07. August 2020 / 08:16 Uhr

Fußballhistorie: Vor 100 Jahren spielte Hakoah Wien in Leipzig und Dresden

Fußballhistorie: Vor 100 Jahren spielte Hakoah Wien in Leipzig und Dresden

Yuval Rubovitch
Leipziger Volkszeitung
Hakoa Wien spielte im Sommer 1920 in Plauen, Zwickau, Chemnitz, Leipzig-Lindenau und Dresden.
Hakoa Wien spielte im Sommer 1920 in Plauen, Zwickau, Chemnitz, Leipzig-Lindenau und Dresden. © Privat
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Im August 1920 hatte der jüdische Verein Hakoah Wien eine Aufsehen erregende Wettkampfreise durch Sachsen und Norddeutschland unternommen. Denn die Fußballer aus der Donaustadt galten als guter Erstligist. Sie traten unter anderem bei der SpVgg Leipzig 1899 an der Demmeringstraße und beim Dresdner SC im Ostragehege an.

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Leipzig. Das Jahr 1919/1920 war eine Wendesaison für die Fußballer der Hakoah Wien: Der jüdische Verein stieg in die erste österreichische Klasse auf und erreichte das Halbfinale im Landespokal, die Mannschaft galt als guter Erstligist. Nicht überraschend daher, dass die Dresdner Sportzeitung „Kampf“ die Mannschaft im Sommer 1920 zu einer Spielreise nach Sachsen und Norddeutschland holte.

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Nach einem 3:2-Sieg über den VFC Plauen vor 3000 Zuschauern und einem 5:0 vor 1000 Zuschauern über eine lokale Auswahlmannschaft in Zwickau am 1. und 3. August kam Hakoah nach Chemnitz. Das Spiel gegen CBC (6000 Zuschauer) wurde beim Stand von 1:2 für Hakoah vorzeitig abgebrochen. Hunderte heimische Fans stürmten den Platz, zum Teil mit Stöcken, um die Wiener anzugreifen. Nur mithilfe eines lokalen Arbeitersportvereins konnten die Hakoah-Spieler die Kabine verlassen und ins Hotel zurückfahren. Zwei Tage später erwartete ihnen das größte Spiel dieser Reise – gegen die Spielvereinigung Leipzig 1899. „Dem Leipziger Sportpublikum steht ein hoher sportlicher Genuß bevor“, versprach der Sport-Sonntag am Tag der Begegnung vor 100 Jahren. Hakoah sei zwar ein Aufsteiger, „inoffiziell war allerdings die Mannschaft (schon) als erstklassig anerkannt“.

Von Anfang an äußerst anständiges Spiel

In Leipzig wurden die Hakoahaner durch die Fußballer des SK Bar Kochba empfangen. Der Sportklub gründete sich feierlich anderthalb Woche später, existierte jedoch seit zwei Monaten schon und war auf dem SpVgg-Sportplatz (dem aktuellen Karl-Enders-Sportpark) an der Demmeringstraße beheimatet; Der Bar-Kochba-Sportplatz in Eutritzsch wurde erst im Oktober 1922 eröffnet.

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An jenem Samstag waren 6000 Zuschauer dabei. „Die Wiener zeigten ein schnelles, einfaches, aber nutzbringendes Zusammenspiel, gepaart mit vorzüglichen Stellungsvermögen“, beschrieb es die Mitteldeutsche Sportzeitung. „Auch die Balltechnik ließ wenig zu wünschen übrig. Die Wiener (waren) immer Bruchteile von Sekunden eher am Ball als die Leipziger“. In der Sport-Sonntag hieß es, dass die Wiener „von Anfang an äußerst anständiges Spiel (zeigten), was wir auch an dieser Stelle besonders betonen möchten, so dass man sich vorläufig nicht erklären kann, warum es in Chemnitz zum Abbruch des Spieles kommen musste“. Das Spiel in Lindenau endete mit 0:2, Isidor Gansl traf doppelt (15. min und 89. min).


Nach dem Spiel feierten beide Mannschaften mit hunderten Gästen einen gemütlichen Abend im Hotel „Deutsches Haus“ am Lindenauer Markt, dem aktuellen „Theater der jungen Welt“. „Wir überraschten die erschienenen Besucher durch einen improvisierten Unterhaltungsabend“, erzählte Jahrzehnte später Egon Pollack, der später auch Trainer von Maccabi Tel-Aviv und der israelischen Nationalmannschaft war. „Unsere Mannschaft hatte eine Menge künstlerischer Begabungen. Norbert Katz war der Pianist, Felix Slutzky ein ausgezeichneter Cellist, Kurt Juhn war überdurchschnittlicher Rezitator, Koby Neumann bewährte sich immer wieder als geistreicher Confrencier und ich – ich war der Klub-Bariton.“

Österreichischer Meister 1925

Ein Tag später spielte Hakoah gegen einen weiteren Topgegner, diesmal in Dresden: Der DSC empfing Hakoah mit 4000 Zuschauern auf dem Ostragehege. Die Wiener siegten erneut souverän mit 5:2.

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Die Reise nach Norddeutschland wurde jedoch zu viel für Hakoah. Nur 17 Spieler fuhren mit nach Deutschland und die Spielbelastung begann seinen Einfluss zu zeigen. In Altona verlor Hakoah 3:1, in Hannover 3:2 (gegen die SpVgg Hannover, dem aktuellen HSC). Zum Spiel in Braunschweig gegen Eintracht wurde nur mit viel Kreativität elf Spieler aufgestellt – Hakoah siegte jedoch 2:3. Die weiteren Spiele in Berlin und auf dem Rückweg in Prag wurden abgesagt; die Hakoahner kehrten nach Wien zurück, um sich zu erholen, denn zehn Tage später begannen sie ihre erste Saison im österreichischen Oberhaus.

1925 wurde Hakoah österreichischer Meister. Bis 1938 spielte die Mannschaft in der ersten und zweiten Klasse. Zur Zeit des Anschlusses Österreichs im März 1938 war Hakoah Tabellenführer der zweiten Klasse – wurde aber unmittelbar danach verboten und aus der Liga gestrichen. Mehrere Mitglieder wurden im Zuge des Holocausts ermordet. Erst nach dem Krieg wurde der Verein neu gegründet.