01. April 2021 / 16:03 Uhr

Fußballer, Trainer, Helfer, Vermittler – Mohamed El Khammar ist zufrieden

Fußballer, Trainer, Helfer, Vermittler – Mohamed El Khammar ist zufrieden

Jürgen Hansen
Peiner Allgemeine Zeitung
Der FC Esperance (weiße Trikots) war viele Jahre eine feste Größe im Fußball-Kreis Peine. Die Szene stammt aus einem Kreisliga-Spiel 2004 gegen den TSV Münstedt.
Der FC Esperance (weiße Trikots) war viele Jahre eine feste Größe im Fußball-Kreis Peine. Die Szene stammt aus einem Kreisliga-Spiel 2004 gegen den TSV Münstedt. © OLIVER NEUMANN
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Er gründete einen Fußballverein, die Benefiz-Aktion „Mein Freund ist Ausländer“, kickte unter anderem für Eintracht Braunschweig, den VfB Peine und den TSV Wipshausen und vermittelte Spieler zu Bundesligisten. Der Peiner Mohamed El Khammar sagt: „Ich bin zufrieden mit meinem Leben.“ 

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In Peine und weit über die Grenzen hinaus ist er bekannt wie ein bunter Hund: Mohamed El Khammar hat in Sachen Fußball viel bewegt. So war er selbst beim früher hochklassig angesiedelten VfB Peine aktiv, brachte die Aktion „Mein Freund ist Ausländer“ sowie den Sportverein Esperance Umut Peine auf den Weg und arbeitete zudem als Spielerberater – beziehungsweise Vermittler. Letztgenannter Beschäftigung geht der 70-Jährige heute noch nach.

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Mit dem aktuellen Fußball-Geschehen im Peiner Land hat Khammar nur noch wenig am Hut. „Es gibt bei uns keinen höherklassigen Verein mehr, für den man sich interessieren könnte. Für mich fehlt die Attraktivität.“ Um bei einem Spiel auf der Tribüne dabei zu sein, fährt er hin und wieder ins Stadion des Zweitligisten Eintracht Braunschweig. „Denn mit Eintracht bin ich immer verbunden gelieben. Der Verein war mein erster Anlaufpunkt in Deutschland.“

Mohamed El Khammar mit dem Trikot der tunesischen Nationalmannschaft dem des früheren Bundesliga-Profis Aymen Abdennour.
Mohamed Khammar ©

Bevor es ihn in die hiesige Gegend verschlug, lebte Khammar zusammen mit seinen Eltern und zwölf Geschwistern in der tunesischen Kleinstadt Soliman, machte eine Ausbildung zum Schlosser und spielte beim Zweitligisten Menzel Bourguiba Fußball. Und zwar bis 1969, dann vollzog sich eine einschneidende Änderung, erinnert sich der Peiner. „Seinerzeit absolvierte Eintracht Braunschweig ein Wintertrainingslager in Tunesien und machte ein Freundschaftsspiel gegen meine damalige Mannschaft. Dabei fiel ich den Eintracht-Verantwortlichen positiv auf. Sie leiteten daraufhin meinen Wechsel in die Wege, kümmerten sich ums Visum, eine Unterkunft und Arbeitsstelle.“ In Braunschweig angekommen, trainierte der damals 19-Jährige im Kreise der Profis, konnte sich jedoch nicht durchsetzen. „Denn mein großes Problem beim Fußball war, kaum Deutsch zu verstehen. Ich brauchte lange, um die Sprache zu beherrschen.“

Von der Eintracht zum WSV

So versuchte er einige Monate später sein Glück beim Oberligisten WSV Wolfenbüttel, ehe er im darauffolgenden Sommer durch Beziehungen einen Arbeitsplatz im Peiner Walzwerk ergatterte. „Fußball spielte ich bei Vater Jahn, schoss die erste Saison in der Bezirksklasse gleich 31 Tore“, berichtet Khammar. So dauerte es nicht lange, bis der VfB Peine – seinerzeit in der höchsten niedersächsischen Amateurliga angesiedelt – ihn zum Wechsel überredete. „Nebenbei bekam ich über VfB-Vorstandsmitglied Hans Masanke einen besseren Job im Werk, brauchte keine Schichten mehr zu fahren.“

Doch ähnlich wie bei Eintracht Braunschweig blieb Khammar der Sprung in die erste Herren verwehrt. „Ich wurde von den Trainern immer wieder vertröstet, du bist ein Talent, brauchst noch Zeit.“ Erschwerend für ihn war, dass Peines Mannschaft seinerzeit stark besetzt war, unter anderem standen ehemalige Profis wie Klaus Gerwien, Walter Szarafin oder Wlado Dimitrejevic in den Reihen.

