04. März 2020 / 09:28 Uhr

Erst Geisterspiele - und dann EM-Absage? So bedroht das Coronavirus den Fußball

Erst Geisterspiele - und dann EM-Absage? So bedroht das Coronavirus den Fußball

Tim Lüddecke und Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Das Coronavirus gefährdet auch die Fußball-EM 2020. 
Das Coronavirus gefährdet auch die Fußball-EM 2020.  © dpa/Montage
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Noch 100 Tage sind es bis zum Eröffnungsspiel der Europameisterschaft 2020. Zum ersten Mal wird auf dem ganzen Kontinent gespielt, in zwölf Stadien. Jetzt wird die UEFA nervös. Macht das Virus das "romantische und innovative Konzept" zunichte?

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Kein Mensch hat zugeschaut. Aber alle haben sehr genau hingeschaut – und hinterher von einem Geisterspiel gesprochen. Gemeint war das Europa-League-Spiel zwischen Inter Mailand und dem bulgarischen Klub Ludogorez Rasgrad vergangene Woche in Mailand. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Vor leeren Rängen. Aus Angst vor dem Coronavirus. Ist dieses Geisterspiel womöglich düsterer Vorbote für die Europameisterschaft, die in genau 100 Tagen angepfiffen werden soll?

Anpfiff im Juni – oder Abpfiff

Das Coronavirus Sars-CoV-2 macht jedenfalls auch vor der Lieblingssportart der Deutschen nicht halt – geschweige denn vor ihren Großereignissen. Im Sommer soll einen Monat lang und erstmalig über den ganzen Kontinent verstreut die Europameisterschaft stattfinden. Von Aserbaidschan bis Schottland, von Irland bis Spanien.

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Am 12. Juni erfolgt um 21 Uhr der Anstoß im Stadio Olimpico in Rom, Italien spielt gegen die Türkei. Das zumindest ist der Plan, der mit der Auslosung der Vorrundengruppen am 30. November auf den Weg gebracht wurde.

Nur: Zu diesem Zeitpunkt war von einem hochansteckenden Coronavirus, das sich rund um den Globus ausbreitet, noch keine Rede. Und erst recht nicht davon, dass Italien mit den meisten Erkrankungen zum europäischen Zentrum der Infektionen werden würde.

Mittlerweile hat sich die Lage so weit zugespitzt, dass zwei weitere Europapokalspiele mit italienischer Beteiligung nicht live im Stadion verfolgt werden dürfen. Diesmal in Spanien: FC Valencia gegen Atalanta Bergamo und FC Getafe gegen Inter Mailand. Die höchste italienische Liga, die Serie A, hat fünf Partien in den Mai verschoben. In der Schweiz sind sämtliche Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern bis zum 15. März verboten, die ersten beiden Fußballligen pausieren gar bis Anfang April. Grundsätzlich gilt auch ein EM-Spiel als Großereignis und würde genauso behandelt. Keine Ausnahmen also – auch nicht für König Fußball. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem alles anders sein soll.

Denn zum ersten Mal in ihrer Geschichte wird die EM als sogenanntes paneuropäisches Turnier ausgetragen: 51 Spiele in zwölf Ländern. „Romantisch“ nannte der mittlerweile abgesetzte UEFA-Präsident Michel Platini im Juni 2012 die Vorstellung von Spielen in ganz Europa, passend zum 60-jährigen Jubiläum der EM. Das „innovative Konzept“ wurde im darauffolgenden Dezember verabschiedet, auch, weil es gerechter wäre, die Kosten und Organisation auf mehrere Ausrichter zu verteilen, so befand Platini.

Richtig ist jedoch auch, dass es mit Irland/Schottland/Wales und Aserbaidschan/Georgien nur zwei Bewerber für die Austragung gegeben hatte – die den Ansprüchen jedoch offensichtlich nicht genügten. Und den Fans könne man durchaus mal das Pendeln zwischen mehreren Ländern zumuten, meinte der Franzose: „Es gibt Low-Cost-Air­lines, das ist doch heute kein Problem mehr.“

Heute sorgt die dezentrale Turnierkonstellation für ein Problem

Wen interessiert noch die ursprünglich charmante Idee, dass die Vorrundenpartien von bislang sieben teilnehmenden Nationalmannschaften als Heimspiele (Deutschland tritt etwa dreimal in München an) ausgetragen werden können, wenn zeitgleich die dringenden Empfehlungen zur Eindämmung des Coronavirus durch das hohe Reiseaufkommen mit Füßen getreten werden? Und wenn Flugzeuge das Virus womöglich in alle Ecken Europas tragen – sofern es nicht ohnehin schon oder noch immer allerorten grassiert?

