31. Oktober 2020 / 08:59 Uhr

Fußballmuseum-Chef Neukirchner über Fritz Walter: "Besondere Strahlkraft"

Fußballmuseum-Chef Neukirchner über Fritz Walter: "Besondere Strahlkraft"

Sebastian Harfst
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Manuel Neukirchner ist Leiter des Deutschen Fußballmuseums und spricht über die Werte, die Fritz Walter vermittelt hat.
Manuel Neukirchner ist Leiter des Deutschen Fußballmuseums und spricht über die Werte, die Fritz Walter vermittelt hat. © imago images (Montage)
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Fritz Walter, erster Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft, wird 100 Jahre alt. Der Direktor des Deutschen Fußballmuseums, Manuel Neukirchner, erklärt im Interview, welche Bedeutung der Kapitän der Weltmeister-Mannschaft von 1954 in seiner Zeit hatte und wie sein Vermächtnis bis heute wirkt.

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SPORTBUZZER: Herr Neukirchner, wo sehen Sie Fritz Walter in der Hierarchie des deutschen Fußballs?

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Manuel Neukirchner (53): Er ist nicht umsonst in die Gründungself der Hall of Fame des deutschen Fußballs gewählt worden. Es gab zwei Spieler, die keine Gegenstimme von der Jury bekommen haben: Das waren Fritz Walter und Uwe Seeler. Das zeigt, welchen überragenden Stellenwert Fritz Walter hat. Es gibt zudem kein Spiel in der Geschichte des deutschen Fußballs, das so wichtig ist wie das Wunder von Bern. Und dafür steht er als Kopf. Aber nicht nur deswegen: Ich sehe ihn auch durch seine Art, seine Bescheidenheit, die Fairness, die er auf dem Platz vorgelebt hat, seine Heimatverbundenheit, seine überragende Persönlichkeit ganz vorne. Er ist auch nicht umsonst Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft.

Ganz oben steht also das Wunder von Bern – und dann die anderen Punkte, die Sie aufgezählt haben?

Man kann das nicht voneinander trennen. Sepp Herberger hat ihn auch deswegen zum Spielführer und Kopf dieser Mannschaft gemacht, weil er genau diese sozialen Kompetenzen erfüllt hat. Deswegen hat er die Mannschaft für Herberger führen können. Er ist gemeinsam mit Max Schmeling in seiner Zeit und weit darüber hinaus der populärste Deutsche. Diese Mannschaft wurde von einem unglaublichen Mannschaftsgeist verbunden. Die Kollektivleistung gegen Ungarn war nur möglich, weil in dieser Mannschaft so viel Charakter gesteckt hat – und der größte Charakterkopf war für mich Fritz Walter.

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Man spricht gern von der Elf der Namenlosen, die aus dem kriegszerstörten Deutschland wie aus dem Nichts Weltmeister wurde. Welche Rolle hat Fritz Walter in seiner Zeit gespielt?

Er hatte immer schon eine besondere Strahlkraft. Ganz besonders hat diese sich nach dem Erfolg geäußert. Vorher hatte der Fußball nicht diese enge Verwurzelung in der Gesellschaft. Nach dem Krieg hatten die Menschen erst mal andere Sorgen. Klar, der Fußball war ein wichtiger Hebel für die Menschen, um wieder ins Leben zurückzukommen, aber das erste Spiel mit nationaler Bedeutung war genau dieses Finale. Und mit diesem Fußballspiel hat sich Fritz Walter unsterblich gemacht. Der Publizist Joachim Fest sagte, es gibt drei Gründungsväter der Bundesrepublik: Adenauer politisch, Erhard wirtschaftlich und Fritz Walter mental. Das sagt eigentlich alles. Er hat dieser geschundenen Nation mit diesem Fußballspiel auch ein Stück Lebensfreude und Stolz zurückgebracht hat. Das war aber keine überhebliche Freude, das war eine bescheidene Freude, die die Menschen im Land – auch im Osten übrigens – wieder ein Stück zusammenwachsen ließ. Deutschland war isoliert in der Welt als Kriegstreiber. Und dann kommt dieses Fußballspiel! Daran konnte man sich aufrichten. Fritz Walter ist das Spiegelbild einer Generation, die aus dem Krieg gekommen ist, die unglaublich viel durchgemacht hatte, die sich aber auch nicht unterkriegen ließ, die weitergemacht hat. Deswegen war er wirklich ein Vorbild. Mit seinen besonderen Charaktereigenschaften konnte er das auch sein. Diese Redlichkeit, diese Anständigkeit, diese Treue zu seiner Heimat haben eine unglaubliche Wirkung bei den Menschen erzeugt. Deswegen hatte er in seiner Generation eine herausragende Stellung.

