15. März 2019 / 09:02 Uhr

#GABFAF: Was den Amateurfußball ausmacht – und warum er in Gefahr ist

#GABFAF: Was den Amateurfußball ausmacht – und warum er in Gefahr ist

Thorsten Fuchs
Engagierte Ehrenamtliche wie Stefan Mohr und Jana Schuldig müssen mit vielen Widrigkeiten kämpfen.
Engagierte Ehrenamtliche wie Stefan Mohr und Jana Schuldig müssen mit vielen Widrigkeiten kämpfen.
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Oben, bei den Profis, boomt der Fußball. Unten, bei den Amateuren, steckt er in der Krise. Es fehlt an Nachwuchs und Ehrenamtlichen, und manchmal regnet es in die Umkleide herein. Ein Besuch an der Basis. Die große Reportage zum Start von #GABFAF - dem "Gemeinsamen Aktionsbündnis zur Förderung des Amateurfußballs".

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Hinweis: Diese Reportage ist Teil der Amateurfußball-Initiative #GABFAF. Weitere Informationen dazu auf gabfaf.de.

Es wird nicht mehr lange gutgehen, das ist Rolf Anders klar, wenn er hier oben steht, auf dem Vereinsheim des Fortuna Bösdorf von 1948 e. V. Die Pappe schlägt Blasen, sie löst sich vom Untergrund, ein flaches Dach voller dunkler Beulen. Aber das, sagt Anders, sei ja noch nicht das Schlimmste.

Der 57-Jährige beugt sich hinab, zum Rand des Dachs, wo die Pappe hochsteht und den Weg frei macht für das Wasser. Von hier kann es dann weiterfließen. In den Heizungsraum. Oder in die Gaststube. Wo es dann, wie zuletzt, einfach durch die Decke tropfte, mitten auf die Fliesen.

Immer wenn es wieder irgendwo reinregnet, nimmt Rolf Anders den Kleber und macht die Pappe notdürftig wieder fest. Eine Improvisation, nichts für ewig. Eigentlich bräuchten sie ein neues Dach. „Und da“, sagt er, „kommen wir dann an unsere Grenzen.“

Rolf Anders kontrolliert das Dach auf dem Vereinsheim.
Rolf Anders kontrolliert das Dach auf dem Vereinsheim. © Agnieszka Krus
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"So weit entfernt wie die Sonne vom Mond"

Willkommen also in Bösdorf, Schleswig-Holstein, einer 1350-Einwohner-Gemeinde, nicht weit von Plön. Bösdorf hat 13 Ortsteile, der Fortuna-Fußballplatz liegt mittendrin, an der Straße nach Oberkleveez, zwischen Suhrer See und Feldern. Bis zum großen Fußball ist es von hier aus ziemlich weit, in Kilometern gemessen. 40 bis zu Holstein Kiel, wenn man das inzwischen schon dazuzählt. 100 bis zum Volksparkstadion in Hamburg, das ist dann schon die ganz große Tradition. Auf einer anderen Skala ist Bösdorf jedoch noch viel weiter vom großen Fußball und seinen Repräsentanten entfernt. „Das ist mindestens so weit wie die Sonne vom Mond“, sagt Stephan Mohr, der Fußballobmann von Fortuna Bösdorf. Denn auf dieser Skala ist die Entfernung in den vergangenen Jahren sogar noch gewachsen.

Fußball? Da denken die Menschen an Geld und Korruption

Der Fußball in Deutschland hat ein Problem. Nicht ganz oben, da ist alles bestens, wirtschaftlich jedenfalls. TV-Geld, Werbeeinnahmen, Zuschauerzahlen, der Hochglanzfußball boomt, der WM- und jetzt der Champions-League-Pleite zum Trotz. Am anderen Ende jedoch, ganz unten, haben viele kleine Vereine Schwierigkeiten. Marode Anlagen, wenig Nachwuchs, zu wenige Ehrenamtliche, gerade auf dem Land wird es eng. Wer in Bösdorf und anderswo mit engagierten Vereinsvertretern spricht, der hört viel vom Ärger über die wachsende Kluft zwischen oben und unten, zwischen Amateur- und Profifußball. Manches davon ist eine Frage des Gefühls. Anderes lässt sich in Zahlen messen. Zwischen 2009 und 2017 ist die Zahl der Juniorenmannschaften von 103.000 auf 89.000 gesunken. Inzwischen denken beim Begriff „Fußball“ 78 Prozent der Deutschen an Geld und 50 Prozent an Korruption – vor sieben Jahren waren es noch 71 Prozent (Geld) und 33 Prozent (Korruption).

Das Bild vom Fußball verdüstert sich. Es gibt gerade ein paar Alarmzeichen für den Volkssport. Zu spüren bekommt sie vor allem der kleine Fußball.

Wenn es aber an der Basis bröckelt und wenn man dann bedenkt, dass Timo Werner oder Toni Kroos auch nicht in Leipzig oder Madrid zum ersten Mal spielten, sondern beim TSV Steinhaldenfeld und dem Greifswalder SC: Ist dann nicht der Kern des Fußballs bedroht?