Erst im Sommer 1978 gelang ihm der Durchbruch, unter Spielertrainer Horst „Longo“ Nandelstädt rückte er aus der Zweiten hoch. Doch die VfB-Mannschaft hatte nicht mehr die Klasse vergangener Tage: 1980 folgte der Abstieg in die Landesliga, 1981 ging es noch eine Stufe runter (Bezirksoberliga). Khammar blieb anschließend noch eine Saison bei den Grün-Roten, dann folgte der Wechsel zum damaligen Bezirksklassisten TSV Wipshausen. „Ich wurde Spielertrainer, blieb vier Jahre beim TSV und erlebte dort meine schönste Zeit als Fußballer. Spieler und Vereinsführung gaben mir Vertrauen und immer das Gefühl, der Richtige zu sein.“ Seine Karriere als aktiver Kicker endete nach einem einjährigem Gastspiel bei Anker Gadenstedt im Jahr 1985.

Prioritäten verschoben sich

Nun verschoben sich seine Prioritäten, Khammar gründete den Klub Esperance Umut Peine, bei dem viele Fußballer mit ausländischen Wurzeln eine sportliche Heimat fanden. In den Verein steckte er viel Herzblut und legte, wenn es sein musste, Härte an den Tag. Und zwar immer dann, wenn es einmal Unruhe unter den verschiedenen Kulturen gab und die Streithansel nicht mehr auf den grünen Zweig kamen. „Solche Situationen gab es selten. Aber wenn, dann sagte ich zu den Leuten: ’Wir brauchen euch hier nicht mehr, ihr müsst gehen’.“

Parallel zu seinem Engagement beim Peiner „Multi-Kulti-Verein“, der sich 2009 auflöste, rief der dreifache Familienvater die Aktion „Mein Freund ist Ausländer“ ins Leben. „Ich wollte Menschen helfen, die in Not geraten waren“, erläutert er den Hintergrund zu den von ihm initiierten Fußball-Freundschaftsspielen, bei denen Bundesligisten sich ein Stelldichein in der hiesigen Region gaben. Die dabei erzielten Erlöse gingen an wohltätige Zwecke. Für sein Engagement erhielt der Peiner später vom deutschen Fußball-Bund den Ehrenamts-Preis, wurde Mitglied im „Klub 100“.

Weniger honorig geht es auf dem Feld der Spielerberater – beziehungsweise Vermittler zu. In diesen „Beschäftigungszweig“ rutschte der Tunesier, der zudem seit Jahrzehnten den deutschen Pass besitzt, bereits Ende der 70er. Seitdem bringt er Talente – vornehmlich aus seinem Geburtsland – auf die Bühne des europäischen Profi-Fußballs. Sein „dickster Fisch“ dabei war der tunesische Nationalspieler Aymen Abdennour, der unter anderem in den Reihen von Werder Bremen stand. „Aymen sagte mir einmal: ’Du bist wie ein Vater für mich. Ohne dich würde ich immer noch in Tunesien kicken’“, erklärt Khammar, der sich selbst zugute hält, in einem ruppigen Metier menschlich geblieben zu sein. „Klar habe ich die Sache nicht umsonst gemacht. Aber ich kümmere mich um die Spieler, besorge ihnen Wohnungen und berate sie in allgemeinen Dingen. Die Spieler vertrauen mir, alle sind dankbar.“

Benefizspiel 1997
Benefizspiel 1997 © press.m

Auch heute noch fungiert Khammar als Anlaufstelle für tunesische Fußballer, beziehungsweise er stellt Kontakte für Bundesliga-Vereine wie den VfL Wolfsburg oder den Hamburger SV her, wenn sie ihre Fühler zum afrikanischen Transfermarkt ausstrecken. Die Fußball-Szenerie seiner früheren Heimat behält er im Auge, denn bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie reiste er mehrmals im Jahr hin, um sich ein Bild zu machen.

Treffen mit der Familie

Wichtigster Grund der Reisen sind jedoch die Treffen im familiären Kreis. „Wir verstehen uns unglaublich gut. Wenn ich länger in Peine bin, bekomme ich Sehnsucht nach meinen Geschwistern.“ Auch in Peine nimmt das Zusammensein mit seinen Kindern und deren Anghörigen breiten Raum ein. In sportliche Aktivitäten investiert El Khammar weniger Zeit – zu seinem Leidwesen. „In den vergangenen Jahren ging mein Gewicht um mehrere Kilo nach oben. Ab und zu laufe ich im Herzberg. Aber langsam, und viel zu selten. Doch alles halb so wild. Ich bin zufrieden mit meinem Leben. So war es früher und so ist es auch jetzt.“

Von Jürgen Hansen