War er ein Botschafter Deutschlands?

Das kann man so sagen. Sepp Herberger hat nichts dem Zufall überlassen und hat Fritz Walter ganz bewusst in diese Rolle gedrängt. Er wusste, dass sie Botschafter Deutschlands waren – das hat er der Mannschaft vor dem Spiel auch ins Stammbuch geschrieben: „Seht zu, dass Ihr euch anständig benehmt. Wir sind ein guter Verlierer.“ Und er wusste, dass sein verlängerter Arm auf dem Feld, Fritz Walter, genau das bei den Spielern hinterlegen kann. Wie er beispielsweise den Pokal entgegengenommen hat: Da steckt sehr viel Demut und nichts Aufgesetztes drin. Die Rolle, Deutschland in dieser schwierigen Zeit zu vertreten, konnte nur Fritz Walter ausfüllen. Er war nicht nur der Kopf in der Mannschaft als Regisseur, er war auch das Gesicht der Mannschaft nach außen.

Woher kam seine Unkorrumpierbarkeit?

Das hat mit seinem Charakter zu tun. Der Fußball der Zeit war auch noch nicht so durchkommerzialisiert, wie wir das heute kennen. Fritz Walter war zudem ein sehr sensibler Spieler. Sepp Herberger hat dazu das wunderbare Bild geprägt, dass Fritz Walter den Weltschmerz nach außen getragen hat. Ob der sich in der heutigen Medienlandschaft so zurechtgefunden hätte und seinen Weg so gegangen wäre, das bezweifle ich. Jede Zeit hat ihre Stars, ihre prägenden Persönlichkeiten – aber dafür muss man auch gemacht sein. Und Fritz Walter hat in seine Zeit optimal gepasst.

Was kann er uns denn heute noch erzählen?

Er war Sinnbild einer Generation, einer Generation, die gezeichnet war vom Krieg und der schwierigen Nachkriegsjahre und die sich trotzdem nicht hat unterkriegen lassen. Dafür steht Fritz Walter, der im Krieg an der Front war, der als Kriegsgefangener nach Sibirien sollte, der über Rumänien verladen worden ist und dort mit sehr viel Glück von einem sowjetischen Offizier als Fußballer entdeckt worden ist und frühzeitig nach Hause geschickt wurde und damit Sibirien noch mal von der Schippe springen konnte. Mit all diesen Erlebnissen hat er den Neuanfang mitgestaltet. Davon kann man auch heute noch lernen. Dazu zeichnet ihn auch heute noch seine Treue aus. Wenn wir uns heute umschauen: Die Transfersummen schießen in die Höhe und sorgen für großes Unverständnis. Er hat damals in einem vergleichbaren Fall gesagt: „Nein, ich gehe nicht nach Madrid!“ Trotz Handgeld, trotz freiem Wohnen, trotz freier Autowahl – das war damals eine Sensation, sowas gab es damals gar nicht. Dennoch hat er seine Werte in den Vordergrund gestellt. Das kann man gar nicht oft genug unterstreichen und als Vorbild in die heutige Zeit transportieren. Diese menschliche Beständigkeit und der feste Wille dienen auch heute noch als Vorbild.

Wie viel Anteil am Mythos Fritz Walter hat die Tatsache, dass so wenig bewegte Bilder von seinen Spielen erhalten sind?