#GABFAF beim SV Fortuna Bösdorf

50 Aktive und ganz viel Tradition

Bösdorf ist Basis, so viel ist sicher. Gut 50 Mitglieder spielen hier Fußball. Erste Herren, zweite Herren, Damen. Es ist ein grauer Tag, nachher trainieren die Frauen, aber noch pflügt nur nebenan ein Bauer sein Feld, die Fußballplätze sind leer, Zeit für einen Rundgang. Vorbei an ihrer Attraktion, der selbstgezimmerten Holztribüne mit sieben Plätzen für die verdienten alten Herren des Vereins, zum Beispiel den Vater von Rolf Anders, der früher Heimwart war wie heute sein Sohn. Dann hinüber zum Vereinsheim mit den Umkleiden, „haben unsere Väter gebaut“, sagt Stephan Mohr. Er und Rolf Anders sind gleich alt, sie haben früher zusammen in der ersten Herren gespielt, Mohr als Libero, Anders als Stürmer, und jetzt kümmern sie sich um den Fußball hier, nur nicht mehr in Stollenschuhen.

Vereinspräsident Stefan Mohr (links) und Heimwart Rolf Anders kümmern sich um die Ehrentribüne. Zur Galerie
Vereinspräsident Stefan Mohr (links) und Heimwart Rolf Anders kümmern sich um die Ehrentribüne. ©

Abstieg? "Wir sind zusammengeblieben"

Es geht bei ihrer Fortuna viel um Tradition, aber auch um Ehrgeiz in der Gegenwart, sie sind ja kein Museum. 2014 ist die Herrenmannschaft in die Verbandsliga aufgestiegen, der wohl größte von vielen Erfolgen des Vereins. Sie spielten gegen viel größere Vereine aus Kiel oder Eckernförde, und die Presse kam zu ihren Spielen, wegen ihrer niedlichen Tribüne und weil sie es als Kleine überhaupt so weit geschafft hatten. „Am Ende haben wir kein Spiel gewonnen“, sagt Mohr. Aber es gibt etwas, das ihm, dem ehemaligen Berufssoldaten, fast noch wichtiger war. „Es sind alle zusammengeblieben, auch nach dem Abstieg.“ Es ist nicht falsch, Stephan Mohr einen Fußballromantiker zu nennen. Jemanden, dem Werte genauso wichtig sind wie Ergebnisse.

Nur können sie sich von den Werten eben auch nichts kaufen. Keine neue Jugendmannschaft, die sie seit 2017 nicht mehr haben, weil es zuletzt nicht mal mehr für eine Spielgemeinschaft reichte. Und auch nicht für die Schiedsrichterkosten, die Verbandsabgaben oder die neue Warmwasseranlage, die sie irgendwann brauchten. Fortuna hat Sponsoren, und die Gemeinde mäht ihren Rasen. „Wir drehen schon jeden Euro dreimal um“, sagt Mohr.

Aber ihr undichtes Dach macht sie ratlos. Beim Blick auf den großen Fußball und den Deutschen Fußball-Bund, auf goldene Steaks und Berichte über dubiose Beraterverträge, steigert sich die Ratlosigkeit rasch zum Ärger. Wie alle Vereine erhält auch Fortuna Bösdorf kein Geld direkt vom DFB. „Der Amateurfußball hat einen hohen Stellenwert wie nie“, beteuerte Reinhard Grindel, der DFB-Präsident, beim Amateurfußball-Kongress in Kassel. Es sind Sätze, mit denen sie sich in Bösdorf schwertun. „Auf der ganz untersten Ebene kommt einfach nichts an“, sagt Rolf Anders.

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Die Bösdorfer sind mit ihrer Kritik nicht allein. Die Initiative Rettet die Amateurvereine, gegründet vom Ex-Präsidenten der Spielvereinigung Unterhaching Engelbert Kupka, wirft dem Verband vor, die Basis zu vernachlässigen. „Der Fußball läuft Gefahr, von Gier zerfressen zu werden“, schreibt Kupka.

Grindel: Amateure sollen selbst Antworten suchen

Es sind Sätze, die sie beim DFB als ungerecht empfinden. Es gibt einen „Masterplan“ zur Unterstützung des Amateurfußballs, in Kassel hat Grindel Bürokratieabbau versprochen und auf bestehende Fördermöglichkeiten verwiesen. Vor allem aber spielte er in seiner Rede den Ball auch ganz gepflegt wieder in die Hälfte der Amateurvereine zurück. Diese müssten sich schon „mehr mit ihrer eigenen Lage beschäftigen und nach eigenen Antworten suchen, bevor sie nach Unterstützung vom Kreis oder Landesverband rufen“, sagte Grindel da. Mit selbst schuld könnte man das übersetzen.

Das Fußballvolk und seine Herrscher, sie haben es gerade nicht sehr harmonisch miteinander.

Es fehlt an allem. An Ehrenamtlern zum Beispiel.

