31. Juli 2020 / 10:07 Uhr

"Ohne Zuschüsse überleben wir nicht": Bult-Chef Gregor Baum im XXL-Interview

"Ohne Zuschüsse überleben wir nicht": Bult-Chef Gregor Baum im XXL-Interview

Simon Lange
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Gregor Baum blickt mit Sorge auf die hochdefizitären Renntage auf der Neuen Bult.
Gregor Baum blickt mit Sorge auf die hochdefizitären Renntage auf der Neuen Bult. © Florian Petrow
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Gregor Baum hält beim Hannoverschen Rennverein die Zügel in der Hand. Mit Geisterrenntagen hat die Galopprennbahn Neue Bult die ersten Corona-Monate überstanden. Im Interview spricht der Bult-Chef über Perspektiven, staatliche Hilfen und warum Zuschauer auf der Anlage so wichtig sind.

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Herr Baum, Sie haben mehrfach betont, dass es ab September möglich sein muss, zumindest Sponsoren mit ihren Gästen auf die Rennbahn zu lassen, sonst würde die Saison existenzbedrohend werden.

Generell ist die Lage für alle Veranstalter existenzbedrohend. Wenn der Galoppsport keine Zuschauer und keine Sponsoren zulassen kann oder auch gar keine Sponsoren mehr zur Verfügung stehen, dann ist der Rennsport nicht aufrechtzuerhalten. Aber das Problem haben wir ja nicht exklusiv. Das ist überall genauso, im Handball, im Basketball, im Eishockey. Außer beim Profifußball vielleicht, wo es noch TV-Gelder gibt.

Die Veranstaltungen sind einfach nicht kostendeckend …

Genau. In der Anfangsphase ging das noch, weil die Buchmacher sich solidarisch bereit erklärt haben, alle Internetwetten in den Totalisator auf die Rennbahn zu vermitteln und auf ihre Provision zu verzichten. In der aktuellen Phase nehmen sie eine verringerte Provision und vermitteln die Wetten weiter nur an uns. Das hilft uns. Trotzdem sind die Renntage hochdefizitär.

Wie viel generiert ein Rennverein aus den Umsätzen eines Renntages?

Vom Totalisator-Umsatz ungefähr, je nach Wettart, zwischen 12 und 33 Prozent. Sagen wir, im Schnitt 20 Prozent. Das ist das Geld, was nicht an die Wetter ausgeschüttet wird. Davon könnte der Rennverein seine Kosten bezahlen. Bei beispielsweise 250 000 Euro Umsatz hätten wir also 50 000 Euro. Jetzt geht aber noch die Provision ab vom Umsatz. Die lag bislang grob bei 11 Prozent. Momentan liegt sie bei etwa 8 Prozent. Demnach gehen 20 000 Euro ab.

Also bleiben von den 50 000 nur 30 000 Euro übrig. Damit kann man den Renntag nicht bezahlen. Wir können das Minus noch etwas mindern, weil wir von unserem Dachverband Zu­schüs­se bekommen, quasi die letzten Reserven. Aber: Ein Renntag ist nicht kostendeckend, wenn es keinen Sponsor oder Mäzen gibt …

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So einen wie Sie. Sie sind schon oft genug eingesprungen, um ein Jahresminus auszugleichen. Müssen Sie Ende 2020 wieder einspringen, um den Verein zu retten?

Aktuell ist der Verein in keiner Insolvenzgefahr. Wir machen uns Gedanken, wie der Sport überhaupt weiterbestehen kann unter den aktuellen Voraussetzungen. Wir wissen nicht, ob die Besitzer durchhalten. Auch für die müssen wir die Spanne zwischen den gleichbleibenden Kosten und den deutlich verringerten Einnahmen gering halten. Ebenfalls für die Trainer und Angestellten. Für alle mache ich mir große Sorgen.

Wie groß ist die Hoffnung, dass ab September wieder Sponsoren auf die Rennbahn dürfen?

Im Moment dürfen laut der aktuellen niedersächsischen Verordnung maximal 500 Menschen zu Sportveranstaltungen im Freien. Da warten wir jetzt ab, was die neue Verordnung sagt, die dann ab September Gültigkeit hat. Dann wissen wir, ob und wie viele Leute wir auf die Bahn bringen dürfen.

Mehr als 1000 werden es bestimmt nicht sein …

Wir gehen davon aus, dass wir kleine Gruppen auf die Rennbahn lassen können. Wir haben ja aktuell Besitzer und Rennvereinsmitglieder dabei. Das wollen wir auf Sponsoren ausweiten. Wenn wir denn welche haben.

