21. Februar 2021 / 21:04 Uhr

Gegentorlos Richtung Königsklasse: Warum Wolfsburgs Bollwerk keine Mauer ist

Gegentorlos Richtung Königsklasse: Warum Wolfsburgs Bollwerk keine Mauer ist

Andreas Pahlmann und Engelbert Hensel
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Glasner und seine Gegentorverhinderer: Der VfL Wolfsburg hat den Vorsprung auf Platz fünf ausgebaut.
Glasner und seine Gegentorverhinderer: Der VfL Wolfsburg hat den Vorsprung auf Platz fünf ausgebaut. © 2021 Getty Images
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Der VfL Wolfsburg ist in sieben Spielen nacheinander ohne Gegentor geblieben. Dabei mauert er nicht - sondern macht eher das Gegenteil. Und kommt damit der Champions League immer näher.

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666 Pflichtspielminuten ohne Gegentor - der VfL ist das Bollwerk der Fußball-Bundesliga. In sechs Spielen nacheinander und einer Pokal-Partie zwischendurch hielten die Wolfsburger jetzt den Kasten sauber. Diese Serie ist die Grundlage für die sportlich glänzende Situation: Durch das 3:0 am Freitagabend bei Arminia Bielefeld ist der VfL wieder Dritter (punktgleich mit Frankfurt) - und durch das 1:1 von Bayer Leverkusen am Sonntag ist der Vorsprung auf Nicht-Champions-League-Platz fünf auf fünf Zähler angewachsen.

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Der VfL ist so gut, weil er hinten stabil ist - aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn das Wolfsburger Bollwerk ist alles andere als eine Mauer. Denn während Mauern statisch und unbeweglich sind, liegt das Wolfsburger Defensivgeheimnis eher im Gegenteil. Der VfL bewegt sich viel und schnell - und ist darum so wahnsinnig schwer zu bespielen.

Trainer Oliver Glasner lobte am Wochenende nicht zum ersten Mal, dass seine Spieler "unglaublich viel investieren", gerade auch, wenn der Gegner den Ball hat. "Und das beginnt immer vorn, wir lassen den Gegner kaum mit Ruhe in unseren gefährlichen Zonen spielen." Das Geheimnis dahinter: viel laufen, schnell laufen, richtig laufen. Keine andere Bundesliga-Mannschaft hat in dieser Saison so viele Sprints und so viele intensive Läufe absolviert wie der VfL! Und so prallen die Wolfsburger Gegner nicht an einer Abwehrmauer ab - sondern werden oft schon wirksam gestört, bevor sie die Abwehrlinie des VfL erreichen können.

5561 Mal sind VfL-Spieler in dieser Saison gesprintet - das ist Platz eins in der Liga vor Bayern (5428), Stuttgart (5376) und Augsburg (5316), dazu kommen 17.035 sogenannte "intensive Läufe" (schnelle Antritte unterhalb der Maximalgeschwindigkeit), auch hier sind die Wolfsburger vor Mainz (16578) und Leverkusen (16574) Erster. "Es geht darum, auch mal einen Laufweg für den Mitspieler zu machen", sagt Renato Steffen, Doppeltorschütze beim Sieg in Bielefeld.


Baku und Weghorst: Fleißge Sprinter

Wenn's darum geht, den Gegner zu nerven, sind zwei VfLer besonders fix: Ridle Baku und Wout Weghorst. Baku ist der Sprint-König der Liga (703 Maximal-Läufe), Weghorst liegt hier auf Platz sechs (600). Bei den intensiven Läufen bilden die beiden Wolfsburger gar das Top-Duo, Baku (1867) führt vor Weghorst (1770).

Mit dieser Laufbereitschaft ist der VfL in der Lage, Glasners Idee vom frühen Angreifen des Gegners immer wieder umzusetzen. "So, wie wie wir die Jungs vorn lenken", erklärt der Trainer, "wie wir die Abstände immer wieder verringern, sind wir sicher auf sehr hohem Niveau." Das gelte es "beizubehalten, dann nichts geht von selbst". Was dazu kommt: Wenn man den Gegner durch frühen Druck zu langen Bällen zwingt, müssen auch die verteidigt werden. "Tiefe sichern", nennt Glasner das - eine Aufgabe, die hauptsächlich vom Manndecker-Due Maxence Laroix und John Anthony Brooks bewältigt werden muss. "Und das machen wir richtig gut." Was auch Bielefelds Coach Uwe Neuhaus am Freitagabend mit Respekt anerkannte: "Wolfsburg hat zwei Klötze hinten drin, die alles wegräumen."

Taktgeber Arnold und Mähdrescher Schlager

An der Nahtstelle zwischen Ball erobern und Ball besitzen agieren derweil Maximilian Arnold und Xaver Schlager seit Wochen auf hohem Niveau. Der eine - Arnold - als Taktgeber, der andere als zweikampfstarker Balleroberer, "der mit der Kraft eines rollenden Mähdreschers" (Süddeutsche.de) Räume und Spieloptionen des Gegners frisst. Und so entsteht eine Defensiv-Disziplin am Rande der Perfektion, auch wenn Trainer das Wort tunlichst meiden.„Auf einem sehr hohen Niveau", sei da alles, sagt Glasner lieber und erinnert daran, dass das "nicht selbstverständlich ist" und immer wieder erarbeitet werden müsse. "Ich habe mal mit einem Trainer gesprochen, der viel erfahrener ist", erzählt Glasner. "Da haben wir gesagt: Wir Trainer suchen immer nach dem perfekten Spiel, aber das gibt es eigentlich zum Glück nicht, denn irgend etwas finden wir immer, wo wir uns verbessern können."

Die Lust, daran weiterzuarbeiten, macht den VfL zu einem Spitzenteam. Oder? Glasner: "Was die Leistungen der vergangenen Wochen angeht, was die Ergebnisse angeht, dürfen wir uns als Spitzenteam bezeichnen." Aber am Samstag steht das Spiel gegen Hertha an, das wieder ganz eigene Herausforderungen bringt. "Alles, was in der Vergangenheit war, zählt in der Zukunft wenig", formuliert es Glasner etwas philosophisch - um dann handfester nachzulegen: "Wichtig wird sein, dass wir diese Leistungen weiterhin bestätigen und im Training nicht nachlassen."