04. Dezember 2021 / 12:37 Uhr

Game over! Die Zeit von Jesse Marsch bei RB Leipzig läuft ab

Game over! Die Zeit von Jesse Marsch bei RB Leipzig läuft ab

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Trainer Jesse Marsch steht bei RB Leipzig vor dem Aus.
Trainer Jesse Marsch steht bei RB Leipzig vor dem Aus. © IMAGO/Jan Huebner (Montage)
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Nach dem 1:2 von RB Leipzig beim 1. FC Union Berlin neigt sich die Geduld der Verantwortlichen mit Trainer Jesse Marsch dem Ende. Das der US-Amerikaner und/oder sein Co-Trainer Achim Beierlorzer in der Champions League gegen Manchester City noch an der Seitenlinie stehen, gilt nach LVZ-Informationen als ausgeschlossen.

Leipzig. RB-Boss Oliver Mintzlaff war nach dem 1:2 bei wahrlich nicht übermächtigen Unionern auf 180, nannte die Darbietung der Roten Bullen in der Alten Försterei am DAZN-Mikro „katastrophal“ und „desolat“. Abgesehen davon, dass die Seinen in dieser so wechselhaft verlaufenden Saison noch schlechtere Partien in den Skat/Rasen gedrückt haben (z.B beim 0:2 in Hoffenheim), stand für den 46-Jährigen schon im Berliner Schneetreiben am späten Freitagabend fest: „Wir werden jetzt auch nicht den Kopf in den Sand stecken und irgendwie warten, bis Weihnachten ist und hoffen, dass es im neuen Jahr dann wieder besser wird. Es geht natürlich darum, dass wir daraus die richtigen Schlüsse ziehen.“ Mintzlaff und Co. steckten noch in der Nacht die Köpfe zusammen, setzten die Krisengespräche am Sonnabend telefonisch fort. Ein „Weiter so“ wird es nach unseren Informationen nicht geben, eine Trennung vom Trainer-Duo Jesse Marsch/Achim Beierlorzer wird sich kurzfristig vollziehen. Dass die beiden Fußball-Lehrer beim Champions-League-Spiel gegen Manchester City (Dienstag, 18.45 Uhr) auf der Bank sitzen werden, ist ausgeschlossen.

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Sportliches Vakuum durch fehlenden Sportdirektor

Die Nachfolge-Frage ist nicht geklärt, eine ordnungsgemäße und leidlich geplante Übergabe der Geschäfte lässt das ultrahocherhitzte Business selten bis nie zu. Die Namen der üblichen Verdächtigen kursieren. Edin Terzic, Domenico Tedesco, Roger Schmidt oder auch Zsolt Löw. Im oberen Fach befindet sich der Trainer von Ajax Amsterdam, Erik ten Hag. Leider Gottes beißen sich in diesen Tagen und Wochen des Niedergangs die Begrifflichkeiten „RB“ und „oberes Fach“. Außerdem ist es mit einem neuen Trainer allein nicht getan. Oliver Mintzlaff muss zwingend das Vakuum Sportdirektor füllen. Jesse Marsch musste sich ohne einen starken und respektierten Sportchef seine nicht nachwachsenden Hörner abstoßen, hatte keinen, der ihm zur Seite steht, von Irrwegen abhält, sich vor der Kamera gerade macht.

JETZT Durchklicken: Die Bilder zur 1:2-Niederlage der Roten Bullen!

Erneuter Offenbahrungseid von RB Leipzig: Die Messestädter unterlagen nach erneut schwacher Vorstellung beim 1. FC Union Berlin mit 1:2. Zur Galerie
Erneuter Offenbahrungseid von RB Leipzig: Die Messestädter unterlagen nach erneut schwacher Vorstellung beim 1. FC Union Berlin mit 1:2. ©