Tatsächlich, sagen Sportsoziologen, haben die Probleme des Amateurfußballs vor allem viel mit Gründen zu tun, für die beide nichts können. Da ist die Abwanderung vom Land in die Städte. Die Konkurrenz durch E-Sports, ein anderes Wort für Videospiele, Bouldern oder Fitnessstudios. Die fehlenden Plätze in den Städten. Die zunehmende Arbeitsbelastung, die wenig Raum für ehrenamtliches Engagement lässt. Dabei sind sich alle einig, dass es gerade an ihnen am meisten hängt, wie sich ein Verein entwickelt. An denen, die sich voll und ganz für einen Verein engagieren, ohne zu fragen, was sie zurückbekommen. An Menschen wie Jana Schuldig, zum Beispiel.

In ihrem Büro im Vereinsheim meldet Jana Schuldig einen neuen Spieler an.
In ihrem Büro im Vereinsheim meldet Jana Schuldig einen neuen Spieler an. © Agnieszka Krus

Die Sportanlage des Oranienburger FC nördlich von Berlin an einem Donnerstagnachmittag. Wem die eher kleingewachsene Frau mit den kurzen dunklen Haaren, in Jeans und Trainingsjacke, zunächst das Gebäude zeigt, der hört gleich mehrmals den Satz, das sei ihr Reich. Zunächst dann, wenn man am Jugendbüro vorbeikommt. Dann an der Tür zu dem Raum mit den drei Waschmaschinen. Und wenn man mit ihr an den Plätzen vorbeigeht, auf denen an diesem Tag die F-Jugend-Jungs zwischen kleinen rot-weißen Hütchen das Passen üben, dann spricht sie ständig jemand an. Das Vorstandsmitglied, das ihr wegen des Dixieklos am Wochenende etwas zuruft. Der Trainer, der wissen will, wie weit der Pass von Spieler xy ist.

Einsatztage: Eigentlich immer

An der Tür zum Jugendbüro steht „Mittwoch 17 bis 19 Uhr“. Aber das ist eher symbolisch gemeint. „Im Grunde“, sagt sie, „bin ich jeden Tag hier.“

Jana Schuldig, 59 Jahre alt, im Hauptberuf angestellt beim Tiefbauamt der Stadt, hat beim Oranienburger FC mehrere Aufgaben. Sie ist Betreuerin der ersten Herren-Mannschaft. Außerdem ist sie Jugendwartin. Und dann ist sie noch etwas, für das es keine offizielle Bezeichnung gibt. „Die Seele des Vereins“, so nennt sie André Fiedler, Vorstand beim OFC.

#GABFAF beim Oranienburger FC

Dabei hat Jana Schuldig nie selbst Fußball gespielt. Ihr Sport war Reiten. Aber der Mann, den sie 1979 kennenlernte und heiraten wollte, war Fußballer. So kam sie zum Verein, „der Liebe wegen“. Vor zwölf Jahren wurde sie Betreuerin der zweiten Herren, später der ersten. Seitdem bereitet sie ihre legendären Obstteller zu, wäscht, erledigt das Bürokratische, ist lange vor und lange nach den Spielen da. Vor anderthalb Jahren, als es niemand anderen gab, wurde sie dann auch Jugendleiterin. Sie kümmert sich um Pässe, um Aufnahmen, um alles, was Eltern oder die jungen Spieler kümmert.

Ob es auch ohne sie geht? Und ob es für sie auch ohne den Verein geht? Letzten Sommer hat sie mal eine Woche Urlaub gemacht, an der Ostsee. „Ich habe mal vorsichtshalber meinen Laptop mitgenommen.“ Sie hat ihn auch benutzt, natürlich.

Verein und Familie, kaum zu unterscheiden

Für ihr Engagement hat Jana Schuldig mal eine Ehrennadel bekommen. Von wem, das weiß sie schon nicht mehr so genau. Aber darum geht es ihr auch nicht. „Es ist so eine nette Gemeinschaft hier“, sagt sie. Die Menschen liegen ihr am Herzen. Und dann sind da ja auch noch drei ihrer vier Söhne, die als Jugendtrainer beim OFC sind. Und die drei Enkel, die im Verein spielen. Was Verein ist und was Familie, das lässt sich bei Jana Schuldig gar nicht so genau unterscheiden.

Jana Schuldig wäscht die Trikots der Herrenmannschaft. Zur Galerie
Jana Schuldig wäscht die Trikots der Herrenmannschaft. ©

Was sich aus ihrem Beispiel lernen lässt? Dass man sich vielleicht nicht auf die Liebe verlassen kann. Sondern dass es Programme braucht, Anerkennung, Werbung, von Ehrenamtskarten bis zu zusätzlichen Rentenpunkten, so weit reichen die Ideen, um Menschen für solche Posten zu gewinnen.

Derweil geht auf dem Trainingsplatz in Bösdorf langsam das Flutlicht an, es ist Abend, die Frauen kommen zum Training. Es ist kaum über null Grad, es regnet heftig, im Licht verwischen die Tropfen zu langen Fäden. Stephan Mohr sieht vom Rand aus zu, „ginge es um Punkte, müssten sie ja auch spielen“, sagt er. Widrige Bedingungen, soll das heißen, sind kein Grund, einfach aufzuhören. Sie werden weiterspielen, das ist für ihn gar keine Frage.

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