Dass man wenig von ihm sehen kann, lässt den Mythos wachsen. Man kann dennoch sagen, dass Fritz Walter seiner Zeit auch fußballerisch weit voraus war. Sein Radius reichte in beide Spielhälften hinein. Er war damals schon ein sehr dynamischer Mittelfeldspieler, ein typischer Straßenfußballer. Er hat damals schon die schnelle Spielweise späterer Jahre antizipiert. Er war der Prototyp des modernen Fußballers. Der Aktionsbereich zwischen den beiden Strafräumen war außergewöhnlich. Das hat auch Herberger erkannt. Fritz Walter war also – neben all den weichen Faktoren, die ihn abseits des Platzes ausgezeichnet haben – auch ein hervorragender Fußballer. Das wird manchmal vergessen, weil es eben nicht die Zeugnisse im Bewegtbild gibt, sondern seine Leistungen verbal übertragen wurden. Nehmen wir nur sein Jahrhunderttor mit der Hacke in Leipzig. Davon haben wir nur ein Foto. Wenn wir uns vorstellen, wie viel Bildmaterial wir heute davon hätten, um das Ereignis zu beleuchten, dann hätte er auch als Spieler noch einen ganz anderen Ruf. Fritz Walter lebt im kollektiven Gedächtnis als großer Sportsmann, als Kapitän. Doch damit wird man ihm nur zum Teil gerecht, da er als Spieler ähnlich herausragend war wie später nur Franz Beckenbauer und Uwe Seeler.

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Fritz Walter, Toni Turek, Horst Eckel, Helmut Rahn, Ottmar Walter, Werner Liebrich, Josef Posipal, Hans Schäfer, Werner Kohlmeyer, Karl Mai und Max Morlock (von links nach rechts) Zur Galerie
Fritz Walter, Toni Turek, Horst Eckel, Helmut Rahn, Ottmar Walter, Werner Liebrich, Josef Posipal, Hans Schäfer, Werner Kohlmeyer, Karl Mai und Max Morlock (von links nach rechts) ©

Im damaligen WM-System spielte er die Position des linken Halbstürmers. War er nicht eigentlich so etwas wie der erste Zehner?

Das würde ich so sehen, weil er sehr dynamisch gespielt hat. Er hat sich auf keine Seite festlegen lassen. Sepp Herberger hat immer propagiert, dass er kein starres Positionsspiel wollte. Das hatte er sich von Kriegsstrategen wie Clausewitz oder Mao Zedong abgeschaut. Bei Herberger hat es ständige Positionswechsel gegeben. Und so etwas kann man nur mit einem Spieler praktizieren, der mental so beweglich ist wie Fritz Walter, der dann auch den Takt auf dem Platz angegeben hat. Sepp Herberger hat mit dem statischen Positionsspiel gebrochen. Das hat für mich auch den Erfolg von 1954 ausgemacht, weil er so herzerfrischend anders gespielt hat, als man das von einer deutschen Mannschaft erwartet hätte. Herbergers Credo war: Alle Mann in Bewegung. Elf Mann im Angriff, elf Mann in der Verteidigung – das war revolutionär damals.

Auch in der Nationalmannschaft bestand der Kern aus Lauterern. Ist die Mannschaft um Fritz Walter herum gebaut worden?

Ja, diese Mannschaft ist auf Fritz Walter zugeschnitten worden. Und dazu gehört es eben, dass man auch die Heimat abbildet. Er brauchte seine vertraute Umgebung wie die Luft zum Atmen. Das wusste Sepp Herberger. Und deswegen hat er genau so eine Mannschaft gebaut. Mit seinem Bruder Ottmar, mit Horst Eckel, mit Werner Liebrich, um diese Vertrautheit auch auf dem Rasen zu schaffen. Sepp Herberger war der Architekt dieser Mannschaft – Fritz Walter sein Generalunternehmer, der alles auf dem Platz umgesetzt hat.