Gibt es welche?

Es gibt positive Anzeichen. Wir fangen gerade an, Ge­sprä­che zu führen.

Bilder von der Zucht- und Leistungsprüfungen der Galopper auf der Neuen Bult in Langenhagen (7. Juni)

Impressionen der Zucht- und Leistungsprüfungen der Galopper auf der Neuen Bult in Langenhagen. Zur Galerie
Impressionen der Zucht- und Leistungsprüfungen der Galopper auf der Neuen Bult in Langenhagen. ©

Die Rennsaison in Langenhagen wird Ende Oktober also ohne große Zuschauermengen zu Ende gehen …

Davon gehen wir aus. Aber wenn es doch möglich sein sollte, sind wir bereit zu reagieren. Wir können die Menschen ja gut verteilen.

Wenn es eine Sportart gibt, die geeignet ist, in Corona-Zeiten größere Zuschauermengen zuzulassen, dann doch der Galopprennsport, weil die Rennbahnareale so riesig sind und die Besucher genügend Platz hätten. Da müsste doch eine Sondergenehmigung möglich sein?

Wir nehmen die Corona-Pandemie alle sehr ernst. Eine Rennbahn war und ist zwar bislang ein sehr sicherer Ort. Natürlich können wir auf unserer Anlage sehr viele Menschen gut verteilen. Aber ich möchte keine Sonderregelungen haben für den Hannoverschen Rennverein. Wir wollen keine Extrawurst. Das finde ich nicht angemessen. Wir haben uns bisher sehr gut aufgehoben und beraten gefühlt von den für uns zuständigen Gesundheitsbehörden der Region Hannover. Das soll so bleiben.

Fordern Sie trotzdem Unterstützung der Kommunen und des Landes?

Wir hoffen auf finanzielle Unterstützung. Natürlich brauchen wir als Sportverein Zuschüsse. Sonst werden wir nicht überleben können. Es gibt ja Töpfe für Vereine. Da versuchen wir, Zuschüsse zu bekommen. Ob uns das gelingt, weiß ich nicht. Ohne Förderung von Landesebene oder kommunaler Ebene wird es schwer werden.

Bilder vom Galopp-Renntag auf der Neuen Bult in Langenhagen (1. Mai 2019)

GOP Varieté-Theater Cup Zur Galerie
GOP Varieté-Theater Cup ©

Mit der Ausrichtung der ersten Geisterrenntage und den hochwertigen Internet- und TV-Übertragungen der Rennen entstand in der Turfszene eine Aufbruchstimmung. Wie würden Sie die aktuelle Lage beschreiben?

Die erste Zeit war von einer großen Solidarität innerhalb der Rennsportgemeinschaft geprägt. Aber es muss jetzt irgendwann weiter aufwärtsgehen. Man muss die Rennpreise anheben, man muss Zuschauer zulassen können und Sponsoren bewirten dürfen. So eine Regelung, wie wir sie jetzt haben, können wir nicht dauerhaft durchstehen. Für ein paar Monate geht das. Aber wir müssen jetzt neue Antworten finden.

Vor drei Jahren haben Sie angedeutet, ihre vor 15 Jahren übernommene und 2020 offiziell endende Rennvereinspräsidentschaft nicht zwingend in einer weiteren Periode verlängern zu müssen. Corona lässt Sie die Entscheidung sicher überdenken?

Ich werde mich nicht aus der Verantwortung stehlen. Ich werde weiter versuchen, den 153 Jahre alten Rennverein bestehen zu lassen.

Sie sind ja nicht nur HRV-Chef, sondern hauptberuflich als Unternehmer sehr breit aufgestellt. In der Gastronomie, Hotellerie und in der Baubranche. Wie sehr hat Ihnen die Corona-Krise zugesetzt, und wie gehen Sie persönlich damit um?

Das ist natürlich branchenunterschiedlich. In der Projektentwicklung laufen die Baustellen weiter. Da habe ich die geringsten Einschränkungen. Wo es dramatisch ist, ist natürlich in der Gas­tronomie und in der Hotellerie. Das sind schon herausfordernde Zeiten für Unternehmer.

… die Ihnen aber nicht über den Kopf wachsen?

Im Gegenteil. Es war eher eine ruhige Zeit. Aber schwierig. Dennoch: Es geht weiter. Und ein positiver Randaspekt: Ich habe meine Familie mehr gesehen.