Die DFB-Kandidaten für die EM 2020 im Chancen-Check

Leroy Sané (links) ist nach seiner schweren Kreuzband-Verletzung wieder ein heißer Kandidat für die EM-Nominierung. Robin Gosens überzeugt bei Atalanta Bergamo und steht vor dem Einzug ins Viertelfinale der Champions League. Zur Galerie
Leroy Sané (links) ist nach seiner schweren Kreuzband-Verletzung wieder ein heißer Kandidat für die EM-Nominierung. Robin Gosens überzeugt bei Atalanta Bergamo und steht vor dem Einzug ins Viertelfinale der Champions League. ©

Auf den Stadionrängen besteht natürlich eine besonders hohe Ansteckungsgefahr. „Die Zuschauer treten in engen Kontakt, wenn sie sich etwa nach einem Tor der eigenen Mannschaft in die Arme fallen“, erklärt Prof. Tim Meyer, Arzt der deutschen Nationalmannschaft. Unter seiner Leitung wurde beim DFB bereits eine Arbeitsgruppe, eine „Taskforce“, ins Leben gerufen, die nahezu im täglichen Austausch mit dem Robert-Koch-Institut, der zentralen Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung, steht.

Doch wer entscheidet: EM – ja oder nein? Und wann? Vom DFB wird man in dieser Angelegenheit an die UEFA verwiesen, den Veranstalter. Der verweist wiederum auch auf die zuständigen Behörden und Regierungen vor Ort. Immerhin ließ sich UEFA-Generalsekretär Theodore Theodoridis gestern in Amsterdam nach dem Kongress der Europäischen Fußball-Union zu der Äußerung hinreißen „Wir haben verschiedene Szenarien. Wir wollen aber diese im Moment nicht öffentlich diskutieren.“

Dass es in den zwölf Austragungsorten ganz unterschiedliche Voraussetzungen gibt, was etwa die medizinische Versorgung betrifft, macht die Situation nicht einfacher. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin bringt es beim Kongress ungewohnt offen auf den Punkt: „Sie wissen gar nicht, wie viele Sorgen wir haben, Sicherheit, politische Stabilität, Virus. Wir kümmern uns darum, und wir sind zuversichtlich, dass wir damit umgehen können.“

Über eine Verschiebung oder gar Absage will aber noch keiner reden. Ebenso wenig über die Frist, die noch bis zu einer Entscheidung bleibt. „Wir wollen nicht spekulieren, was in drei oder vier Monaten passiert“, sagt Theodoridis nur. Das letzte Wort hat der Veranstalter, also die UEFA.

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Hoffen auf die Sommerwärme

Eine Absage des Turniers wäre ein GAU für die UEFA. Zwar würden Versicherungen die Verbände wohl finanziell weitgehend auffangen, doch es geht um Hunderte Millionen von Euro aus TV- und Sponsorenverträgen, die im Haushalt fehlen würden. Dieses Szenario wird die UEFA mit aller Macht zu verhindern versuchen. Eine Verlegung scheint in dem mit Wettbewerben vollgepackten Kalender ausgeschlossen. Eher in Frage käme ein Turnier unter Ausschluss der Öffentlichkeit – die erste EM also, die der Zuschauer nur im TV verfolgen könnte. Also: Geisterspiele à la Mailand.

Hoffnung gibt es immerhin, dass sich die Coronalage bessert, je näher die wärmeren Monate (und die EM) rücken, auch wenn die Prognosen darauf hindeuten, dass sich das Thema bis Mitte Juni noch lange nicht erübrigt haben wird.

Einen Hinweis, wie die Verantwortlichen reagieren werden, könnte es in der letzten Märzwoche geben, wenn die letzten vier der 24 EM-Qualifikanten in den Play-off-Spielen ermittelt werden und die deutsche Nationalmannschaft in Testspielen in Madrid auf Spanien und in Nürnberg auf Italien trifft. Ausgerechnet gegen die Italiener muss der DFB als Veranstalter selbst eine Entscheidung treffen.

Droht eine Absage? Fifa-Präsident Gianni Infantino "würde im Moment nichts ausschließen".

Als EM-Generalprobe sind dann die Finals in der Europa League und der Champions League Ende Mai angedacht. Finden beide komplikationslos statt, dürfte auch das erste paneuropäische Turnier pünktlich angepfiffen werden. Vor Zehntausenden Zuschauern im Stadion.