalter, der damals als Lehrling bei der Sparkasse Göttingen in der Filiale an der Reinhäuser Landstraße, der Haupteinfallsstraße der Trabbis, Begrüßungsgeld auszahlte – und Kaffee ausschenkte. „Das kannten die gar nicht. Es gab berührende Momente.“

Das Turnier, das Nordhausen gewann, hatte ein Nachspiel: Zwei Nordhäuser Akteure seien im Anschluss von ihm und seinem langjährigen Kompagnon Holger Jortzik nach Göttingen gelotst worden, berichtet Renneberg: „Wir haben nachts die Sachen geholt“ – Republikflucht zu Gunsten der SVG.

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