07. April 2019 / 11:27 Uhr

#GABFAF-Porträt: Dieser Platzwart lebt für den kleinen Fußball

#GABFAF-Porträt: Dieser Platzwart lebt für den kleinen Fußball

Sebastian Rosenkötter
Lübecker Nachrichten
Seit 45 Jahren ist Erwin Möbus beim SV Heringsdorf aktiv, kümmert sich auch um den Rasen. Die Fußballer wissen das zu schätzen und bedanken sich bei mir, sagt er.
Seit 45 Jahren ist Erwin Möbus beim SV Heringsdorf aktiv, kümmert sich auch um den Rasen. "Die Fußballer wissen das zu schätzen und bedanken sich bei mir", sagt er. © Ulf-Kersten Neelsen
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Erwin Möbus ist Platzwart beim SV Heringsdorf in Schleswig-Holstein, verkauft Würstchen, fährt Spieler zum Training und zu Spielen. Ehrenamtler wie der 78-Jährige sind für den Amateur-Fußball kaum zu ersetzen.

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Dieses Porträt ist Teil der Amateurfußball-Initiative #GABFAF. Weitere Informationen dazu auf gabfaf.de.

Gänseblümchen. Klein, zierlich schön. Erwin Möbus denkt an Pflanzengift. „Die müssen weg. Wo die wachsen, da wächst kein Gras mehr“, sagt der Platzwart vom SV Heringsdorf. Das 108 mal 74 Meter lange Fußballfeld soll vernünftig aussehen. In wenigen Tagen steht das nächste Heimspiel an. Drei Punkte müssen her.

Acht Ligen trennen die Ostholsteiner Kicker von der Bundesliga. Wer in der Kreisklasse A Tore schießt, bekommt weder Millionen noch Live-Bilder im TV. Dafür gibt’s eine ordentliche Bratwurst für zwei Euro. Der Eintritt zu den Spielen kostet für Männer zwei, für Frauen und Rentner 1,50 Euro. Was es mit dem Unterschied auf sich hat, weiß Erwin Möbus nicht. „Die Karten macht ein Kollege. Ich schaffe ja nicht alles“, sagt der 78-Jährige.

Erwin Möbus engagiert sich als Platzwart beim SV Heringsdorf. Ein Foto-Besuch:

Erwin Möbus auf seinem Platz. Zur Galerie
Erwin Möbus auf "seinem" Platz. ©
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Der fliegende Torwart

Erwin Möbus und der Amateurfußball sind seit Jahrzehnten unzertrennlich. Geboren wurde er im polnischen Danzig. Der Vater blieb im Krieg. Die Mutter flüchtete mit den drei Kindern nach Schleswig-Holstein und starb wenige Jahre später. „Ich war mit zwölf Vollwaise und bin beim Bauern groß geworden“, sagt Möbus. Er wurde Melker und ging nebenbei zum SV Hansühn. „Mit Hängen und Würgen habe ich es zum Sport geschafft. Oft habe ich den Ball gegen die Hauswand geschossen und bin dann gehechtet. Ich war fliegender Torwart.“ Später spielte er als Rechtsaußen, verarbeitete die Vorlagen seines Bruders zu Toren.

1974 folgte der Wechsel zum SV Heringsdorf. Erwin Möbus hatte im wenige Kilometer entfernten Örtchen Fargemiel ein Haus gebaut. Sein Gehalt verdiente der Vater zweier Töchter und eines Sohns mit Treckerfahren und später in einer Meierei im nicht weit entfernten Nachbarort Grube. „Ich habe Milchpulver gemacht und weiter Fußball gespielt“, erinnert er sich. Und als der VfB Lübeck noch in der Zweiten Liga spielte, fuhr er regelmäßig mit seinem Motorrad in die Hansestadt. „Die Holztribüne ist meine. Wenn die in der 3. Liga spielen, bin ich wieder dabei.“ Ansonsten halte er auch zum HSV.

Das sagt der Verband

Kampf gegen Laub und Maulwürfe

Seine eigene aktive Zeit liege mittlerweile 14 Jahre zurück. „Man baut ja langsam ab“, sagt er. Wer Erwin Möbus kennt, wird das kaum glauben können. Beinahe täglich ist er auf den zwei Plätzen des SV Heringsdorf unterwegs. An Spieltagen hängt er die Netze auf. „Die muss ich abnehmen. Sonst werden die durchgeschnitten. Den Kram habe ich gehabt. Damit bin ich durch“, sagt Möbus.

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An anderen Tagen harkt er Laub, wässert den Rasen, ärgert sich über Maulwürfe, zieht die weißen Linien des Fußballfeldes nach und sitzt auf dem Traktor. „Mähen, schleppen, walzen – damit die Fläche schön glatt ist. Die Fußballer wissen das zu schätzen und bedanken sich bei mir“, sagt Erwin Möbus. Um sich die Arbeit beim Heckenschneiden rund um das Sportgelände zu erleichtern, hat er sich vor Kurzem eine Akkuschere besorgt. „Das ist angenehmer. Ich habe Probleme mit dem Ischiasnerv“, erklärt er.

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Fast jeder im Dorf und alle im Verein kennen den Ehrenamtler mit der blauen Trainingsjacke und dem Logo des 1948 gegründeten Vereins. Heringsdorfs Bürgermeister Udo Scholz (CDU) „hatte ihn gerade erst auf meiner Matte stehen“. Scholz erzählt: „Erwin hat Mutterboden und Sand bestellt, damit er den alten Sportplatz aufmöbeln kann.“

Über die Frage, was er von Erwin Möbus hält, muss er nicht lange nachdenken: „Ich denke mal, so Leute wie Erwin bräuchten wir mehr. Er pflegt die Plätze akribisch. Dass man über so lange Jahre diese Aufgabe wahrnimmt, und das bis ins hohe Alter, ist toll.“ Solche treuen Seelen seien nicht mit Geld zu bezahlen.

