07. August 2020 / 10:55 Uhr

Vom Kunsttorschützen zum Aussortierten bei Real Madrid: Der tiefe Fall des Gareth Bale 

Vom Kunsttorschützen zum Aussortierten bei Real Madrid: Der tiefe Fall des Gareth Bale 

Jan Jüttner
Ein Bild vergangener Tage: Gareth Bale bejubelt seinen Treffer im Champions-League-Finale 2018 - aktuell sorgt er mit Mätzchen auf der Bank für Aufsehen. 
Ein Bild vergangener Tage: Gareth Bale bejubelt seinen Treffer im Champions-League-Finale 2018 - aktuell sorgt er mit Mätzchen auf der Bank für Aufsehen.  © imago/Montage
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Gareth Bale ist einer der besten Fußballer des vergangenen Jahrzehnts. Doch im Alter von nur 31 Jahren sitzt er trotz mangelnder Einsatzzeiten seinen Vertrag bei Top-Klub Real Madrid aus, anstatt eine neue Herausforderung zu suchen. Im Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen ManCity steht er nicht einmal mehr im Kader der Königlichen. 

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Es läuft die 64. Minute im Olympiastadion im Kiew. Der brasilianische Außenverteidiger Marcelo setzt sich auf der linken Seite geschickt durch und flankt in den Strafraum. Was dann passiert, ist schlicht Weltklasse: Gareth Bale setzt zum Fallrückzieher an und versenkt den Ball unhaltbar links oben im Kasten von Liverpool-Keeper Loris Karius. Danach folgt schier grenzenlose Jubel, auch der sonst eher egozentrische Cristiano Ronaldo freut sich etwas ungläubig mit seinem Mitspieler. Der phänomenale Treffer von Bale bedeutet gleichzeitig die Führung zum 2:1 für Real Madrid, dabei steht der Waliser erst seit drei Minuten auf dem Platz. Später legt er noch das 3:1 unter Mithilfe von Karius nach und sorgt im Mai 2018 für den dritten Champions-League-Titel in Serie. Bale hat geliefert, er wird abgefeiert, er steht in den Geschichtsbüchern.

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Zidane verrät: Bale will gegen den FC Chelsea nicht spielen

Rund zwei Jahre später ist von Jubel und Anerkennung gar nichts mehr geblieben. Der inzwischen 31-Jährige räckelte sich vor ein paar Wochen beim Spiel seiner Madrillenen gegen Deportivo Alaves auf der Ersatzbank, zog sich für wenige Sekunden sogar seinen Mund- und Nasenschutz über die Augen - so als würde er ein Nickerchen halten wollen. Provokation pur. Zwar war er bereits 2018 kein unumstrittener Stammspieler mehr bei den Königlichen - doch er versprühte immer noch einen gewissen Esprit. Doch auch dieses Etwas ging spätestens in dieser Spielzeit verloren - ausgerechnet der Meistersaison Reals. In der Liga kam der Offensivmann nur auf mickrige 16 Einsätze, in denen ihm gerade einmal zwei Tore gelangen. Seine Kollegen waren dafür verantwortlich, dass der Titel am Ende nach Madrid ging. Der Waliser hat dazu nur wenig beigetragen, in den letzten sieben Ligaspielen durfte er unter Coach Zinedine Zidane keine einzige Minute ran.

Und auch am Freitagabend, wenn Real im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen Manchester City (20.45 Uhr, so kannst du es sehen) um das Weiterkommen kämpft, wird ihm nur die Zuschauerrolle bleiben. Denn Zidane berief ihn nicht einmal in den Kader - laut Aussage des Trainers wollte Bale selber nicht spielen. Das Verhalten des Walisers ist ein deutliches Signal: Zidane und Bale - das passt einfach nicht. Und die Lustlosigkeit des Walisers, die passt Zidane erst recht nicht.

