11. November 2020 / 09:54 Uhr

Gegen Diskriminierung im Fußball: Leipziger Initiative erhält Sächsischen Förderpreis für Demokratie

Gegen Diskriminierung im Fußball: Leipziger Initiative erhält Sächsischen Förderpreis für Demokratie

Britt Schlehahn
Leipziger Volkszeitung
IVF Leipzig Mitglieder
Die IVF Leipzig ist seit zehn Jahren in der Antidiskriminierungsarbeit im Fußball aktiv. © IFV
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Die Leipziger Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport Fußball (IVF Leipzig) ist für ihr Engagement gegen Rassismus und Sexismus geehrt worden. Im SPORTBUZZER-Interview spricht IVF-Mitglied Stephan Schneider über die Initiative, die Veränderungen im Breitensport und die Vorbildrolle des Profifußballs.

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Leipzig. Der Sächsische Förderpreis für Demokratie geht in diesem Jahr nach Leipzig. Die Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport Fußball (IVF Leipzig) erhielt am Dienstagabend die von der Amadeu Antonio Stiftung vergebene Ehrung. 50 Bewerbungen waren im Vorfeld eingegangen, sechs Initiativen und Kommunen nominiert. Dabei geht es um Projekte, die für das Leben und Alltagserleben von Minderheiten sensibilisieren und damit dazu beitragen, dass Diskriminierung ein Stück abgebaut werden kann. Aufgrund der Corona-Pandemie gab es in diesem Jahr erstmals keine "echte" Preisübergabe, sondern einen digitalen Festakt.

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SPORTBUZZER: Seit wann gibt es die Initiative?

Stephan Schneider: Die Initiative gibt es seit zehn Jahren. Sie wurde von Aktiven des Vereins Roter Stern Leipzig 99 e.V. gegründet. Das erste große Projekt war die Erstellung der Ausstellung "Strafraum Sachsen" 2011. Sie beschäftigte sich mit Diskriminierung im Fußball und hatte als Fokus die Aufklärung über die Neonazistrukturen im sächsischen Breitensport-Fußball. Heute liegt der Schwerpunkt der Initiative in der Zusammenarbeit mit Fußballvereinen zu den Themen Antidiskriminierung und Diversität. Hier bieten wir zum Beispiel diverse Workshops an, die an die Erfahrungen und die Fußball-Lebenswelt der Teilnehmenden anknüpft.

Was hat sich seitdem im Breitensport Fußball verändert und was nicht?

Diese Frage ist schwer und für uns nur auf den sächsischen Breitensport Fußball zu beantworten, da wir aktuell hauptsächlich mit den Spieler*innen und Aktiven von Breitensportvereinen in Sachsen zusammenarbeiten. Hier stellen wir fest, dass die Vereine sich langsam ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusster werden und häufiger bereit sind, über eine offenere und vielfältigere Vereinskultur zu reden. Aber diese Entwicklung findet sehr schleppend statt.

Die Verbandsstrukturen sind sehr statisch und verändern sich nur langsam. Nach wie vor gibt es in vielen Verbänden und Vereinen wenig Bewusstsein für die Verantwortung, neben dem Sport auch gezielt positive Werte zu vermitteln, die zu einer Sensibilität gegenüber Vorurteilen und ihren Folgen beitragen. Dabei ist gerade der Fußball durch seine mit-prägenden Prinzipien Rivalität und Abgrenzung in besonderer Weise anfällig für Ausgrenzung.

Der Breitensport Fußball öffnet sich auch immer mehr für Frauen und Mädchen. Nur müsste gerade in Sachsen in diesem Bereich noch viel mehr getan werden. Bundesweit sind nur 15 Prozent der Mitglieder in Fußballvereinen Frauen oder Mädchen, in Sachsen sind es sogar nur neun Prozent. Es fällt außerdem auf, dass die Sensibilisierung für rassistische Diskriminierung im Fußball weitaus höher ist als diejenige für sexistische Diskriminierungsformen. Dies hat einen einfachen Grund: Sexistische Beleidigungen, Abwertungen und Übergriffe werden im stark männlich geprägten europäischen Fußball in der Regel gar nicht als solche wahrgenommen und deshalb auch nicht problematisiert. Hier gibt es viel zu tun.

Wie wird das Projekt "Ein Verein für Alle" aufgenommen?

Mit dem Projekt "Ein Verein für Alle" streben wir eine langfristige und verbindliche Zusammenarbeit mit sächsischen Fußballvereinen bezüglich Prävention und Sensibilisierung im Bereich Diskriminierung an. Unterschiedliche Altersstufen und Aktive in den Vereinen sollen in einen nachhaltigen Prozess der Stärkung einer Vereinskultur der Gleichberechtigung und Diversität eingebunden werden.

Trotz "Corona-Times" und den zahlreichen Einschränkungen für die Vereine wurde und wird das Projekt sehr gut aufgenommen. Wir arbeiten aktuell mit vier großen Fußballvereinen zusammen, darunter die BSG Chemie Leipzig und Kickers 94 Markkleeberg, und sind vollauf zufrieden. Wir sind noch mit weiteren Vereinen in Gesprächen und immer offen für sächsische Fußballvereine, die mit uns kooperieren wollen.

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Gibt es "sächsische" Probleme im Fußball?

Der Fußballsport ist Teil der Gesellschaft und deshalb spiegeln sich die politischen und sozialen Entwicklungen auch im Fußball wider, sei es in den Fankurven der Stadien oder auf dem Platz eines Kreisligavereins. Somit sind die "sächsischen" Probleme im Fußball unserer Ansicht nach die selben Probleme die in der ganzen sächsischen Gesellschaft zu beobachten sind. Eine demokratische Zivilgesellschaft ist hier sehr wenig ausgeprägt.

Dies hat viele Ursachen, eine entscheidende liegt im kontinuierlichen Ignorieren und auch Behindern dieser demokratischen Initiativen durch die sächsische CDU seit 1990. Gleichzeitig wurden und werden nationalistische, völkische, rassistische und ausgrenzende Weltbilder von der Mehrheit der sächsischen Politik verharmlost, toleriert oder sogar selbst vertreten. Diese Akzeptanz stärkt natürlich die extrem rechten Positionen in Sachsen nachhaltig. Die Korrektive fehlen somit auch im sächsischen Fußball. Auch hier sind die Verbandsstrukturen sehr konservativ. Eine Folge davon ist, dass präventive und nachhaltige Angebote im Bereich Antidiskriminierung im Fußball nur marginal vorhanden sind.

Leistet der Profifußball eine Vorbildrolle, oder was läuft da noch schief, um als Vorbild anerkannt zu werden?

In gewisser Weise leistet der Profifußball eine Vorbildrolle. Es gibt schöne große Kampagnen gegen Rassismus und Ausgrenzung vom Fußballweltverband FIFA bis zum Deutschen Fußballbund (DFB). Immer mehr Profi-Spieler*innen positionieren sich für eine diverse Fußballkultur. Es gibt Projekte des DFB und der Deutschen Fußball-Liga die sich mit der Thematik befassen. Leider kommt davon - gerade finanziell - im Breitensport-Fußball, in den Vereinen der unteren Ligen, wenig bis gar nichts an. Der Fokus liegt viel zu sehr auf dem finanzstarken Profibereich. Wo der Profifußball leider nicht vorbildhaft ist, ist in der fehlenden Gleichbehandlung des Männer- und des Frauenfußballs.