Das #GABFAF-Manifest

Das Grundgesetz der Initiative: Im Manifest könnt Ihr nachlesen, wofür #GABFAF sich einsetzt. Direkt hier in der Galerie! Zur Galerie
Das "Grundgesetz" der Initiative: Im Manifest könnt Ihr nachlesen, wofür #GABFAF sich einsetzt. Direkt hier in der Galerie! © #GABFAF

Ähnlich äußert sich Karsten Jark. Der Vorsitzende vom SV Heringsdorf bezeichnet Möbus als gute Seele des Vereins, der immer bereit sei zu helfen, wenn jemand gebraucht werde. „Er wäre für uns sehr sehr schwer zu ersetzen. Es hängt immer von einigen wenigen ab, die viel machen, er gehört zu diesen Personen“, betont Jark. Einer alleine könne das aber nicht schaffen.

Vorbild bei der Integration

Fußballvereine wie der SV Heringsdorf haben gerade in kleineren Orten eine besondere Bedeutung. Sie sind wichtig für den sozialen Zusammenhalt. „Es geht um das Dorfleben“, sagt Erwin Möbus. Karsten Jark ergänzt, dass es sonst nur noch den Angelverein und die Freiwillige Feuerwehr gebe. Dennoch ist das Vereinsleben auch eine Art Überlebenskampf. Die Zahl der Mitglieder (Fußballer, Bogenschützen, Seniorenturnen) liegt aktuell bei etwa 150. Vor wenigen Jahren war es ein Drittel weniger. Dann kamen die Flüchtlinge. 2015 begann die eine Trendwende. Der SV Heringsdorf stieg in die Integrationsarbeit ein.

Erwin Möbus war natürlich mit von der Partie. „Wenn es notwendig ist, hole ich die Jungs ab, fahre sie zum Training und zu den Spielen – auch auswärts.“ Die Flüchtlinge seien sehr wichtig für den Verein. „Ich komme gut mit denen klar. Wenn Erwin etwas sagt, parieren die“, sagt Möbus und lächelt. Er freut sich, dass es für den SV Heringsdorf aufwärtsgeht und es eine A-Jugendmannschaft gibt. Ohnehin sei der Amateur-Fußball nicht wegzudenken.

Erwin Möbus ist der Platzwart des SV Heringsdorf. Die Tornetze in Vereinsfarben räumt er nach jedem Spiel weg. „Die muss ich abnehmen. Sonst werden die durchgeschnitten. Den Kram habe ich gehabt. Damit bin ich durch.“
Erwin Möbus ist der Platzwart des SV Heringsdorf. Die Tornetze in Vereinsfarben räumt er nach jedem Spiel weg. „Die muss ich abnehmen. Sonst werden die durchgeschnitten. Den Kram habe ich gehabt. Damit bin ich durch.“ © Ulf-Kersten Neelsen

„Ohne den geht es doch nicht. Da sieht man die Talente“, sagt Erwin Möbus. Er selbst fiebere an Spieltagen mit, schreie auch mal vor Freude, wenn ein Tor fällt. „Der SV Heringsdorf ist meine Heimat. Ich hänge da mit drin“, sagt er, während es in seinen Augen feucht schimmert. Möbus legt Wert darauf, dass er bislang mit jedem Trainer gut ausgekommen sei und ihn die Spieler und die anderen Mitglieder stets per Handschlag grüßen würden.

Kunstrasenplatz könnte Zukunft sichern

Doch wie geht es weiter für den Verein im Ostholsteiner Norden? Während im 1995 errichteten Sportlerheim Pokale und Wimpel von Gästen wie dem TSV Schlutup von 1907 und dem F. C. Dänschendorf an Vergangenes erinnern, plant der Vorsitzende Karsten Jark die Zukunft. Er spricht von Ideen, das zweite Fußballfeld und den in die Jahre gekommenen Kabinentrakt zu verlagern. „Wir müssen auf Sicht konkurrenzfähig sein und entsprechende Kabinen und Trainingsflächen haben, sonst blutet der Verein aus – und die Leute wechseln woanders hin.“

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Sollte es wirklich zu einer Erneuerung von Teilen der Anlage kommen, wäre es eineWin-win-Situation. Die Gemeinde hätte einen Bauplatz, der SV Heringsdorf könnte einen Kunstrasenplatz bekommen. Aber: „Es muss alles finanzierbar sein. Kabinentrakt und Platz liegen bei 450.000 Euro. Das kriegt eine Gemeinde wie Heringsdorf, die uns stets unterstützt, nicht gestemmt. Wir brauchen Fördertöpfe.“

Erwin Möbus ist bei jedem Heimspiel dabei und versorgt die Zuschauer mit frischen Bratwürsten. Wer eine haben will, zahlt zwei Euro. 
Erwin Möbus ist bei jedem Heimspiel dabei und versorgt die Zuschauer mit frischen Bratwürsten. Wer eine haben will, zahlt zwei Euro.  © Agentur 54°

Bloß nicht absteigen

Erwin Möbus indes hat vor allem einen Wunsch. „Dass wir nicht absteigen. Gerade erst hat sich unser Torwart ein Bein gebrochen“, sagt er. Umso wichtiger sei es, einen guten Fußballplatz vorzuhalten und Gänseblümchen zu vertreiben.

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