Der akute Handlungsbedarf hat natürlich auch mit drei Bundesliga-Niederlagen in Folge und dem Sturz auf Platz elf zu tun. Vor allem aber mit der Art und Weise, wie RB in dieser Saison des allgemeinen Rückschritts Fußball gespielt hat. Die Aggregatzustände himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt wechselten einander von Spieltag zu Spieltag und zuweilen von Halbzeit zu Halbzeit ab. Die anfängliche Euphorie über die von Jesse Marsch propagierte Rückkehr zur Red-Bull-DNA der wilden Balljagd wich schnell der Erkenntnis, dass diverse RB-Profis das Vorhaben weder umsetzen wollen noch können. 28-Millionen-Euro-Neuzugang André Silva ist ein Mann der finalen Handlung, aber nicht gut zu Fuß, passt zur Balljagd und zu schnellem Spiel in die Spitze wie Andreas Scheuer in ein Bundesministerium. Entweder man ist schwanger oder nicht schwanger: Der zwischenzeitlich als Weg ins Glück gefeierte halbgewalkte Mix aus Ballbesitz und Balljagd funktionierte mal gut (in Brügge), mal gar nicht (Hoffenheim, Leverkusen, Union). Die allgemeine Verunsicherung lag auch am Umstand, dass verdiente Routiniers wie Kevin Kampl, Emil Forsberg oder auch Yussuf Poulsen in einer Woche als unverzichtbar und super gefeiert wurden und ein paar Tage später auf der Bank saßen. Eine weitere von vielen Baustellen war/ist die Nibelungentreue zum stolzen, aber augenfällig unfitten Spanier Angelino, der seit Monaten nur ein Schatten seiner selbst ist, permanent überlaufen wird und rustikalen Zweikämpfen aus dem Weg geht.


Marsch scheitert an eigener Philosophie

Leadership: Marschs Vorstellung vom Führen einer Mannschaft fußt auf der (irrigen) Annahme, dass seine Fußballer schrecklich gern Verantwortung übernehmen, Missstände auf dem Platz und außerhalb erkennen und sofort und selbstlos zur Lösung beitragen. Hört sich gut an, funktioniert aber nicht. Fußballer haben in den allermeisten Fällen keinen Rund- und Draufblick, selten eine sozialistische Ader, sind sich selbst am nächsten. Ausnahmen wie Marcel Sabitzer bestätigen diese Regel. Dass RB ohne Not den Wachrüttler und Vorangeher zu den Bayern gelassen und damit einen zentralen hierarchischen Baustein entfernt hat, gehört zu den strategischen Fehleinschätzungen in den heiligen Hallen der Roten Bullen.

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Wie auch die Abnabelung von Ralf Rangnick. Der Kerze, die an beiden Enden und in der Mitte brannte, wurde am Cottaweg das Licht ausgeblasen. Rangnick war ein steter und durchaus nervtötender Antreiber, schrieb morgens um sechs die erste und nachts um 24 Uhr die letzte Mail mit Anweisungen, Nörgeleien, Feststellungen. Rangnicks Mantra: Für jeden Job - Trainer, Spieler, Videoanalysten, Masseure, Physios, Busfahrer et cetera - den/die möglichst Beste(n). Die Roten Bullen müssen sich die Frage gefallen lassen, ob es die brottrockene, harte, aber zielführende Herangehensweise in die Nach-Rangnick-Ära geschafft hat oder nicht.

Kardinalfehler: Abgang von Julian Nagelsmann nach München

Und da wäre ja noch Julian Nagelsmann. Wenn wahr ist, dass RB dem gottbegnadeten Trainer den roten Teppich gen München ausgebreitet hat, stimmt nicht nur im Staate Dänemark so einiges nicht. Wenn wahr ist, dass sich Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz am Nagelsmannschen Sendungsbewusstsein und dessen Klamotten gestoßen und deshalb ja zu einem Bayern-Wechsel gesagt hat, fällt man vom Glauben ab.

RB Leipzig muss dringend über die Bücher, sich neu (zurück)erfinden. Und schnell mal rüber nach Hamburg schauen. Dort hat sich ein berühmter und einstmals erfolgreicher Fußball-Verein mit viel Hingabe ins eigene Knie geschossen.