Bale: "Ich habe ein schlichtes Leben und bin sehr glücklich"

"Ich liebe meine Familie und Golf. Das ist, was mich glücklich macht. Ich habe ein schlichtes Leben und bin sehr glücklich, dass es schlicht ist", sagte Bale einst angesprochen auf seine Bankrolle bei Real. Und er hat gut Reden, schließlich läuft sein fürstlich dotierter Vertrag noch bis 2022. Er soll pro Jahr knapp 15 Millionen Euro einstreichen, dafür leistet er aktuell recht wenig. Trainer Zidane weiß auch deshalb nicht viel mit dem "Null-Bock-Profi" anzufangen. Real überwies 2013 einst 100 Millionen Euro für den späteren viermaligen Champions-League-Sieger an Tottenham Hotspur. Vor dem Kauf von Eden Hazard (rund 101 Millionen Euro) im Jahr 2019 war er der teuerste Einkauf, den Madrid jemals tätigte.

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Ein Wechsel scheint angesichts der ausweglosen Situation bei den Königlichen eigentlich unvermeidlich, doch Bale denkt nicht dran. "Gareth geht es gut, er hat noch zwei Jahre Vertrag. Er lebt gerne in Madrid und wird nirgendwo hingehen", sagte Bales Berater Jonathan Barnett der BBC. Im Alter von 31 will er also seinen Vertrag aussitzen, anstatt woanders noch einmal seine unbestritten großen Fähigkeiten einzusetzen. Zum Vergleich: Cristiano Ronaldo ist 35 und spielt bei Juventus Turin noch immer die Gegner schwindelig. 30 Tore gelangen ihm in der laufenden Saison bisher. Ein Wert von dem Bale nur träumen kann - wenn er denn überhaupt will.

Kroos über Bale: "Situation für alle unbefriedigend"

Bales Lage bei Real bleibt natürlich auch seinen Mitspielern nicht verborgen. "Dass die Situation für alle unbefriedigend ist, da muss man nicht drum herum reden. Er ist mit Sicherheit nicht geholt worden, um so wenig zu spielen, wie er es aktuell tut", sagte der deutsche Mittelfeldstar Toni Kroos im Podcast "Lauschangriff" über seinen Mitspieler. Ein Grund für die akute Unlust von Bale könnte sein geplatzter Wechsel ins Reich der Mitte sein, so wird jedenfalls spekuliert. Im Sommer 2019 schienen die Modalitäten für einen Wechsel zum Erstligisten Jiangsu Suning bereits geklärt, doch der Wechsel scheiterte Medienberichten zufolge aufgrund der hohen Ablöseforderung der Spanier.

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Fernab von Wechseln entstand der Eindruck, dass Bale nur dann richtig leidenschaftlich spielt, wenn er für die "Dragons", "seine" walisische Nationalmannschaft spielt. Der Kapitän ist Anführer und zugleich absoluter Leistungsträger bei dem Team, das vor allem über die Physis und die Leidenschaft kommt. Jene Leidenschaft legt er vor allem zu Beginn seiner großen Karriere an den Tag. Über den FC Southampton erfolgte 2007 sein Wechsel zu den Spurs. Beim Klub aus London spielte er zu Beginn vorzugsweise als Linksverteidiger und brachte die Gegner mit seiner Schnelligkeit zur Verzweiflung. Der 1,85m große Modellathlet war nur schwer zu stoppen, als er sich über die Flügel durchtankte, Tore vorbereitete und sie auch gern selbst erzielte. Nach und nach zog es ihn immer weiter in die Offensive - dort wo er am besten aufgehoben ist.

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Bei den Spurs reifte er zum Star und machte sich einen Namen als Kicker der Extraklasse. Mit seinem Wechsel nach Madrid im Jahr 2013 stieg er zu den ganz großen auf. Seine Statistik liest sich eindrucksvoll. 251 Spiele für Madrid, 105 Tore, 68 Vorlagen. Doch diese Leistung lässt er durch sein aktuelles Verhalten in den Hintergrund treten. Aktuell gibt er den Fans nicht viele Gründe, um weiter auf ihn zu zählen. Dabei liegt es an ihm selbst: Will er seine große Karriere wirklich auf der Bank beenden oder sich noch einmal beweisen? Dafür müsste er jedoch die Madrillenen verlassen. Interesse soll es aus der Premier League geben - nun muss der Waliser selbst entscheiden, wie er den Herbst seiner Karriere bestreiten will.

Die Frage lautet: Geld oder Ehre?